Geschasster Minister O'Neill wehrt sich gegen Verratsvorwurf

Paul O'Neill hat sich vehement gegen Anschuldigen zur Wehr gesetzt, er habe aus seinem Ministerium Geheimdokumente mitgehen lassen. Gleichzeitig relativierte der vor einem Jahr von George W. Bush geschasste Finanzminister jedoch seine Äußerungen über frühzeitige Kriegspläne des US-Präsidenten.


Ex-Minister O'Neill
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Ex-Minister O'Neill

Washington - O'Neill hatte mit Aussagen für Aufsehen gesorgt, Bush habe bereits Monate vor den Anschlägen des 11. September 2001 Planungen für eine US-Invasion im Irak verfolgt. Das US-Finanzministerium hatte gestern eine Untersuchung angekündigt, wie ein vermutlich als geheim einzustufendes Dokument in einem Fernseh-Interview O'Neills aufgetaucht sei.

O'Neill sagte heute im US-Sender NBC, er habe sämtliche Dokumente von dem Rechtsbeauftragten seines ehemaligen Ministeriums erhalten. "Ich glaube ehrlich gesagt nicht, dass in den 19.000 Seiten irgendetwas als geheim Eingestuftes ist." Es habe lediglich auf einem in dem Interview sichtbaren Deckblatt der Aufdruck "geheim" gestanden.

Bush hatte den im März begonnenen Irakkrieg unter anderem damit begründet, dass der Irak den Terrorismus unterstütze. Als Hauptargument hatten die USA den Krieg damit gerechtfertigt, der Irak verfüge über Massenvernichtungswaffen. Solche Waffen sind bis heute nicht im Irak gefunden worden. O'Neills Aussagen zufolge hatte Bush bereits unmittelbar nach seinem Amtsantritt im Januar 2001 das Ziel einer US-Invasion im Irak verfolgt und lediglich nach einen offiziellen Grund gesucht. O'Neill hatte auch erklärt, nie Beweise für verbotene Waffen im Irak gesehen zu haben. Zehn Monate vor der US-Präsidentenwahl hatten Bewerber um die demokratische Kandidatur O'Neills Aussagen umgehend für ihre Kritik an Bush genutzt.

Heute verwies O'Neill jedoch darauf, dass seine in einem neuen Buch festgehaltenen Aussagen im Zusammenhang gelesen werden müssten. "Leute versuchen zu sagen, ich hätte gesagt, der Präsident habe frühzeitig Krieg im Irak geplant. Tatsächlich ist Arbeit aus der Zeit der Regierung (des ehemaligen US-Präsidenten Bill) Clinton fortgesetzt worden mit der Absicht, dass es einen Regimewechsel im Irak geben muss", sagte O' Neill dem Sender.

Er betonte zudem, auch wenn keine verbotenen Waffen im Irak gefunden worden seien, heiße das nicht, dass man den ehemaligen irakischen Präsidenten Saddam Hussein nicht hätte stürzen sollen. Der Ex-Minister bedauerte zudem die Wortwahl, mit der er Bush beschrieben hatte. O'Neill hatte erklärt, Bush habe während der Kabinettssitzungen gewirkt "wie ein Blinder in einem Raum voller Tauber." "Wenn ich das zurücknehmen könnte, würde ich es tun", sagte O'Neill. Er fügte hinzu, dass er wohl auch für Bush bei der Wahl im November stimmen würde, die US-Bürger jedoch von ihrer Führung mehr verlangen müssten.



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