Gescheiterte Entwicklungshilfe: Wie Afrika seine Würde verliert

Afrika braucht Unterstützung - aber nicht jene, die der Westen derzeit leistet. Die herkömmliche Entwicklungshilfe habe den Kontinent zum unselbständigen Almosenempfänger erzogen, meint SPIEGEL-ONLINE-Autor Kurt Gerhardt: Viel besser als Geldgeschenke wirkten Kredite.

Noch nie ist die Entwicklungshilfe für Afrika so radikal und massiv kritisiert worden wie in den letzten Jahren, und zwar sowohl von Vertretern des "Nordens" als auch Afrikas selbst. Das hält das Berliner Entwicklungshilfeministerium (BMZ) nicht davon ab, in einer Broschüre festzustellen: "Afrika ist nicht der Kontinent der Katastrophen, Krisen und Kriege. Afrika zeigt Reformdynamik und stabiles Wachstum und nimmt mit seinen Ideen und Potenzialen seine Entwicklung in die eigene Hand."

Baustelle bei Nairobi: Infrastruktur - ein beliebtes Entwicklungshilfe-Projekt. Doch die Straßen verkommen ohne Instandhaltung schnell
REUTERS

Baustelle bei Nairobi: Infrastruktur - ein beliebtes Entwicklungshilfe-Projekt. Doch die Straßen verkommen ohne Instandhaltung schnell

Die Einschätzung der Entwicklung Schwarzafrikas (politisch korrekt: "Afrikas südlich der Sahara") ist in hohem Maße ideologisch. Nicht nur in weiten Bereichen der Dritte-Welt-Szene der Industrieländer gilt als zweifelsfrei: "Die armen Afrikaner werden von uns ausgebeutet, im Handel wird ihnen keine Chance gelassen. Alle Schulden müssen wir ihnen erlassen, weil ihnen die Kredite aufgezwungen wurden. Die finanzielle Entwicklungshilfe muss bedeutend erhöht werden, denn mehr Geld bedeutet mehr Entwicklung."

Zur Person

Kurt Gerhardt war von 1968 bis Ende 2007 Journalist im WDR-Hörfunk. Als früherer Landesbeauftragter des Deutschen Entwicklungsdienstes (DED) im westafrikanischen Niger kennt er die Problematik der Afrikahilfe aus eigener Anschauung. Er gehört zu den Mitbegründern der politischen Initiative "Grundbildung in der Dritten Welt" und des Vereins "Makaranta e.V." zur Förderung der Grundbildung in Afrika. Er ist außerdem Mitinitiator des "Bonner Aufrufs - Für eine andere Entwicklungspolitik!"

Das ist Musik in den Ohren afrikanischer Kleptokraten. Es entlastet sie und hilft ihnen, so verantwortungslos weiterzumachen wie bisher. Diese Schwärmer in den Ländern des Nordens sind de facto die Fanclubs afrikanischer Machtmissbraucher. Und sie verhindern afrikanische Entwicklungsanstrengungen.

Die gleiche Wirkung erzeugen die vielen, die sagen, Afrikas Entwicklungschancen würden von den ungerechten internationalen Handelsbeziehungen zunichte gemacht. Dass Kritik an ihnen berechtigt ist, ist keine Frage. Aber warum gedeiht - unter identischen Bedingungen - der Handel zahlreicher Entwicklungsländer außerhalb Afrikas? Dass diese offenkundige Wahrheit gegen das Katastrophengerede chancenlos ist, ist bezeichnend für die Qualität des Entwicklungsdiskurses.

Die besonders erfolgreichen Handelspartner unter den ärmeren Staaten exportieren keine Agrargüter, sondern Industrieprodukte. China hat zunächst technisch einfache Geräte auf den Weltmarkt gebracht, mit der Zeit immer anspruchsvollere. Warum geht das nicht in Afrika? Hat man je einen Tauchsieder, ein Fahrrad, eine Haarklammer gesehen mit der Aufschrift "Made in Togo" oder "Made in Uganda"? Seit Generationen fördert die internationale Gemeinschaft technische und unternehmerische Kompetenz von Afrikanern. Wo hat sich das niedergeschlagen?

Nach einem halben Jahrhundert Entwicklungshilfe für Afrika ist die ganze Geberwelt immer noch überzogen mit einem Netz von Hilfeagenturen aller Art, staatlich und privat. Regierungen, Kommunen, kirchliche Hilfswerke, Unternehmerverbände, Gewerkschaften, eine unübersehbare Zahl von Wohltätigkeitsverbänden, Schulen und Patenschaftsvereinen - alle helfen Afrika, oder besser: wollen helfen. Und Afrika nimmt gern, auch wenn es die eigene Würde verletzt. Die ausgestreckte Hand ist geradezu zu einem Symbol des Kontinents geworden. Die Menschen hüben und drüben haben sich an diesen Zustand so sehr gewöhnt, dass diese Absurdität ihnen normal vorkommt.

Die ausgestreckte Hand ist das Symbol des Kontinents

Das Geben und Nehmen festigt die Abhängigkeit Afrikas und verhindert Entwicklung. Es missachtet die banale Einsicht, dass Entwicklung immer nur das sein kann, was Menschen und Gesellschaften für ihr Fortkommen selbst leisten. Was wir tun, ist ziemlich uninteressant. Was sie tun, die Afrikaner, ist entscheidend. Ihre Eigendynamik ist durch nichts zu ersetzen, auch durch keine noch so gut gemeinte Hilfe von außen.

Mit der Entwicklungsdynamik Afrikas sieht es schlecht aus. Natürlich gibt es für alles gute und leuchtende Beispiele, aber typisch für den Kontinent sind sie nicht. Wer Entwicklungsdynamik erleben will, muss auf die quirlige Betriebsamkeit aufstrebender Länder Ostasiens schauen, wo internationale Entwicklungshilfe eine geringe Rolle spielt.

Wer Afrika bereist, spürt etwas anderes: viel Lethargie und zu wenig von diesem Drängen, diesem Eifer, es schaffen zu wollen. Besonders die ökonomische Entwicklung leidet unter einem Mangel an Gründlichkeit, Planung und Verlässlichkeit, wie auch daran, dass der afrikanische Familienclan einem Mitglied, das wirtschaftlichen Erfolg hat, die Früchte seiner Arbeit nicht lässt, sondern seinen Anteil daran fordert. Dazu blockiert der in allen gesellschaftlichen Schichten immer noch verwurzelte Geisterglaube rationales Denken und Handeln. Sozio-kulturelle Erklärungen solchen Verhaltens sind interessant, bringen aber die Entwicklung nicht voran.

Trotz dieser Widrigkeiten kann der Maßstab für die Qualität unserer Entwicklungshilfe nur sein, inwieweit es ihr gelingt, afrikanische Eigendynamik zu wecken und zu stärken. Diese simple und fundamentale Einsicht wird in der Praxis der Entwicklungshilfe zuwenig beachtet. Um die Leistung der Geberstaaten zu messen, schaut man stattdessen auf die sogenannte ODA-Quote (Official Development Assistance; Anteil der Entwicklungshilfe am Bruttonationalprodukt) und täuscht sich damit selbst. Denn mit Entwicklung hat diese Quote wenig zu tun, mehr mit dem Gegenteil.

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Forum - Hat die Entwicklungshilfe in Afrika versagt?
insgesamt 2010 Beiträge
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1.
Rainer Eichberg 09.04.2009
Zitat von sysopImmer wieder gerät die herkömmliche Entwicklungshilfe in die Kritik. Ist die heutige Unterstützung noch zeitgemäß oder hat sie den Kontinent unselbstständig und abhängig von Almosen gemacht?
Zumindest an den Küsten hat man sich dort überaus selbständig gemacht! Ich vermute jedoch, die Entwicklungshelfer haben jahrzehntelang den Überschuß an Seeräuber-Romanen aus der Buchproduktion dorthin geschickt.
2.
chirin 09.04.2009
Zitat von sysopImmer wieder gerät die herkömmliche Entwicklungshilfe in die Kritik. Ist die heutige Unterstützung noch zeitgemäß oder hat sie den Kontinent unselbstständig und abhängig von Almosen gemacht?
Natürlich, und das war das Erste, was ich im Unterricht 1955 im Westteil gelernt habe.Mit viel Engagement sammelten die Schulen Geld und dafür wurden Schulmöbel (Tische , Bänke, Schränke und Schreibmaterialien) gekauft (ich glaube die Kinder und Eltern spendeten damals an die 80 000.- Westmark). jedenfalls wurde alles nahc Afrika gesandt und kam Monate später zurück, die wollten Geld. Dann wurde das Geld gesandt und dann war in der Zeitung zu lesen, das sich die Ehefrau- eine ganz dicke Afrikanerin - von dem Geld in England ein entsprechendes "goldenes" - sicher vergoldetes- Bett gekauft habe. Na, bitte! An den vielen Spenden nach Afrika haben sich in1. Linie die Regierenden des afrikanischen Staates bereichert und natürlich die Organisationen , die eingesammelt haben - auch da die 1.Etage und nicht die vielen ehrenamtlichen Helfer. Als wir vor 30 Jahren durch Ägypten fuhren - zwischen Alexandria und Kairo - hatten die Franzosen Frischwasser-Leitungen entlang der Ölpipelines gelegt und die Ägypter haben - bei brennender Sonne - gesät und vorsichtig gegossen. Das ist also an den Bedürfnissen des Landes Entwicklungshilfe gewesen und die bringt auch etwas, aber die Deutschen u.a. sehen doch nur zu, wo sie selbst bleiben. Dann gründet ebend die Großmutter eines Politikers zu überhöhten Preisen pro Forma eine Dienstleistungsgesellschaft und schon läuft der Laden. Die Afrikaner in ihren Behörden machen fröhlich mit. Die von Deutschland geleistete Entwicklungshilfe ist eher pervers. Hier in Deutschland haben wir hungernde Kinder und die Regierung sendet Fernseher und Waschmaschinen nach China, als Entwicklungshilfe, das ist schon besonders merkwürdig.
3.
annalüse 09.04.2009
Zitat von sysopImmer wieder gerät die herkömmliche Entwicklungshilfe in die Kritik. Ist die heutige Unterstützung noch zeitgemäß oder hat sie den Kontinent unselbstständig und abhängig von Almosen gemacht?
Bitte nichts ändern! Als EU haben wir ein vitales Eigeninteresse daran, dass alles so bleibt wie es ist. Denn nur wenn die von uns abhängig bleiben, können wir ihnen diktieren, dass ihre Grenzen für unsere Produkte offenbleiben. Das bißchen Entwicklungshilfe nehmen wir aus der Portokasse als Alibi für unsere weiße Weste.
4.
Orix 09.04.2009
Zitat von annalüseBitte nichts ändern! Als EU haben wir ein vitales Eigeninteresse daran, dass alles so bleibt wie es ist. Denn nur wenn die von uns abhängig bleiben, können wir ihnen diktieren, dass ihre Grenzen für unsere Produkte offenbleiben. Das bißchen Entwicklungshilfe nehmen wir aus der Portokasse als Alibi für unsere weiße Weste.
Genau! Wir nehemen ihnen weiter die Lebensgundlagen,in den wir ihnen die Fische vor der Nase wegfangen und und.... Laden den Mist an überflüssigen Lebensmittel dort ab, da mit der Bauer sich gar nicht erst mühen muss, denn an die Preis kommt er eh nicht ran. Unsere alten Lumpen folgen hinter her, spart den Kauf der Nähmaschine und unternehmerisches Denken. Weihnachten legen wir was in die Spendenbüchse und schon ist das Gewissen beruhigt. Blos der Zaun um die EU müsste noch etwas höher gezogen werden, wo kämen wir denn dahin wenn jeder der Hunger hat zu uns will.
5.
Antisthenes 09.04.2009
Zitat von OrixBlos der Zaun um die EU müsste noch etwas höher gezogen werden, wo kämen wir denn dahin wenn jeder der Hunger hat zu uns will.
Alles reinwinken, oder wie jetzt?
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