Angebliche Genitalverstümmelung im Irak Wie die Uno sich mit einer Falschmeldung blamierte

Die Vereinten Nationen sind einer falschen Fatwa aufgesessen: Die Meldung, dass IS-Terroristen die Genitalverstümmelung von Frauen im Irak und in Syrien befohlen haben, entpuppte sich als Fake. Wie kam es zu dieser Blamage?

Von , New York

REUTERS

Es war eigentlich ein Routine-Briefing. Jacqueline Badcock, die humanitäre Beauftragte der Uno im Irak, meldete sich per Videolink aus ihrem Dienstsitz in Erbil. Am anderen Ende der Schaltung saßen die Uno-Korrespondenten in Genf, wo sich auch Badcocks Stammbehörde befindet, das Uno-Entwicklungsprogramm UNDP.

Badcock, die Nummer zwei der Uno im Irak, berichtete über ein Thema, das ihr von Berufs wegen am Herzen liegt: die humanitäre Lage der Iraker, die vor allem in Mossul von der Terrorgruppe "Islamischer Staat" (IS) bedroht werden. Von dort hatte Badcock Erschreckendes zu vermelden: Die Extremisten hätten per Fatwa die Genitalverstümmelung aller Frauen und Mädchen zwischen 11 und 46 Jahren befohlen.

"Wir haben das heute Morgen erfahren", sagte sie. Es könnten fast vier Millionen Frauen und Mädchen betroffen sein. "Dies ist etwas sehr Neues für den Irak, vor allem in dieser Region", ergänzte sie. "Es ist sehr besorgniserregend."

Und damit begann am Donnerstag eine Falschmeldung ihren Weg um die Welt.

Die Nachrichtenagentur Reuters verbreitete sie zuerst: Die IS habe Genitalverstümmelung für "alle Frauen und Kinder in und um" Mossul angeordnet, schrieb Stephanie Nebehay, die Genfer Uno-Korrespondentin für Reuters. Nebehay ist eine langjährige Uno-Berichterstatterin, sie hatte an dem Video-Briefing mit Badcock teilgenommen.

Schnell verbreitete sich der Reuters-Bericht im Internet. Genitalverstümmelung ist ein globales Reizthema: Nach Schätzung der Weltgesundheitsorganisation WHO leiden rund 125 Millionen Frauen in 29 Staaten in Afrika, Asien und dem Nahen Osten an den Folgen. Auch passte das Szenario zumindest oberflächlich in all die jüngsten Horrormeldungen aus dem Irak.

Das US-Magazin "Newsweek" zitierte die Meldung prominent, wiewohl mit Vorbehalt: "Es gab keine unmittelbare Bestätigung." Ebenso der britische "Guardian", der als Quelle "Reuters in Genf" angab.

Schon kurz darauf aber relativierte Nebehay ihre Meldung und schob eine zweite, aktualisierte Fassung hinterher - ergänzt um den Satz: "Doch in sozialen Medien tauchten Zweifel an der Grundlage des Berichts auf."

Damit meinte sie zunächst Jenen Moussa, eine erfahrene Nahost-Korrespondentin des panarabischen Satellitensenders Al Alain in Dubai. "Meine Kontakte in #Mossul haben NICHT gehört, dass 'Islamischer Staat' FGM für alle Frauen in ihrer Stadt befohlen haben", twitterte Moussa als erste der Zweifler. FGM (Female Genital Mutilation) ist die gängige englische Abkürzung für Genitalverstümmelung bei Frauen.

Für die Darstellung wird Javascript benötigt.

Der Beginn einer Welle

Es war der Anfang einer Welle, die Badcocks Behauptung schnell aushebeln würde. Moussas Tweet wurde weltweit kommentiert und schnell fast 200-mal geteilt - oft mit Empörung. "Noch eine Lüge der westlichen Medien", schrieb die Politologin Hayat Alvi.

Schnell schalteten sich weitere Experten aus der Region ein - die meisten von ihnen Frauen. "Irakische Kontakte sagen #Mossul-Story ist gefälscht", twitterte Siesta Aziz, eine freie Journalistin und Bloggerin für den "Guardian", kurz nach Moussa und löschte alle Tweets, in denen sie Badcock zitiert hatte. Die Falschmeldung ziele "auf die Emotionen des westlichen Publikums".

Für die Darstellung wird Javascript benötigt.

Leila Fadel, Bürochefin des US-Radiosenders NPR in Kairo, fügte weitere Dementis hinzu: Ihre Quellen in Mossul - "darunter ein Doktor, ein Journalist und ein Stammesführer" - hätten die Meldung als "falsch" bezeichnet.

Für die Darstellung wird Javascript benötigt.

Auch IS-Unterstützer meldeten über Twitter Protest an. Stunden später titelte sogar die BBC: "Zweifel an der Authentizität der Fatwa wachsen."

Auf Twitter kursierte schon spätestens am Mittwoch eine Abschrift der angeblichen Fatwa. Nur stammt diese von 2013, enthält Schreibfehler und scheint manipuliert und mit der Retuschier-Software Photoshop bearbeitet.

Für die Darstellung wird Javascript benötigt.

Es handele sich "mit aller Klarheit um eine Fälschung", sagte Irak-Experte Charles Lister von der Brookings Institution der Agentur AFP. Auch sei weibliche Genitalverstümmelung kein Merkmal des salafistischen Islam, wie er vom IS propagiert wird, und passe nicht in deren "Image", trotz der gefürchteten Brutalität.

"Ich bin gespannt, wer die Quelle der Uno war", schrieb Lister auf Twitter. Womöglich sei der Staatenbund "politisch motivierten Informationen aus dem Irak" aufgesessen.

"Ich erlebe das zum ersten Mal"

Wie konnte Badcock diese Meldung nur so gutgläubig verbreiten? Seit Mai 2012 ist sie im Irak, also nicht neu im Metier. Ihre Uno-Karriere reicht bis in die Achtzigerjahre zurück. Ihr Team habe "Null Kontakt" mit dem IS, sagte sie bei der Videokonferenz - sie bekämen ihre Informationen von Stammesführern. Möglicherweise wurde sie von der kurdischen Autonomiebehörde oder der irakischen Regierung gezielt mit falschen Informationen gefüttert. In irakischen Medien kursierten schon seit Tagen Gerüchte über Genitalverstümmelungen.

"Wir versuchen herauszufinden, was wir gesichert wissen", wiegelte ein Genfer Uno-Sprecher am Donnerstagabend ab. Die UNDP und Badcocks Büro selbst äußerten sich auf Anfrage zunächst nicht.

Wie Badcock an ihre Informationen gekommen sei und "ob und wie der Wahrheitsgehalt überprüft wurde", das könne sie wohl nur selbst beantworten, hieß es in diplomatischen Kreisen. Ein Insider ergänzte konsterniert: "Ich erlebe so eine mögliche Falschmeldung aus den Vereinten Nationen zum ersten Mal."

Irak und Syrien: Der Konflikt im Überblick
Städte unter ISIS-Kontrolle
Umkämpfte Städte
Gebiete, in denen ISIS aktiv ist
Kurden
Schiitische Araber
Sunnitische Araber
Hochburgen schiitischer Milizen

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.