Generalstreik nach Politikermord Alle Flüge nach Tunis abgesagt

Nach dem Mord an dem tunesischen Oppositionsführer Mohammed Brahmi will die größte Gewerkschaft das Land mit einem Generalstreik lahmlegen. Für Freitag wurden alle Flüge von und nach Tunis abgesagt - auch die Fluggesellschaft Tunis Air ist betroffen.

Demonstranten in Tunis: Generalstreik soll Land nach Politikermord lahmlegen
DPA

Demonstranten in Tunis: Generalstreik soll Land nach Politikermord lahmlegen


Tunis - Von und nach Tunis fliegen am Freitag keine Maschinen - die Arbeiter des Hauptstadtflughafens sind einem Aufruf zum Generalstreik gefolgt. Davon betroffen ist auch die Fluggesellschaft Tunis Air, wie eine Sprecherin von TUI bestätigte. Die Nachrichtenagentur Reuters hatte zuvor noch gemeldet, dass alle Flüge von und nach Tunesien gestrichen seien. Der Flughafen in Enfidha-Hammamet im Nordosten wird aber weiter angeflogen, dort wird ein Großteil der touristischen Flüge abgewickelt.

Nachdem am Donnerstag Oppositionspolitiker Mohammed Brahmi auf offener Straße erschossen wurde, hatte die größte Gewerkschaft UGTT des Landes zur Arbeitsniederlegung aufgerufen. Im Parlament ist ein Trauertag geplant.

In Tunis versammelten sich viele Menschen zu spontanen Protesten gegen Terrorismus und Gewalt. Vor dem Innenministerium mussten Sicherheitskräfte Tränengas gegen aufgebrachte Demonstranten einsetzen. In der Stadt Sidi Bouzid steckten Randalierer den Sitz der Bezirksregierung in Brand. In der Nacht zum Freitag blieb es weitgehend ruhig.

Der Abgeordnete Brahmi wurde in einem Vorort von Tunis vor den Augen seiner Frau von Unbekannten auf der Straße erschossen. Der 58-Jährige gehörte in der Verfassungsgebenden Versammlung dem linken, nicht religiösen Lager an und leitete die Partei "Bewegung des Volkes". Brahmi galt als erbitterter Gegner der Islamisten.

Islamisten hinter der Tat vermutet

Da der Mordanschlag am Gedenktag zur Republikgründung im Jahr 1957 verübt wurde, gab es kaum Zweifel daran, dass radikalislamische Kräfte hinter der Tat stecken. "Die Nachricht ist klar. Die Täter sind gegen den Staat und die Werte der Republik", sagte Chérif Khyari von der Parteienkoalition Front Populaire der Nachrichtenagentur dpa.

International ist die Ermordung scharf verurteilt worden. Die stellvertretende Sprecherin des US-Außenministeriums Marie Harf erklärte, es gebe keine Rechtfertigung für solche abscheulichen und feigen Taten. Gewalt habe keinen Platz in Tunesien, das sich im demokratischen Übergang befinde.

Westen pocht auf Demokratisierung

Frankreichs Präsident François Hollande und Bundesaußenminister Guido Westerwelle verurteilten die Bluttat. Politische Gewaltakte seien in keiner Weise hinnehmbar, erklärte Westerwelle. "Ich rufe alle politisch Handelnden in Tunesien auf, sich auch in diesem schwierigen Moment ihrer Verantwortung für die junge Demokratie des neuen Tunesiens bewusst zu sein."

Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon rief zu Ruhe auf. Es dürfe nicht zugelassen werden, dass diese abscheuliche Tat den Demokratieprozess in dem Land zum Scheitern bringe, sagte Ban laut einem Sprecher.

Anfang dieses Jahres war in Tunesien der Oppositionspolitiker Chokri Belaïd von islamistischen Extremisten ermordet worden. Im Anschluss eskalierten seit längerem anhaltende Spannungen im Ursprungsland des Arabischen Frühlings und es kam zu Massenprotesten. Die islamistische Regierungspartei Nahda stimmte deswegen einer Kabinettsneubildung zu.

Großdemonstrationen in Ägypten erwartet

Auch in Ägypten nehmen die Spannungen zwischen den politischen Lagern zu. Mehr als drei Wochen nach der Entmachtung des islamistischen Präsidenten Mohammed Mursi wollen am Freitag beide Seiten erneut ihre Anhänger mobilisieren. Armeechef General Abd al-Fattah al-Sisi rief die Bevölkerung auf, in "Millionenzahl" auf die Straße zu gehen, um ihm ein "Mandat zur Bekämpfung des Terrors" zu geben. Auch die islamistische Muslimbruderschaft will ihre Anhänger gegen das Militär, das am 3. Juli den aus ihren Reihen stammenden Mursi abgesetzt hatte, auf die Straße bringen.

Uno-Generalsekretär Ban verlangte, Mursi und andere hochrangige Politiker der Muslimbruderschaft sollten sofort freigegeben werden oder transparente Untersuchungen ihrer Fälle bekommen.

Das Militär gab den Islamisten am Donnerstagabend 48 Stunden Zeit, um sich am politischen Versöhnungsprozess in dem Land zu beteiligen. Ansonsten müssten sie sich auf ein härteres Vorgehen gefasst machen, zitierte die Nachrichtenagentur Mena aus einer Mitteilung der Armee. Die Muslimbruderschaft, aus der Mursi stammt, wurde darin allerdings nicht explizit erwähnt.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels wurde berichtet, dass nach Angaben der Nachrichtenagentur Reuters alle Flüge von und nach Tunesien wegen des Generalstreiks abgesagt wurden. Es handelt sich aber um die Flüge von und nach Tunis. Zudem ist auch die Fluggesellschaft Tunis Air von dem Streik betroffen. Wir haben den Fehler korrigiert und bitten, ihn zu entschuldigen.

fab/heb/dpa/Reuters

insgesamt 19 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
saiber 26.07.2013
1. Arabischer Fruehling!!!
Ach wie haben wir doch den arabischen Fruehling gelobt, in die Haende geklatscht ohne zu wissen was in diesen Laendern eigentlich los ist. Aegypten steht vor einem Buergerkrieg und in Tunesien werden Politker der Oppostion einer nach den anderen umgebracht. Auch die werden vor einem Buergerkrieg stehen.
roflem 26.07.2013
2. Der Westen pocht?
Na sowas....während die Salatfisteln aus Riyad und Qatar das Geld fliessen lassen, pocht der Westen? Auf was bitte? Auf Holz oder Beton? Solange "der Westen" zu Riyad und Qatar "bessere" Beziehungen hat, als zu den unterstützenswerten Bemühungen von Demokratisierung, wird das nix.
Tiananmen 26.07.2013
3.
Um ein Zitat völlig zu versauen: *"Mord ist die Fortsetzung islamistischer Politik mit anderen Mitteln".* Leider muss man sich eingestehen, dass diese Tatsache auf das Bild der Muslime insgesamt abfärbt. Die mangelnde Integrationsbereitschaft der Musline in Deutschland verstärkt den Eindruck, dass diese Bevölkerungsgruppe nichts mit unseren Werten und Vorstellungen gemeinsam haben will.
Tiananmen 26.07.2013
4.
Zitat von saiberAch wie haben wir doch den arabischen Fruehling gelobt, in die Haende geklatscht ohne zu wissen was in diesen Laendern eigentlich los ist. Aegypten steht vor einem Buergerkrieg und in Tunesien werden Politker der Oppostion einer nach den anderen umgebracht. Auch die werden vor einem Buergerkrieg stehen.
Hoffen wir, dass wenigstens der Maghreb sich der radikal-islamischen Strömung widersetzen kann. Sie sind - wie wir - der "Westen" ihres Kulturkreises. Was weiter im Osten ist, glaube ich verloren, worum es mehr als schade ist. Ägypten und die Staaten der Levante in der islamisch-arabischen Einflusszone verschwinden zu sehen, tut weh. Bleibt die Türkei - die nicht weiß, wohin sie will und die sowohl von den arabischen Staaten wie von den europäischen nicht wirklich gewollt wird.
tinosaurus 26.07.2013
5. längerer Weg
Bei dem arabischen Frühling zeigt sich leider immer deutlicher, dass radikal-islamistische Fanatiker mit Demokratie ohnehin nichts anzufangen wissen. sie kennen nur den eigenen Standpunkt und die Sprache der Gewalt. Es wird noch lange dauern, bis man von einem echten Umbruch reden kann.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.