Gerhard Schröder in Russland In Putins Hofstaat

Gerhard Schröder will Russland und Deutschland wieder zueinander führen - doch sich zum Teil von Putins Machtinszenierung zu machen, ist der falsche Weg für einen ehemaligen Bundeskanzler.

DPA/ SPUTNIK/ KREMLIN

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Wladimir Putin ist ein Mensch, dem Symbole viel bedeuten. Seine Auftritte sind stets durchchoreografiert. Bei seiner vierten Einführung ins Präsidentenamt war jede Minute genauestens geplant: wie er die langen Gänge des Kreml durchschritt; wie er in seinem neuen Präsidentenauto, einer russischen Entwicklung namens Kortesch, die nun die ausländischen Modelle ersetzen soll, zum Andreassaal gefahren wurde; wie er mit einer kleinen Handbewegung dem Vorsitzenden des Verfassungsgerichts gestattete, ihn zum Amtseid zu bitten. Nichts war dem Zufall überlassen.

Dass ein ehemaliger deutscher Bundeskanzler da nur wenige Meter von Putin entfernt stand - in der ersten Reihe, eingerahmt von dem Patriarchen Kirill, Vertreter der staatsnahen orthodoxen Kirche, und Premier Dmitrij Medwedew - gehörte zu dieser Inszenierung der Macht. War Gerhard Schröder doch der einzige westliche Vertreter von Rang, der zugegen war. Hinter ihm stand Matthias Warnig, ehemaliger Stasi-Agent und Wirtschaftsmanager, der mit Schröder die umstrittene Ostseepipeline Nordstream 1 und 2 realisiert, und der amerikanische Actionstar Steven Seagal, mittlerweile Inhaber eines russischen Passes.

Schröder gratulierte Putin noch vor Medwedew zur erneuten Amtseinführung. Das Staatsfernsehen zeigte die Bilder ausführlich in Großaufnahme. Die Botschaft: Der Ex-Bundeskanzler Deutschlands ist einer von uns. Schröder ist damit zu einer Trophäe für Putins Macht geworden, die man im Kreml gern herzeigt.

Er, der inzwischen drei bezahlte Aufsichtsratsposten in Unternehmen innehat, die vom Kreml kontrolliert werden, ist damit nun endgültig im Hofstaat Putins angekommen.

Für den Präsidenten ist das von unschätzbarem Wert. Nach der Krim-Annexion, dem Krieg in der Ostukraine, nach Hackerangriffen, Wahleinmischungen und Fake-News-Kampagnen, für die der Westen Moskau verantwortlich macht, hat Putin die Rolle des Dauer-Buhmanns auf der Weltbühne. Diesem Schmuddelkind verhilft man lieber nicht zu Glanz. Schröder hingegen, der Putin seinen Freund nennt, erweist dem Staatschef den Respekt, den dieser für sich und sein Land einfordert.

Die deutsche Gesellschaft ist beim Thema Russland gespalten

Gleichzeitig weiß Putin, wie gespalten die deutsche Gesellschaft beim Thema Russland ist, und dass Schröders Auftritt diesen Riss noch einmal deutlich zutage treten lässt. Ein Teil der Deutschen missbilligt das Verhalten des Ex-Kanzlers, sie kritisieren dessen Nähe zu Putin, der seit Jahren unter anderem die Medienfreiheit beschneidet, nun auch zunehmend im Internet Blockaden wie beim Messengerdienst Telegram einzusetzen versucht, und den mächtigen Sicherheitsbehörden weitgehende Vollmachten erteilt.

Der andere Teil der Deutschen, der aus der Sicht des Kreml vernünftige, darunter auch Vertreter der Wirtschaft, goutiert Schröders Verhalten. Man hegt die Hoffnung, dass die beiden Länder durch sein Engagement wieder näher zueinander finden können.

Auch durch Schröders Partei SPD geht dieser Riss. Bezeichnend ist, dass diejenigen Sozialdemokraten lieber schweigen, die nichts von der demonstrativen Teilnahme ihres ehemaligen Parteichefs an Putins Amtseinführung halten. Als Wahlkampfzugpferd ist Schröder immer noch wichtig.

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Schröder nimmt für sich in Anspruch, einen Ausgleich zwischen Russland und Deutschland schaffen zu wollen, das nach dem Vernichtungskrieg von Hitlerdeutschland gegen die Sowjetunion mit Millionen Toten eine besondere Verantwortung trage. Das stimmt. Und er hat recht, wenn er sagt, dass es in beiden Ländern den Wunsch gibt, freundlich miteinander umzugehen. Und es ist ebenfalls richtig, dass es in Deutschland bedauerlich wenige Politiker gibt, die sich wirklich mit Russland auskennen.

Schröder wäre so gesehen einer, der den freundschaftlichen, aber in der Sache deutlichen Dialog zwischen den Staaten begleiten könnte. Schröder könnte in schwierigen Gesprächen hinter den Kulissen vermitteln. Erinnert sei an seine Verhandlungen mit dem türkischen Präsidenten Erdogan im Fall des nun freigelassenen Journalisten Deniz Yücel und des Menschenrechtlers Peter Steudtner.

Doch es macht einen erheblichen Unterschied, ob man sich zur Machtelite des Landes in den Kreml gesellt, die seit 18 Jahren von Putins Machtsystem profitiert (Lesen Sie hier dazu mehr) oder eben mit Russlands Menschen spricht. Der Kreml ist nicht Russland, auch wenn er seinen Einfluss inzwischen bis weit in die Provinzen ausgebaut hat.

Zu Russland gehört neben der Mehrheit der Putin-Unterstützer eben auch der Teil der Bevölkerung, der derzeit keine Alternative zu Putin sieht, aber trotzdem gegen die Bereicherung der Eliten, die Korruption und gegen den Reformstillstand in diesem an Gas und Erdöl so reichen Land ist. Diese Menschen glauben nicht mehr an Putins Versprechungen einer "freien Gesellschaft".

Und zu Russland gehören auch jene, die den "Zar", wie sie Putin nennen, offen kritisieren. Es sind überwiegend junge Leuten, Tausende, die etwa am Samstag "Auch wir sind Russland" riefen, bevor die Sicherheitskräfte rigoros gegen sie vorgingen und fast 1600 von ihnen abführten.

Gerhard Schröder, ehemaliger Bundeskanzler eines westlichen demokratischen Landes, blendet all das aus - und stellt sich in die erste Reihe bei der Prunkveranstaltung im Kreml. Wem fühlt er sich eigentlich verpflichtet? Seinem Land? Seinem ehemaligen Amt, dessen Titel er noch führt? Oder doch vor allem sich selbst?

insgesamt 110 Beiträge
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Seite 1
caspe98 08.05.2018
1. Wundert das irgendjemanden?
Gerhard Schröder ist und war immer ein Egomane. Und die vielen runden Rubel, die so jeden Monat in die Tasche rollen, nimmt man da doch gerne mit. Und nein, ich bin nicht neidisch darauf!
rgw_ch 08.05.2018
2. Alternativlos
Es gibt schlicht keine Alternative zu Putin. Wer ernsthaft an Nemzev denkt, soll sich vielleicht erst mal dessen Biograpbhie zu Gemüte führen. Der Westen hofiert ihm, weil er gegen Putin ist. Das ist dann aber auch schon seine einzge Qualifikation. Dem Westen genügt das, den Russen nicht. Deswegen ist seine Anhängerschaft in Russland auch viel kleiner, als das gewaltige Medienecho im Westen vermuten ließe. Und wer sonst? Schirinowski vielleicht? Glaubt jemand ernsthaft, dass damit alles besser wäre? Man muss Putin nicht mögen, aber er handelt besonnen und konsistent, ist somit im eigentlichen Sinn brechenbar. Das ist für den Weltfrieden ein unschätzbarer Vorteil, insbesondere in einer Zeit, in der die westlichen Führungsmächte erratisch umherirrlichtern und mal da mal dort mal diese mal jene "Protestbewegung" mit Waffen zur Bürgerkriegspartei hochrüsten.
Wulf Eisenschwert 08.05.2018
3. Was für eine Frage
Schröder hat doch schon ewig nur sich selbst im Auge. Gingndoch mit dem Verkauf seiner Memoiren an Maschmeyer los. Auch die ganze Hartz Gesetzgebung hat doch nur dem Maschmeyer und seinen Drückerkolonnen in die Hände gespielt. Für wesentlich weniger mußte der Wulff zurücktreten. Frech auch die Ausrede den Überfall auf Russland als Ausrede für dessen Geschäfte zu nutzen. Schröders Portrait im Kanzleramt sollte man mit einem schmierigen Lappen abdecken.
hmmmm4711 08.05.2018
4.
3 Aufsichtsratposten! Also wirklich herr Schröder! Wieviele aktive deutsche Politiker sitzen den zum Beispiel in Aufsichtsräten deutscher oder Amerikanischer Firmen? Wieviele deutsche Politiker sind den z.B in amerikanischen NGO,s organisiert Bzw. Haben dort Posten inne? Eine Trophäe ist Herr Schröder bestimmt nicht! Und warum sind North Stream 1 und 2 umstritten? Ist es nicht bei NOrth Streeam 2 sogar so, dass die Amerikaner den Firmen mit Saktionen drohen sollten die sich am Bau beteiligen? Ich sag nur fraking Gas.....
mundusvultdecipi 08.05.2018
5. "Der schmierige Lappen"..
Zitat von Wulf EisenschwertSchröder hat doch schon ewig nur sich selbst im Auge. Gingndoch mit dem Verkauf seiner Memoiren an Maschmeyer los. Auch die ganze Hartz Gesetzgebung hat doch nur dem Maschmeyer und seinen Drückerkolonnen in die Hände gespielt. Für wesentlich weniger mußte der Wulff zurücktreten. Frech auch die Ausrede den Überfall auf Russland als Ausrede für dessen Geschäfte zu nutzen. Schröders Portrait im Kanzleramt sollte man mit einem schmierigen Lappen abdecken.
..hängt aber z.Zt.noch über dem Bild von K.G.Kiesinger:-)
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