Gerüchte in Washington: Hillary Clinton als Weltbank-Chefin im Gespräch

Von , Washington

Gibt es bald einen spektakulären Umbau in Obamas Kabinett? Berichten zufolge soll US-Außenministerin Clinton mit einem Wechsel an die Spitze der Weltbank liebäugeln. Regierungssprecher dementieren heftig - doch es spricht einiges dafür, dass an den Gerüchten etwas dran ist.

Das Mittagessen ist schon fast vorbei, aber zum Dessert soll es noch eine süße Überraschung geben: die neuesten Gerüchte um Hillary Clintons berufliche Zukunft. Spekulationen über die Absichten des Clinton-Clans gehören zur Lieblingsbeschäftigung in Washingtoner Polit-Kreisen - der enge Clinton-Kenner, der nun spricht, ist da keine Ausnahme.

Es könne gut sein, dass Clinton ihre eigene Stiftung gründe, fabuliert er genüsslich, ähnlich wie Ehemann Bill. Schließlich habe sie klargemacht, nur für Barack Obamas erste Amtszeit als Außenministerin zur Verfügung zu stehen.

Dann geht es aber noch um einen Gerüchte-Nachschlag: Wie wäre es, wenn Clinton an die Spitze der Weltbank rückte, die mit Milliardenkrediten weltweit gegen Armut kämpft? Schließlich interessiere sie sich für Entwicklungsthemen, gerade für die Förderung von Frauen. Außerdem endet die Amtszeit des aktuellen Weltbank-Präsidenten Robert Zoellick Mitte 2012. Das Timing wäre also perfekt.

"Inkorrekt, falsch, unwahr"

Solche Spekulationen sind derzeit in vielen Washingtoner Lokalen zu hören. Am Donnerstag sorgte eine Meldung der Nachrichtenagentur Reuters für Aufsehen, die aus den Gerüchten Tatsachen zu schaffen versuchte. "Hillary Clinton will den Job", zitiert die Agentur anonyme Quellen. Sogar mit Obamas Weißem Haus habe sich die Außenministerin schon über den Jobwechsel verständigt und sich die Unterstützung des Präsidenten gesichert - offen blieb nur, ob dessen Team bereits zugesagt habe, sie für den Job offiziell zu nominieren. Dann müssten noch die 187 Mitgliederstaaten der Weltbank zustimmen.

Offiziell will davon freilich niemand etwas wissen. "Die Geschichte ist inkorrekt, falsch, unwahr", sagte Obamas Sprecher Jay Carney. "Sie ist zu 100 Prozent falsch", bekräftigte Clinton-Mitarbeiter Philippe Reines.

Obama kann auch kein Interesse an Spekulationen über eine Außenministerin auf dem Absprung haben. Clinton hat für ihre Leistung als Ministerin gute Noten erhalten, sie ist einer der unumstrittenen Stars in Obamas Kabinett. Während der Präsident mit vielen Staatsmännern fremdelt, ist sie eine der weltweit bekanntesten und beliebtesten Persönlichkeiten. Außerdem muss Obama gerade schon den Abgang des erfahrenen Verteidigungsministers Robert Gates verkraften.

Für Ersatz wäre gesorgt

Dennoch ergibt die Spekulation Sinn. Für Clintons Nachfolge stünde John Kerry parat, der einflussreiche Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses im US-Senat und Präsidentschaftskandidat der Demokraten 2004. Kerry war tief enttäuscht, als er nach Obamas Wahl übergangen wurde, zuletzt hat er wichtige Dossiers wie Pakistan mitbetreut.

Der Job an der Spitze der Weltbank hat zudem schon oft politische Schwergewichte angelockt, etwa 1968 Robert McNamara, zuvor US-Verteidigungsminister. Er krempelte die Bank komplett um und drückte ihr seinen Stempel auf.

Schließlich hat die Besetzung des Weltbank-Jobs auch geostrategische Auswirkungen. Über Jahrzehnte galt die Abmachung, dass der Chef dort aus den USA kommt, beim Internationalen Währungsfonds (IWF) hingegen aus Europa. Entwicklungsländer begehren gegen diese Praxis seit langem auf und witterten nach dem skandalösen Abgang von IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn ihre Chance. Sie fordern einen nichteuropäischen Vertreter an der Spitze des Währungsfonds.

Dem Ansinnen werden die Europäer wohl wieder zuvorkommen, indem sie die Französin Christine Lagarde als Kandidatin ins Rennen schicken. Sie wäre die erste IWF-Chefin. Ein ähnliches Manöver wäre nun an der Weltbank-Spitze denkbar. Wer will schon gegen eine hochqualifizierte Kandidatin wie Clinton sein, die zudem die erste Frau in diesem Amt wäre?

Wohl nicht umsonst hat Clinton zuletzt Kandidatin Lagarde gelobt - mit dem Satz, Amerika unterstütze qualifizierte Bewerberinnen für hochrangige Positionen. Diese Worte könnten nun auch für Clinton selbst gelten.

Stress in den Sechzigern

Nur eins wäre mit dem Personalmanöver nicht gesichert: dass sich Clinton endlich erholen kann. Die Demokratin ist immerhin 63 Jahre alt, sie hat als US-Außenministerin eine Million Meilen zurückgelegt, sie sieht oft erschöpft aus. Als Weltbank-Chefin wäre ihr Terminkalender weiterhin übervoll.

Daher hat Clinton auch weniger stressige Jobangebote, manche wohl nicht ganz ernst gemeint. Etwa von Roger Ailes, Chef des erzkonservativen Brüllsenders Fox News, der Sarah Palin beschäftigt und die Clintons seit langem mit beißender Kritik verfolgt. "Ich würde sie gerne verpflichten", sagte Ailes zu Newsweek über den Polit-Star. "Clinton wäre gut für unsere Einschaltquote."

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1. Wenn Hillary geht
kb26919 10.06.2011
Zitat von sysopGibt es bald einen spektakulären Umbau in Obamas Kabinett? Berichten zufolge soll US-Außenministerin Clinton mit einem Wechsel an die Spitze der Weltbank liebäugeln. Regierungssprecher dementieren heftig - doch es spricht einiges dafür, dass an den Gerüchten etwas dran ist. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,767795,00.html
dann ist Obama in den Hintern gekniffen. Denn an erfahrenen Leuten fuer Aussenpolitik ist ein akuter Mangeln bei den Demokraten.
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