George W. Bush Gottes Sendbote im Aufwind

Paradoxes Phänomen: Trotz des Debakels im Irak und peinlicher Fragen, denen sich George W. Bush und sein Vize Dick Cheney heute vor dem 9/11-Ausschuss stellen müssen, scheint der US-Präsident daheim unangreifbar zu sein. Seine Popularitätswerte steigen sogar. Bushs Trick: Er nutzt die Kritik, um sich als starker Mann zu profilieren.

Von , New York


George W. Bush: Sendbote Gottes
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George W. Bush: Sendbote Gottes

Das amerikanische TV-Magazin "Nightline", sonst traditionell unparteiisch, mischt sich in die Politik ein. Und zwar morgen Abend, wenn sich "Nightline"-Chef Ted Koppel, ein journalistisches Urgestein, im New Yorker Studio des Networks ABC live vor die Kameras stellen und, nach nur kurzer Einleitung, eine halbe Stunde lang eine nackte Namensliste verlesen wird - die der mehr als 530 bisher im Irak durch Feindeshand gefallenen US-Soldaten.

Die Sondersendung, die nach Worten ihres Produzenten Leroy Sievers an die "Namen und Gesichter" hinter der Todesstatistik erinnern soll, hat ein historisches Vorbild: 1969 druckte die Illustrierte "Life" in einer Extranummer die Fotos von 242 GIs, die innerhalb von nur einer Woche in Vietnam umgekommen waren, und galvanisierte so die Antikriegsbewegung daheim - was wiederum sechs Jahre später zum Rückzug der US-Truppen führte. "So eine Verschwendung, so eine Schande", zitierte "Life" damals eine trauernde Soldatentante.

Ob die "Nightline"-Aktion diesmal jedoch zu einer ähnlichen Kettenreaktion führen wird, ist fraglich. Bisher jedenfalls hat die wachsende Zahl der Kriegsopfer im Irak und die ebenso wachsende Kritik der politischen Opposition an Präsident Bush einen eher gegenteiligen Effekt gehabt: Die Wähler zeigen sich weiter unbeeindruckt; in den meisten Umfragen hat Bush sogar leicht zugelegt.

Lange Litanei kritischer Literatur

Woodward-Buch "Plan of Attack": Höhepunkt einer langen Litanei

Woodward-Buch "Plan of Attack": Höhepunkt einer langen Litanei

Es ist ein paradoxes Phänomen, das sich seit einiger Zeit beobachten lässt: Je brenzliger Bushs Lage aussieht, je schärfer die Vorwürfe gegen ihn zielen, je mehr Ungereimtheiten aus dem Vorlauf des Krieges zu Tage treten, je mehr Insider sich mit vernichtenden Aussagen gegen ihn stellen - um so unantastbarer wirkt der Präsident. Eine Krise nach der anderen verpufft, und Bush scheint stattdessen richtig aufzublühen - derweil sich sein demokratischer Konkurrent John Kerry mühsam abstrampelt, um Profil zu gewinnen.

Jüngstes Beispiel: "Plan of Attack", das neue Buch der Watergate-Reporterlegende Bob Woodward über Bushs Kriegsvorbereitungen. Das enthielt ja allerlei brenzlige Enthüllungen, auf die sich nicht nur die amerikanischen Medien gierig gestürzt haben. Unter anderem die, dass US-Außenminister Colin Powell, der ewige Zweifler, bei der Irak-Invasionsplanung anfangs lange außen vor geblieben sei.

Es war der Höhepunkt einer langen Litanei Bush-kritischer Literatur, die morgen weitergeht - mit der Biografie des langjährigen Diplomaten Joseph Wilson, der die "Uran-Lüge" in Bushs Vorkriegs-Rede zur Lage der Nation vom Januar 2003 aufdeckte und dafür vom Weißen Haus abgestraft wurde, indem es Wilsons Gattin als CIA-Agentin auffliegen ließ.

Der Dissident als Lesetipp

Toter US-Soldat: Zustimmung trotz steigender Opferzahlen
DPA

Toter US-Soldat: Zustimmung trotz steigender Opferzahlen

Doch Bush in der Bredouille? Von wegen. In einer Umfrage des Pew Research Centers zum Beispiel, erhoben eine Woche nach Publikation des Woodward-Buchs, schlägt sich das so nieder: Im Skandalmonat April - dem bisher blutigsten im Irak, der an der Heimatfront zudem von den dramatischen Kreuzverhören des 9/11-Ausschusses geprägt war - ist Bushs Popularität sogar noch gestiegen. 48 Prozent der Befragten begrüßen seine Amtsführung - satte fünf Prozent mehr als Anfang April.

Zu ähnlichen Ergebnissen kommt auch das Gallup-Institut, das Bushs Popularitätswert sogar auf 57 Prozent beziffert. In einer separaten Wahlumfrage konnte Bush seinen Vorsprung gegenüber Kerry von 48 auf 51 Prozent ausbauen, während der Demokrat bei 46 Prozent stagnierte. Nur CBS News und die "New York Times" sehen Bush, als einzige Gegenstimmen, in einer gemeinsamen Umfrage auf dem absteigenden Ast.

Was geht hier vor? Gucken die Amerikaner nicht fern? Lesen sie keine Zeitung?

Im Gegenteil. Das Weiße Haus ermuntert die Bürger sogar, sich die Kritik zu Gemüte zu führen. Statt Bob Woodward zum Abschuss freizugeben wie andere Dissidenten zuvor auch, gewährt ihm das Bush-Team nun die höchste Ehre: Der Autor landete als offizielle "Lektüre-Empfehlung" auf der Wahlkampf-Website www.georgebush.com. Dort steht "Plan of Attack" auf Platz eins der Leseliste, sanktioniert vom Oval Office und noch vor der Schnulz-Ode der Bush-Beraterin Karen Hughes an den Boss.

Kein Schwächling wie der Vater

Demokrat Kerry: Dröge, suspekt, unwählbar
AP

Demokrat Kerry: Dröge, suspekt, unwählbar

Zum einen ist dies die Flucht nach vorn; mit Woodward legt man sich nicht an. Zum anderen hat Bush erkannt, was andere leicht übersehen: In all der Kritik, all den Krisen der letzten Wochen steckt, vorerst zumindest, ein unschätzbarer Wahl-Bonus. Der Präsident kommt nämlich als starker Mann daher, der im Dienste einer höheren Sache zur Not auch über Leichen geht, buchstäblich. Das zieht offenbar.

"Im Rennen ums Weiße Haus", weiß Bushs Wahlkampfsprecher Terry Holt, "ist jeder Hinweis, der die Entschlusskraft des Präsidenten und seine Führungseigenschaften demonstriert, prinzipiell gut." Anders gesagt: Ein vermeintlicher Schurke bleibt sympathisch, solange er nur überzeugt zu seinen Schurkereien steht. Musterbeispiel: Bushs stoische Weiter-so-Pressekonferenz vor zwei Wochen. Ein vermeintlich Heiliger dagegen, von Gewissensnöten zerrieben wie John Kerry seinerzeit über seinen Vietnam-Einsatz, ist dröge, suspekt - und unwählbar, zumindest für die Hälfte der Amerikaner.

Es ist eine Lektion, die Bush vor langer Zeit gelernt hat, anhand der Polit-Odyssee seines Vaters. Der war 1988 vom Nachrichtenmagazin "Newsweek" auf dem Cover als "Schwächling" tituliert worden - ein Etikett, das Bush senior auch nach seinem Einzug ins Weiße Haus und dem ersten Irak-Golfkrieg nie ganz ablegen konnte.

Der Präsident als Bote des Herrn

US-Soldat vor Nadschaf: "Die Verteidigung der Nation ist die geheiligte Pflicht eines Präsidenten"
DPA

US-Soldat vor Nadschaf: "Die Verteidigung der Nation ist die geheiligte Pflicht eines Präsidenten"

Stil über Substanz, Macho über Memme: Es ist ein Image, das Bush allein im Monat März mit historischen Rekord-Werbeausgaben von fast 50 Millionen Dollar propagiert hat. 41 Millionen Dollar davon gingen für TV-Spots drauf, die auf Gefühle setzen statt Gehalt und es, so eine Analyse der "New York Times", mit der Wahrheit nicht immer so genau nehmen.

So hofft das Weiße Haus denn auch und die Umfragen geben ihm Recht, dass vom Woodward-Buch nicht die eigentliche, reale Kritik im Gedächtnis haften bleibt. Sondern jene prosaischen Passagen, in denen der Präsident als "groß und physisch" beschrieben wird, als "konzentriert, direkt, praktisch" und mit virilen Parolen wie: "Lass es uns anpacken." Denn genau das, so soll Bushs Chefstratege Karl Rove seinen Helfern eingebläut haben, wollen die Leute hören: "Bush zeigte weder Zögern noch Unsicherheit", schreibt Woodward, und, fast wahlhelferisch: "An der Spitze herrschten keine Zweifel."

Bush beim Kirchenbesuch in New Orleans: Aus dem Bauch heraus regieren
REUTERS

Bush beim Kirchenbesuch in New Orleans: Aus dem Bauch heraus regieren

Diese geradezu blinde Zweifelsfreiheit - die der Princeton-Ethikprofessor Peter Singer in einer Buch-Analyse der Bush'schen Wertewelt als "intuitive Ethik" bezeichnet - kommt nicht von ungefähr: Sie ist ein altes Motiv der amerikanischen Nationalmythologie. Sie trieb einst schon die Pioniere in den Wilden Westen. Und sie lässt Bush heute proklamieren, er regiere am liebsten "aus dem Bauch heraus".

In diese patriotische Melange hinein rührt Bush seinen längst berüchtigten Kreuzzugs-Missionarseifer, in dem Singer gruselige Züge eines "apokalyptischen Christentums" ausmacht: Die Verteidigung der Nation, so Bush, sei "die geheiligte Pflicht eines Präsidenten", der wiederum nur ein "Bote", der "um die Kraft betet, den Willen des Herrn auszuführen". Keine zufällige Wortwahl: An den Sendboten Gottes prallt Kritik natürlich ab.

Demokratische Dummköpfe

Anti-Kriegs-Demo in den USA: "Das Land ist polarisiert"
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Anti-Kriegs-Demo in den USA: "Das Land ist polarisiert"

Süffige Klischees wie diese kommen bei vielen Amerikanern gut an. In einer Entertainment-Gesellschaft, in der Subtilitäten und Widersprüche - die Nahost-Krise etwa, oder Kerrys politische Komplexität - keinen Platz haben, ist der platte Sprücheklopper König, siehe Donald Trump.

Davon profitiert Bush - und Kerry leidet, denn seine politischen Positionen lassen sich nicht in einfache Schablonen pressen. Auch Kerrys Neigung, nicht immer gleich zum Gegenangriff überzugehen, sondern erst mal in aller Ruhe abzuwarten, ob sich die Debatte überhaupt lohnt, schlägt sich in vielen Meinungsumfragen als Entscheidungsschwäche nieder. So reagierte Kerry erst Tage verspätet auf die jüngsten Attacken des Bush-Lagers, das seine einstigen Konflikte um den Vietnam-Einsatz zum Landesverrat umzudeuten versuchte.

Dabei hilft es wenig, dass Kerry oft zu Übertreibungen und Halbwahrheiten neigt und außerdem ein Meister darin ist, einfache Fragen in unverständliche Antworten zu verwandeln - oder in Fettnäpfe, in die er dann auch gleich tritt. "Kerrys größtes Problem ist Kerry", weiß Joan Vennochi, Kolumnistin der Kerry-Heimatzeitung "Boston Globe".

Schuld an dem nationalen Dilemma, seufzt die von den Republikanern zu den Demokraten übergelaufene Kolumnistin Arianna Huffington, seien deshalb nicht allein "die Fanatiker in der republikanischen Partei", sondern vor allem auch "die demokratischen Dummköpfe, die es den Fanatikern erst ermöglichen, die Oberhand zu behalten". Schlechte Aussichten also für eine Wahl, die "ein politisches Ereignis von unvergleichbarer Bedeutung für unser Leben und das unserer Kinder sein" und entscheiden werde, "in welchem Amerika wir leben wollen".

"Die Blauen werden blauer"

Bush: Der platte Sprücheklopper ist König
AP

Bush: Der platte Sprücheklopper ist König

Und so läuft am Ende eben doch alles darauf hinaus, wie sich im November die fast exakte politische Zweiteilung des Landes zwischen Demokraten und Republikanern einpendeln wird, die sich nach dem Wahldebakel von 2000 so bitter verhärtet hat. "Das Land ist zwischen Rot und Blau polarisiert", sagt der US-Polititologe Hand Noel, in Anspielung auf die beiden Parteifarben. Die Roten stehen hinter Bush, die Blauen hinter Kerry, und alle buhlen um die rund sieben Prozent der Unentschlossenen.

An den kompromisslosen Fronten dürften weder Kritik noch Krisen mehr groß rütteln. Im Gegenteil: "Die Roten werden roter, die Blauen werden blauer", prophezeit der Washingtoner Wahlforscher John Kenneth White. Das wird heute auch der Auftritt von Bush und Vize Dick Cheney hinter den verschlossenen Türen des 9/11-Ausschusses nicht ändern. Oder morgen das neueste Enthüllungsbuch von Joe Wilson und die Irak-Gefallenenliste auf "Nightline".



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