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Geplanter Terrorprozess in New York: US-Justiz muss Folterberichte von 9/11-Angeklagten fürchten

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Es wird ein Terrorprozess, wie es ihn noch nie gab: In New York werden fünf mutmaßliche Drahtzieher der Anschläge vom 11. September vor Gericht gestellt - in einem ordentlichen Verfahren. Das kann die US-Behörden in Bedrängnis bringen, wenn die Angeklagten über CIA-Folter aussagen.

Chalid Scheich Mohammed (Aufnahme vom Juli): Dem Terrorplaner droht die Todesstrafe Zur Großansicht
AP

Chalid Scheich Mohammed (Aufnahme vom Juli): Dem Terrorplaner droht die Todesstrafe

New York - Die Abrechnung mit den Planern der Anschläge vom 11. September 2001 wird ein Jahrhundertprozess: In unmittelbarer Nähe von Ground Zero in New York, wo einst die Türme des World Trade Center standen, werden die mutmaßlichen Hintermänner der Attentate um Chalid Scheich Mohammed vor ein ziviles Gericht gestellt. Diese spektakuläre Nachricht wurde an diesem Freitag von US-Justizminister Eric Holder bestätigt. Die fünf Verdächtigen sind (siehe auch den Kasten links):

  1. der 44-jährige Chalid Scheich Mohammed, von englischsprachigen Medien oft "KSM" genannt.
  2. Ramzi Binalshibh, der Chefstratege der Hamburger Terrorzelle
  3. Walid bin Attasch
  4. Mustafa Ahmad al-Hawsawi
  5. Ali Abd al-Asis Ali

Sie alle werden beschuldigt, an der Vorbereitung und Durchführung der Anschläge maßgeblich beteiligt gewesen zu sein. Bei den Attacken mit Passagierflugzeugen in New York, Washington und Pennsylvania starben fast 3000 Menschen.

Derzeit sind die Angeklagten im US- Gefangenenlager Guantanamo Bay auf Kuba inhaftiert. US-Präsident Barack Obama will das Lager schließen, das hatte er zu Beginn seiner Amtszeit als einen seiner ersten großen Pläne angekündigt. Der geplante Termin Ende Januar wird sich jedoch nicht halten lassen. Weil bislang formal keine Anklage gegen die meisten Häftlinge erhoben wurde, dürfte sich ihre Überstellung in die USA wochenlang hinziehen. Zudem hat der US-Kongress erst kürzlich ein Gesetz erlassen, dass für alle Guantanamo-Insassen eine Frist von 45 Tagen vorschreibt, bis diese auf den Boden der USA überstellt werden können.

Noch ist das genaue Procedere unklar, doch am Ende des geplanten Prozesses in New York könnten die Angeklagten zum Tode verurteilt werden - es wäre ein dramatisches Ende der jahrelangen Ermittlungen gegen die Verdächtigen, die für den schwersten Terroranschlag in der Geschichte der USA verantwortlich sein sollen. Schon in den vergangenen Monaten war zu hören gewesen, dass sich Staatsanwälte in New York regelrecht um den Fall reißen. Justizminister Holder kündigte am Freitag an, er werde im Fall eines Schuldspruchs die Todesstrafe beantragen lassen.

Hang zum Melodram

Angehörige der 9/11-Opfer kritisierten die Entscheidung, den Prozess in New York abzuhalten, heftig. "Wir sind enttäuscht und ehrlich gesagt empört, dass der Präsident und unser Justizminister einem Kriegsverbrecher wie Chalid Scheich Mohammed den Schutz der US-Verfassung vor Gericht einräumen", sagte Ed Kowalski, Direktor der Hinterbliebenengruppe 9/11 Families for a Secure America, im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Dies wird diesem Individuum nur eine neue Gelegenheit geben, seine dschihadistischen Parolen zu verbreiten."

Ein Strafprozess werde den Angeklagten außerdem besondere Schutzrechte und "die Möglichkeit zu legalen Manövern" einräumen, die sie vor einem Militärgericht nicht hätten, rügte Kowalski. "Kundige Bürgerrechtsanwälte" könnten zum Beispiel ein schnelles Verfahren oder das Verfassungsrecht auf Aussageverweigerung für ihre Mandaten durchdrücken. "Dies könnte dazu führen, dass der Gerechtigkeit am Ende nicht Genüge getan wird. Die Chancen auf einen Freispruch sind keineswegs gleich Null."

Justizminister Holder versicherte bei seiner Pressekonferenz zwar, er sei "zuversichtlich, das das Ergebnis erfolgreich sein wird". Aber auch er konnte eine geringe Chance eines Freispruchs nicht ausschließen.

Kowalski erinnerte US-Präsident Barack Obama daran, dass dieser den Angehörigen der 9/11-Opfer kurz nach seiner Vereidigung bei einem Treffen im Weißen Haus persönlich versprochen habe, "alles zu tun", um die Terroristen zur Rechenschaft zu ziehen. Doch habe es bei der jetzigen Entscheidung "keinerlei Versuche von irgendjemandem in der Regierung" gegeben, die Familien und Opfer mit einzubeziehen. Kowalski begrüßte allerdings die Ankündigung Holders, die Todesstrafe für die mutmaßlichen 9/11-Hintermänner zu fordern. "Die einzig richtige Strafe", sagte er, "ist die Todesstrafe."

Ungebrochenes Charisma

Die juristische Aufarbeitung vor einem Gericht auf amerikanischem Boden ist für die Angeklagten auch die letzte Chance für einen öffentlichen Auftritt, den sich vor allem Chalid Scheich Mohammed gewünscht hatte. Denn die Verhandlungen in Guantanamo Bay waren nur einer ausgesuchten Zahl von Beobachtern zugänglich. In New York hätte der charismatische Anführer einer ganzen Generation von Qaida-Terroristen eine Bühne, die weltweit beobachtet würde. Im Gegensatz zu den Militärtribunalen könnte der 9/11-Prozess ausnahmsweise sogar im Fernsehen übertragen werden.

Einen Vorgeschmack auf seinen Hang zum Melodram hatte Mohammed in Guantanamo geliefert. Bei den Verhandlungen trat er stets als Anführer der Angeklagten auf. Bei jeder Gelegenheit setzte er zu Monologen an, geißelte die USA als Folterstaat, der alle Muslime unterdrücken wolle. Die Richter, allesamt gestellt vom Militär, waren in Mohammeds Augen Mörder, da sie eine Uniform der US-Armee trugen. In Guantanamo unterbrachen die beiden Vorsitzenden diese Tiraden stets recht schnell - vor einem zivilen Gericht dürfte dies nicht so einfach sein.

Für die Opfer, ja letztlich für ganz Amerika könnte der geplante Prozess in New York zu einem sarkastischen Schauspiel geraten. In Guantanamo trat Mohammed meist lachend, ja fast feixend auf. Immer wieder blickte er hinter sich auf die durch eine Glasscheibe abgetrennte Zuschauerbank. Nach den vielen Jahren Haft ist aus dem dunkelhaarigen Mann ein Greis mit langen grauen Haaren und einem schlohweißen Bart geworden. Sein Charisma hat er aber nicht verloren. Er wirkt noch immer bedrohlich, die Mitangeklagten hören auf seine Befehle.

Abrechnung mit Bushs Anti-Terror-Kampf?

Vor allem für die US-Behörden birgt ein öffentlicher Auftritt Mohammeds Risiken - wenn er über die Zeit nach seiner Festnahme in Pakistan berichtet. Wie auch Ramzi Binalshibh, der Anführer der Hamburger Zelle der Todespiloten, wurde Mohammed von Agenten des US-Geheimdiensts CIA gefoltert. 183 Mal soll er der brutalen Prozedur des "Waterboardings" ausgesetzt worden sein. Dabei hat der Gefangene das Gefühl zu ertrinken. Schon bei dem Prozess in Guantanamo hatte Chalid Scheich Mohammed immer wieder versucht, diese Praktiken vor Gericht zu beschreiben. Doch ein Zensor der US-Regierung unterbrach stets die Übertragung des Tons aus dem Gerichtssaal in den Zuschauerbereich.

In New York wird eine solche Zensur kaum möglich sein, schließlich soll es ausdrücklich ein Prozess nach Recht und Gesetz werden. Folglich könnte das Verfahren nicht nur zu einer Abrechnung mit den Terrorplanern der 11. Septembers, sondern auch mit dem umstrittenen Anti-Terror-Kampf der USA unter dem damaligen Präsidenten George W. Bush werden. Allerdings ist unklar, ob viele Beweise, vor allem die Aussagen Mohammeds, überhaupt vor dem Gericht zugelassen werden.

In Guantanamo hatte Chalid Scheich Mohammed ein umfangreiches Geständnis abgelegt: Er gab nicht nur zu, dass er die 9/11-Anschläge "von A bis Z" plante, sondern gestand auch noch mehrere andere Terrorattacken. Immer wieder verlangte er von den Militärrichtern, sie sollten ihn und die anderen umgehend zum Tode verurteilen, da ihn die Verhandlungen langweilten. Für den Wunsch nach einem schnellen Tod wollte er sogar auf die Beweisaufnahme verzichten. Ob er sich vor einem zivilen Gericht ebenso verhält, ist kaum abzusehen - der Chefplaner des 11. Septembers bleibt eine unberechenbare Person.

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Forum - Top-Terroristen vor Gericht - faires Verfahren?
insgesamt 692 Beiträge
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1. Faires Verfahren
mm01 13.11.2009
Zitat von sysopIn New York werden fünf Drahtzieher der Anschläge vom 11. September vor Gericht gestellt, vermutlich live im TV übertragen. US-Behörden kann das Verfahren in Bedrängnis bringen - wenn die Angeklagten über die CIA-Folter aussagen. Wie sehen Sie die Chancen auf ein faires Verfahren?
Hatten die Opfer jemals die Chance auf ein "faires" Verfahren ?
2. -
semper fi, 13.11.2009
Zitat von sysopIn New York werden fünf Drahtzieher der Anschläge vom 11. September vor Gericht gestellt, vermutlich live im TV übertragen. US-Behörden kann das Verfahren in Bedrängnis bringen - wenn die Angeklagten über die CIA-Folter aussagen. Wie sehen Sie die Chancen auf ein faires Verfahren?
Aus Sicht der Angeklagten: 100%. Aus Sichr der Strafverfolgung: 50%.
3.
Interessierter0815 13.11.2009
Zitat von mm01Hatten die Opfer jemals die Chance auf ein "faires" Verfahren ?
Es geht hier um die Schuld oder Unschlud der Angeklagten! Also was soll so ein sinnfreier Beitrag? Was, wenn diejenigen nicht die Schuldigen sind und nur unter extremer Folter sich bekannt haben? Schon bitter für so eine "Demokratie" wie der USA.
4.
matthias51 13.11.2009
Zitat von mm01Hatten die Opfer jemals die Chance auf ein "faires" Verfahren ?
Das Unterscheidungsmerkmal zwischen Rechts- und Unrechtsstaaten ist eben, daß der Rechsstaat sich an seine eigenen Gesetze hält und der Unrechtsstaat eben nicht. Ein Staat der foltert ist ein Unrechtsstaat. So einfach ist das.
5.
Jay's, 13.11.2009
Zitat von sysopIn New York werden fünf Drahtzieher der Anschläge vom 11. September vor Gericht gestellt, vermutlich live im TV übertragen. US-Behörden kann das Verfahren in Bedrängnis bringen - wenn die Angeklagten über die CIA-Folter aussagen. Wie sehen Sie die Chancen auf ein faires Verfahren?
Schlecht, da es unmoeglich sein wird, eine unabhaengige Jury zu finden. Was die CIA Folter angeht, das war unter Bush also unter einer anderen Regierung. Das kann von der Obama Regierung genutzt werde, um endlich mit Bush abzurechnen.
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"Gitmo-Five": Die mutmaßlichen Drahtzieher vom 11. September

Wegen der Anschläge vom 11. September vor Gericht
Chalid Scheich Mohammed
dpa
Der Mann, einst "Nummer drei" im Terrornetzwerk al-Qaida, gilt als Drahtzieher der Anschläge. "Ich war verantwortlich für die Planung der Operationen von A bis Z", soll er 2007 nach Angaben des Pentagons gestanden haben. Kritiker zweifeln die Aussagekraft der Geständnisse allerdings an und verweisen auf Berichte, nach denen Mohammed gefoltert wurde. Der Angeklagte kam 1964 oder 1965 auf die Welt und wuchs in Kuwait auf, sein Vater soll aus der pakistanischen Provinz Belutschistan stammen. In den achtziger Jahren studierte er in den USA, wo er angeblich einen Abschluss als Ingenieur erwarb. mehr auf der Themenseite...
Ramzi Binalshibh
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Der heute 36-jährige Jemenit wohnte in Hamburg zusammen mit Mohammed Atta, dem Anführer der Todespiloten vom 11. September, und gilt als einer seiner engsten Vertrauten. In der Hamburger Terrorzelle soll Binalshibh als Organisator und "Bankier" gewirkt haben. Nach Überzeugung der US-Regierung ist er einer der Mitverschwörer der Terroranschläge. Angeblich sollte er ursprünglich bei den Flugzeugentführungen dabei sein, bekam aber kein Visum für die USA. mehr auf der Themenseite...

Ali Abd al-Asis Ali
AP

Der in Kuwait aufgewachsene Mann soll die Flugzeugattentäter mit Geld versorgt haben. Er ist mit Scheich Mohammed und dem Drahtzieher des Anschlags von 1993 auf das World Trade Center, Ramsi Ahmed Jussuf, verwandt. Jussuf war im November 1997 zu einer Freiheitsstrafe von 240 Jahren verurteilt worden.

Mustafa Ahmed al-Hawsawi
DPA

Der Saudi-Araber soll den Flugzeugterroristen Geld beschafft haben - und kurz nach den Anschlägen unter anderem Qaida-Chef Osama bin Laden getroffen haben. Er sagte im Prozess gegen den Franzosen Zacarias Moussaoui aus, der im Mai 2006 als Mitverschwörer der Anschläge vom September 2001 zu lebenslanger Haft verurteilt worden war.

Walid bin Attasch
AP

Die Anklage wirft ihm vor, die Todespiloten unterstützt und in direktem Kontakt mit ihnen gestanden zu haben. Der Guantanamo-Häftling hat nach Angaben des Pentagons vom März 2007 die Planung des Anschlags auf das US-Kriegsschiff "USS Cole" im Oktober 2000 im Jemen zugegeben, bei dem 17 US-Soldaten getötet wurden. Zudem soll er seine Beteiligung an den Terrorangriffen auf die US-Botschaften in Kenia und Tansania im August 1998 mit 230 Toten gestanden haben. Angeblich unterstützte Attasch die Attentäter unter anderem mit gefälschten Stempeln und Visa. Es heißt außerdem, er sei zeitweise Leibwächter von Osama Bin Laden gewesen.

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11. September 2001: Der Tag des Schreckens

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"An den Rand des Todes und zurück" - Folterberichte
Abu Subeida
AP
Abu Subeida, ein mutmaßlich enger Vertrauer von Osama Bin Laden, wurde im März 2002 in Pakistan gefasst und dabei schwer verletzt. Die CIA sorgte dem Bericht zufolge ausdrücklich dafür, dass er gesundgepflegt wurde - nur um ihn dann foltern zu können. Dazu sei er zwischen mehreren CIA-Lagern hin- und hertransportiert worden.

"Ich erwachte, nackt, an ein Bett gefesselt, in einem sehr weißen Raum. Der Raum maß ungefähr vier mal vier Meter. (...) Nach einiger Zeit, ich glaube, dass es mehrere Tage waren, wurde ich zu einem Stuhl gebracht, an den ich an Händen und Füßen gekettet wurde, für die nächsten zwei bis drei Wochen, glaube ich. In der Zeit bekam ich durch das dauerhafte Sitzen Blasen an der Unterseite meiner Beine. (...) In den ersten zwei oder drei Wochen bekam ich, während ich auf dem Stuhl saß, keine feste Nahrung. Mir wurde nur Ensure (ein Proteingetränk, Anm.d.Red.) und Wasser zu trinken gegeben. Anfangs musste ich mich von dem Ensure übergeben, aber das wurde mit der Zeit besser. (...) Die Zelle und der Raum waren klimatisiert und sehr kalt. Die ganze Zeit spielte sehr laute Brüllmusik. Sie wiederholte sich alle 15 Minuten, 24 Stunden am Tag. Manchmal stoppte die Musik und wurde von lautem Zischen oder Knattern abgelöst. (...) Zwei schwarze Holzkisten wurden in den Raum außerhalb meiner Zelle gebracht. Eine war hoch, etwas größer als ich und schmal. (...) Die andere war kleiner. (...) Ich wurde aus meiner Zelle geholt, und einer der Vernehmenden wickelte ein Handtuch um meinen Hals, und dann benutzten sie das, um mich herumzuschleudern und mich wiederholt gegen die harte Wand des Raums zu schmettern. Auch wurde ich wiederholt ins Gesicht geschlagen. (...) Dann wurde ich in die große Kiste gesteckt, ich glaube für rund eine bis eineinhalb Stunden. Die Kiste war innen und außen total schwarz. (...) Sie bedeckten die Außenseite der Kiste mit einem schwarzen Tuch, um das Licht zu verdunkeln und meine Luftzufuhr zu drosseln. Es war schwer zu atmen. (...) Nach dem Verprügeln wurde ich in die kleine Kiste gesteckt. (...) Da sie nicht hoch genug war, um aufrecht zu sitzen, musste ich mich zusammenkrümmen. Wegen meiner Wunden war das sehr schwer. (...) Die Wunde an meinem Bein öffnete sich und begann zu bluten. Ich weiß nicht, wie lange ich in der kleinen Kiste blieb, ich bin vielleicht eingeschlafen oder ohnmächtig geworden. (...) Dann wurde ich aus der kleinen Kiste gezerrt, ohne dass ich ordentlich laufen konnte, und auf etwas geschnallt, was wie ein Krankenhausbett aussah, und mit engen Gurten sehr eng daran gefesselt. Ein schwarzes Tuch wurde über mein Gesicht gepresst, und die Vernehmer nahmen eine Mineralwasserflasche, um Wasser auf das Tuch zu kippen, so dass ich nicht atmen konnte. Nach ein paar Minuten wurde das Tuch weggenommen und das Bett in eine aufrechte Position gedreht. Der Druck der Gurte auf meine Wunden tat sehr weh. Ich erbrach mich. Dann wurde das Bett wieder in eine horizontale Position gedreht und die gleiche Folter wiederholt, mit dem schwarzen Tuch über meinem Gesicht und dem Wasser aus der Flasche. Diesmal hing mein Kopf mehr in einer rückwärtigen, nach unten gerichteten Position, und das Wasser wurde länger ausgeschüttet. Ich kämpfte mit den Gurten, versuchte zu atmen, doch es war hoffnungslos. Ich dachte, ich würde sterben. Ich verlor die Kontrolle über mein Urin. Seitdem verliere ich auch heute noch die Kontrolle über mein Urin, wenn ich unter Stress stehe. (...) Das dauerte etwa eine Woche. In der Zeit wurde die ganze Prozedur fünfmal wiederholt. (...) Einmal wurde das Ersticken dreimal hintereinander wiederholt. (...) Mehrmals brach ich dabei zusammen und verlor das Bewusstsein. Dann wurde die Folter durch die Intervention eines Arztes gestoppt."

Quelle: ICRC/Mark Danner/"New York Review of Books"
Walid bin Attasch
AP
Dem Jemeniten Walid bin Attasch wird vorgeworfen, in die Terroranschläge auf zwei US-Botschaften in Afrika 1998 und den US-Zerstörer "USS Cole" (2000) verwickelt und Osama Bin Ladens Leibwächter gewesen zu sein. Auch soll er mehrere der 9/11-Terroristen trainiert haben. Er wurde 2003 in Karachi gefasst. Attasch verlor 1997 das rechte Bein und trägt eine Prothese. Sein erstes Folterlager befand sich dem ICRC zufolge in Afghanisten.

"Die nächsten zwei Wochen war ich nackt. (...) Ich wurde in einer stehenden Position gehalten, Füße flach am Boden, aber mit meinen Armen über meinem Kopf und mit Handschellen und einer Kette an einer Metallstange befestigt, die quer durch die Zelle lief. Die Zelle war dunkel, ohne künstliches oder natürliches Licht. (...) In den ersten zwei Wochen bekam ich nichts zu essen. Ich bekam nur Ensure (ein Proteingetränk, Anm.d.Red.) und Wasser zu trinken. Ein Wärter kam jedesmal und hielt die Flasche, während ich trank. (...) Die Toilette bestand aus einem Eimer in der Zelle. (...) Mir war nicht erlaubt, mich zu säubern, nachdem ich den Eimer benutzt hatte. Während der drei Wochen, die ich dort verbrachte, spielte 24 Stunden am Tag laute Musik. (...) Nachdem ich einige Tage in dieser Position verbracht hatte, begann mein Beinstumpf zu schmerzen, weshalb ich meine Prothese entfernte, um die Schmerzen zu lindern. Daraufhin begann natürlich mein gutes Bein wehzutun und bald einzuknicken, so dass ich mit meinem ganzen Gewicht an meinen Handgelenken hing. Ich rief um Hilfe, aber anfangs kam keiner. Schließlich, nach einer Stunde, kam ein Wärter, und mir wurde meine Prothese zurückgegeben, und ich wurde abermals in die stehende Position gebracht, mit meinen Händen über meinem Kopf. Danach nahmen mir die Vernehmer manchmal absichtlich mein künstliches Bein ab, um der Position noch mehr Stress zu verleihen. (...) Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, wie lange sie mich so stehen ließen, aber ich glaube, es waren etwa zehn Tage. (...) Während ich so stand, musste ich eine Windel tragen. Manchmal wurde die Windel aber nicht erneuert, weshalb ich mich dann selbst beschmutzte, wenn ich urinierte oder Stuhlgang hatte. Jeden Tag wurde ich mit kaltem Wasser abgespritzt. (...) In den ersten zwei Wochen wurde mir auch jeden Tag eine Schlinge um den Hals gelegt und dann dazu beutzt, um mich gegen die Wände des Verhörraums zu schmettern. (...) In den ersten zwei Wochen wurde ich ebenfalls jeden Tag auf auf eine Plastikplane auf den Boden gelegt, die dann an den Rändern hochgehoben wurde. Kaltes Wasser wurde mit Eimern über meinen Körper geschüttet. (...) Dann wurde ich mit dem kalten Wasser für mehrere Minuten in die Plane gewickelt. Danach wurde ich zum Verhör gebracht."

Quelle: ICRC/Mark Danner/"New York Review of Books"
Chalid Scheich Mohammed
DPA
Chalid Scheich Mohammed gilt als Chefplaner der 9/11-Anschläge. Er wurde im März 2003 im pakistanischen Rawalpindi gefasst. Von dort aus wurde er dem ICRC zufolge erst nach Afghanistan gebracht und später womöglich auch nach Polen. Seine Folter erbrachte nach Angaben des damaligen Präsidenten George W. Bush wichtige Informationen über geplante Terrorakte - eine Behauptung, die jedoch von Experten bezweifelt wird.

"Ich wurde in einen anderen Raum gebracht, wo ich gezwungen wurde, während der Befragung etwa zwei Stunden lang auf Zehenspitzen zu stehen. Etwa 13 Personen waren in dem Raum. Darunter befanden sich der Chef-Vernehmer (ein Mann) und zwei weibliche Vernehmer, außerdem rund zehn Muskelmänner, die Masken trugen. Ich glaube, dass alle Amerikaner waren. Ab und zu schlug mich einer der Muskelmänner in den Brustkorb und in den Magen. (...) Für etwa 40 Minuten wurde ich mit kaltem Wasser aus Eimern überschüttet. Nicht durchgehend, da es Zeit kostete, die Eimer neu zu füllen. Danach wurde ich in den Verhörraum zurückgebracht. Einmal wurde mir während des Verhörs Wasser zum Trinken angeboten, als ich es verweigerte, wurde ich erneut in einen anderen Raum gebracht, wo ich auf den Boden gezwungen wurde, während mich drei Personen festhielten. Ein Schlauch wurde in meinen Anus eingeführt und Wasser hineingeleitet. Danach wollte ich die Toilette benutzen, weil ich das Gefühl hatte, ich hätte Durchfall. Zugang zur Toilette wurde aber erst vier Stunden später gewährt, als sie mir einen Eimer gaben. Jedesmal, wenn ich in meine Zelle zurückgebracht wurde, wurde ich in der Stehposition gehalten, mit meinen Händen in Handschellen und an die Stange über meinem Kopf gekettet. (...) Wenn sie den Eindruck hatten, dass ich nicht kooperiere, wurde ich an eine Wand gestellt und in Oberkörper, Kopf und Gesicht geboxt und geschlagen. (...) Die Prügel und der Einsatz des kalten Wassers geschah im ersten Monat jeden Tag. (...) Ich wurde an ein spezielles Bett gefesselt, das in eine vertikale Position gedreht werden konnte. Ein Tuch wurde auf mein Gesicht gelegt. Kaltes Wasser aus einer Flasche, die in einem Kühlschrank aufbewahrt worden war, wurde dann von einem Wärter auf das Tuch gegossen, so dass ich nicht atmen konnte. (...) Die Prügel wurden schlimmer, und die Wachen richteten kaltes Wasser aus einem Schlauch auf mich, während ich noch in meiner Zelle war. Der schlimmste Tag war, als ich von einem der Vernehmer rund eineinhalb Stunden lang zusammengeschlagen wurde. Mein Kopf wurde so hart gegen die Wand geschleudert, dass er zu bluten begann. (...) Die Folter an dem Tag wurde schließlich durch die Intervention eines Arztes gestoppt. (...) Sie benutzen nie das Wort 'Folter' und sprachen nie von 'physischem Druck', nur davon, es mir 'schwerzumachen'. Ich wurde nie mit dem Tod bedroht, vielmehr wurde mir gesagt, dass sie nicht erlauben würden, dass ich sterbe, sondern dass sie mich 'an den Rand des Todes und wieder zurück' bringen würden."

Quelle: ICRC/Mark Danner/"New York Review of Books"

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