Generation Berlusconi Italien, Land der verlorenen Träume

Gelingt Italien der Neuanfang? Ausgerechnet jene Menschen, die das Land umkrempeln müssen, zweifeln daran. Silvio Berlusconis schlimmstes Erbe ist eine Generation, die mit dem Zynismus des Cavaliere groß geworden ist - und den Glauben an ihre Zukunft verloren hat.

AP

Aus Rom berichtet


Am Montag soll es endlich so weit sein: Nach Jahren des Stillstands kehrt die Bewegung in die italienische Politik zurück. Italiens neuer Premier Mario Monti stellt in Rom sein Reformpaket vor, mit dem er das gelähmte Land wieder in Fahrt bringen will.

Ein Ruck soll durch Italien gehen, darauf hoffen in der Euro-Krise auch die europäischen Nachbarn - allen voran die Bundeskanzlerin, die Montis Pläne bereits "sehr beeindruckend" nannte.

Geht es nun, nach dem Abgang von Skandalpremier Silvio Berlusconi, wieder bergauf mit Italien? Gelingt dem Land der Befreiungsschlag aus der Schulden- und Wirtschaftskrise?

Diejenigen, die diesen Neuanfang schaffen müssten, glauben allerdings selbst kaum daran. Denn in Italien ist eine Generation herangewachsen, die jegliches Vertrauen in die Politik und den Glauben an die eigene Zukunft verloren zu haben scheint.

Es ist nicht so sehr die Jugend, die noch in der Ausbildung steckt und die Politik noch kennenlernt. Sondern es ist die Generation, deren Start ins Erwachsenen- und Arbeitsleben von Berlusconi geprägt war. In deren Jugend der "Cavaliere" die politische Bühne betrat und ihr Land dann 17 Jahre lang prägte: mal als allgegenwärtiger Oppositionsführer mit Kontrolle über Privatfernsehen, Zeitungen, ein Wirtschaftsimperium und einen der beliebtesten Fußballclubs, und die meiste Zeit als Regierungschef, der dann zusätzlich noch Politik und Staatsfernsehen steuerte.

Wer mit Italienern in ihren Dreißigern spricht, lernt eine Generation kennen, die voller Misstrauen auf Politik und Wirtschaft schaut - die Vetternwirtschaft und Korruption beim Start ins Berufsleben erlebt hat, die bis heute versucht, Tritt zu fassen in einem Italien, das wenig mit dem zu tun hat, was Strahlemann Berlusconi in Parlament oder Fernsehen verkündete.

Der Römer Massimo Palma, 33 Jahre alt, sagt: "Wie soll ich nach diesen 17 Jahren unsere Abgeordneten noch ernst nehmen? Silvia Brunelli, 31 Jahre alt, sagt: "Im Berufsleben geht es nur noch um Beziehungen, nicht mehr um Leistung."

Sicher: Auch in Deutschland gibt es Politikverdrossenheit, stöhnen Akademiker über den unsicheren Einstieg ins Berufsleben. Doch Italiens Krisengeneration hat ein Jahrzehnt hinter sich, in dem das Land wirtschaftlich kaum gewachsen ist, die meiste Zeit mit Berlusconi einen Regierungschef hatte, der ihnen Egoismus vorlebte und unter dem es nur wenige aus ihrem Alter nach ganz oben schafften: vor allem junge Frauen, die Berlusconi nahe standen und die er zu Abgeordneten und Ministerinnen machte.

Für die Sorgen der Jungen hatte der Cavaliere, wie für viele andere Probleme des Landes, kein Ohr: Als ihn eine Studentin fragte, wie sie in ihrer prekären Lage eine Familie gründen könne, sagte Berlusconi: "Heiraten Sie einen meiner Söhne." Uniabsolventen gab er den Karrieretipp: "Niemals braune Schuhe zum blauen Anzug tragen."

Seine Regierung führte einen Dauerstreit um eine moderate Rentenreform, während die Jugendarbeitslosigkeit auf knapp 30 Prozent anstieg und nun fast jeder zweite junge Italiener in prekären Arbeitsverhältnissen lebt. Der durchschnittliche Nettoverdienst von jungen Uniabsolventen fiel auf 1078 Euro, während Zehntausende Hochqualifizierte ins Ausland gingen (und dort durchschnittlich 500 Euro pro Monat mehr verdienten als die Daheimgebliebenen).

Immerhin: Berlusconis Nachfolger Monti sprach gleich in seiner Antrittsrede davon, dass Italien das Potential seiner Jugend und der Frauen verschwende. Auch wenn er, wie angekündigt, verkrustete Strukturen aufbricht - dass sich für sie selbst noch etwas ändert, glaubt die Generation Berlusconi nicht mehr. Sie könnte als verlorene Generation Italiens zurückbleiben.

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