Zum Tode von George H.W. Bush Der Letzte seiner Art

George H.W. Bush, der 41. US-Präsident und Vater des 43. US-Präsidenten, war ein stiller Staatsmann. Lange verkannt, symbolisierte er jene Courage und Demut, die dem Amt heute so schmerzlich fehlen.

Von , New York


Es war eines der letzten Fotos von ihm. George H.W. Bush saß im Rollstuhl, hinter ihm standen, Arm in Arm und vereint lächelnd, sein Sohn George W. Bush und Ehefrau Laura, Bill und Hillary Clinton, Barack und Michelle Obama sowie Melania Trump. US-Präsident Donald Trump fehlte.

Das Bild zeigte fünf amerikanische Polit-Generationen: vier Ex-Präsidenten, drei frühere und eine amtierende First Lady, versammelt zu Barbara Bushs Beerdigung. Es zeigte zugleich, wie ideologische Gegensätze verschwinden können, je ferner das Weiße Haus rückt. Stattdessen: Respekt, Würde, Freundschaft - ein Eindruck, den die Abwesenheit Trumps nur verstärkte.

Sie umringten George H.W. Bush wie ihren gemeinsamen Patriarchen. Bush Senior, der acht Monate nach dem Foto mit 94 Jahren verstarb, war der 41. US-Präsident - die meisten nannten ihn einfach "41" - und der Vater des 43. Präsidenten. Doch er war noch viel mehr.

REUTERS/ Office of George H.W. Bush

Er war der Letzte seiner Art. Ein stiller Staatsmann, lange verkannt, viel zu spät geschätzt, eine wehmütige Erinnerung an die würdige Demut dieses Amtes, die seine Nachfolger, sein eigener Sohn inklusive, nur anstreben konnten - und die dem jetzigen Präsidenten vollends fehlt.

Dem älteren Bush fehlte diese Demut nie, doch lange offenbarte sie sich als Unbeholfenheit. Dabei schien ihn seine Laufbahn fürs Weiße Haus prädestiniert zu haben: Sohn eines Bankiers und Senators, Elitestudent, Kongressabgeordneter, Uno-Emissär, Parteichef, China-Botschafter, CIA-Direktor, Vizepräsident. Die Präsidenten, denen er diente, waren Schurken (Richard Nixon), Schatten (Gerald Ford) oder Schausteller (Ronald Reagan). Bush blieb der stille Mann am Rande.

"Eine Weile dachte ich, es sei vorbei"

Als die Japaner 1941 Pearl Harbor bombardierten, war Bush ein 17-jähriger Student am ältesten US-Internat in Massachusetts. "Dein Land wurde angegriffen", erinnerte er sich. "Da muss man mithelfen." Er warb bei der Marine an und zog als jüngster Navy-Pilot in den Zweiten Weltkrieg. Seine Verlobte Barbara Pierce, die er gerade erst kennengelernt hatte, blieb zurück.

1944 wurde Bush über dem Pazifik abgeschossen. Er rettete sich aus dem brennenden Flugzeug und trieb vier Stunden im Meer, bevor ihn ein U-Boot fand. "Eine Weile dachte ich, es sei vorbei", berichtete er später einmal. Noch vor Kriegsende heirateten Barbara und er, ihre Ehe sollte 73 Jahre andauern, bis zu Barbaras Tod. Sie waren damit das am längsten verheiratete US-Präsidentenpaar.

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George H.W. Bush: US-Präsident in turbulenten Zeiten

Sein Mut offenbarte sich selten, seine Bescheidenheit galt oft als Schwäche. "Schlappschwanz" nannte ihn das Magazin "Newsweek", als er 1987 seine Präsidentschaftskandidatur verkündete. Selbst der Golfkrieg 1990 verschaffte ihm keine Heldenaura. Die diplomatische Finesse, mit der Bush eine internationale Uno-Koalition schmiedete, wurde lange ebenso wenig gewürdigt wie seine Bestimmtheit, mit der er die Operation "Desert Storm" nach exakt 100 Stunden für beendet erklärte. Später machte sein Sohn im Irakkrieg all jene Fehler, die der Vater vermieden hatte, und ließ "Mission Accomplished" drüberschreiben.

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US-Präsident: George H.W. Bush - sein Leben in Bildern

Bushs größtes Verdienst war denn auch die Außenpolitik. Geschickt manövrierte er die geopolitischen Umwälzungen seiner kurzen Amtszeit, allen voran den Fall der Mauer und das Ende der Sowjetunion. Er erkannte, dass Deutschland fest in der Nato und somit im US-Einflusskreis verankert bleiben musste und rang Michail Gorbatschow diese Kapitulation ab. "Bush kann beanspruchen, der Vater des modernen Deutschlands zu sein", schreibt der Historiker Jeffrey Engel. "Jedenfalls mehr als sonst ein Ausländer."

Bescheidenheit als Schwäche ausgelegt

Die meisten Amerikaner dagegen sahen diese langfristigen Umbrüche nicht. Sie blickten lieber nach innen - auf die Wirtschaft, die Steuern, Bushs Fauxpas, etwa als er sich bei einem Staatsbankett in Japan übergab. Und sie blickten auf Bill Clinton, diesen feschen Gouverneur aus Arkansas, der 1992 Bushs Wiederwahl verhinderte. Der Demokrat siegte mit 43 zu 38 Prozent, 19 Prozent gingen an den Milliardär Ross Perot. Diese Niederlage schmerzte Bush bis zuletzt und wurde erst acht Jahre später ein bisschen gemildert, als sein Sohn George W. ins Weiße Haus einzog.

George H.W. Bush mit seiner Frau Barbara und George W. Bush.
REUTERS

George H.W. Bush mit seiner Frau Barbara und George W. Bush.

Doch dessen neokonservative Kriegspolitik beobachtete der Senior mit gemischten Gefühlen. "Keiner hat mich gefragt, warum wir damals nicht nach Bagdad gegangen waren", klagte Bush 2007, als der Irak - in dem er selbst sich klugerweise nicht lange verstricken hatte wollen - nach der missratenen US-Invasion in Chaos und Terror versank. Doch der Vater scheute sich, dem Sohn dazwischenzureden.

Auch sonst mied Bush sen. seitdem die Politik, obwohl ihn seine plötzliche Bedeutungslosigkeit bedrückte: "Ich kann keinen Sport mehr treiben, keiner will mich mehr in seinem Team haben", sagte Bush 2012 im TV-Dokumentarfilm "41". "Das ist eine Metapher. Aber ich vermisse es."

Dann tat er sich aber mit dem früheren Rivalen Clinton zu Spendenaktionen für die Opfer des Hurrikans "Katrina" und des Erdbebens in Haiti zusammen. Daraus erwuchs eine neue Berufung, und Clinton wurde zu einem Freund, der ihn oft besuchte und stets ein neues paar bunte Socken mitbrachte, die er sammelte. Die Nähe eines anderen Ex-Präsidenten tröste ihn: Er habe "viel Spaß" dabei, sagte er. "Solange es keine Beerdigung ist."



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