Geschockt ins neue Jahr Die Angst lähmt Pakistan

Pakistan hat den Jahreswechsel nicht gefeiert: Kein Feuerwerk, keine Partys, die Menschen blieben zu Hause. Hoffnungen auf eine baldige Entspannung nach dem Bhutto-Mord sind dahin - derzeit reicht ein Gerücht über ein neues Attentat, um die Menschen in Panik zu versetzen.

Von , Karatschi


Karatschi - Mirza Khan steht fassungslos vor seinem ausgebrannten Taxi. Am Samstag war er unterwegs von der Innenstadt von Karatschi zum Flughafen, um dort, geschützt von Polizisten und Paramilitärs, abzuwarten, bis bessere Zeiten kommen. Bis die Menschen den Schock über die Ermordung von Benazir Bhutto verarbeitet, Plünderer ihre Gier befriedigt und marodierende Verrückte ihre Lust an der Gewalt ausgelebt haben. "Ich war leider zu spät dran", sagt Khan. Der 35-Jährige geriet mit seinem Wagen in einen Mob. Mehrere Männer zerrten ihn aus seinem Auto, Khan wehrte sich. "Aber dann bekam ich Angst um mein Leben, und bevor sie mich anzündeten, bin ich lieber weggerannt."

Trauer um Benazir Bhutto: Pakistan bangt um seine Zukunft
DPA

Trauer um Benazir Bhutto: Pakistan bangt um seine Zukunft

Am Silvesterabend traut er sich wieder zu seinem Taxi. Ein schwarzer, metallener Rest ist geblieben von dem einst gelben Toyota. Khan hat Tränen in den Augen, als er in das Auto schaut. Er hat den Wagen erst vor zwei Jahren gekauft. "Ich muss noch drei Jahre die Raten abbezahlen", sagt er. "Wie soll ich das machen? Woher soll ich das Geld nehmen, wenn ich nichts mehr verdiene?"

Von Normalität ist Pakistan auch am Neujahrstag, fünf Tage nach dem Attentat auf die Oppositionspolitikerin Bhutto, weit entfernt - im Gegenteil, die Menschen rechnen mit einer Ausweitung der Gewalt. "Die Hoffnungen, dass zügig alles wieder seinen Gang geht, sind dahin", sagt Ashraf Nazeer, Beamter bei der Stadtverwaltung von Karatschi. "Aber daraus wird wohl nichts." Gestern, dem ersten Werktag nach der dreitägigen Staatstrauer um Bhutto, hatte der Tag in allen Städten Pakistans noch halbwegs normal begonnen: Die Geschäfte hatten wieder geöffnet, Menschen drängten sich in Lebensmittelläden, um die aufgebrauchten Vorräte wieder aufzufüllen, auf den Straßen waren keine Randalierer mehr unterwegs. Am Mittag gab es dann schlechte Nachrichten.

Ein Sender verbreitete, dass ein Regionalpolitiker in Karatschi von der Partei MQM, die vor allem die Interessen der indischstämmigen Pakistaner vertritt, erschossen worden sei. "Kaum hatten wir das gehört, schlossen die Geschäftsleute panisch ihre Läden", sagt Nazeer. "Von einem Moment auf den anderen fuhren keine Busse und Taxen mehr, Tausende von Menschen standen auf den Straßen und versuchten, sich irgendwie in Sicherheit zu bringen."

Eine Stunde später stellte sich heraus, dass die Nachricht nur ein Gerücht war. Die Ruhe war dennoch für den Rest des Tages dahin. Aus mehreren Städten wurden wieder Ausschreitungen gemeldet. Silvesterpartys waren wegen der Trauer um Bhutto und wegen der angespannten Lage ohnehin verboten. Zudem wurde befürchtet, dass der Böllerlärm für Anschläge gehalten werden und für noch mehr Panik sorgen könnte. Wer Geburtstags- oder Hochzeitsfeiern noch nicht abgesagt hatte, tat das spätestens jetzt.

Die Lage in dem Land ist äußerst instabil, bis zu den Wahlen wird keine Besserung erwartet. Heute will die Regierung in Islamabad bekanntgeben, ob sie den Wahltermin verschiebt. Benazirs Partei, die pakistanische Volkspartei PPP, hat sich für die Beibehaltung des Termins am 8. Januar ausgesprochen, sie will die Sympathiewelle für die tote Parteichefin nutzen. Konkurrierende Parteien, die zunächst zum Wahlboykott aufgerufen hatten, wollen nun doch teilnehmen. "Aber wenn unter diesen Umständen gewählt wird, kann das nur in einer Katastrophe enden", sagt Nazeer.

Selbst für die PPP, in der tiefe Gräben sichtbar werden. Auf der einen Seite steht Bhuttos Witwer Asif Zardari, der Millionenbeträge während der Regierungszeit seiner Frau in seine Tasche gesteckt haben soll, deswegen acht Jahre im Gefängnis saß und bei der Bevölkerung unbeliebt ist. Deshalb hat er - entgegen dem Willen seiner Frau, hinterlassen in einem Brief - seinem 19-jährigen Sohn Bilawal, politisch gänzlich unerfahren und derzeit Student in Oxford, den Vortritt für den Parteivorsitz gelassen. Auf der anderen Seite der wahrscheinliche Premierminister-Kandidat Makhdom Amin Fahim, ein alter Bhutto-Getreuer, aber nicht als Freund von Asif Zardari bekannt. Und schließlich der Rest der Familie Bhutto, der sich politisch von der PPP abgespaltet hat und Zardari die Ermordung von Bhuttos Bruder Murtaza vor elf Jahren vorwirft, weil er angeblich seine Schwester Benazir politisch herausfordern wollte.

Lange Schlangen vor den Tankstellen

"Selbst nach der Wahl wird das Chaos nicht aufhören", sagt ein leitender Redakteur der pakistanischen Tageszeitung "Dawn", der seinen Namen aus Furcht vor Rache nicht nennen will. "Denn wenn die PPP gewinnt und Fahim Premier wird, was im Moment sehr wahrscheinlich ist, haben wir einen zerstrittenen Haufen an der Macht." Am schlimmsten aber sei, dass der "furchtbare Zardari" fortan die Geschicke des Landes bestimmen werde. Schlimmer als Benazir Bhutto sei er aber auch nicht. "Manche Leute, vor allem westliche Politiker, tun so, als sei Bhutto eine Heilige gewesen, die einzige Hoffnung auf Demokratie in Pakistan. Aber ganz im Ernst: Das ist kompletter Unsinn - die Bhuttos sind eine feudale Familie. Wann hat Benazir jemals in ihren zwei Regierungszeiten Ende der Achtziger und in den Neunzigern etwas für die Demokratie getan?"

Über Pervez Musharraf, den Diktator, gehen die Meinungen auseinander. "Er hat wirtschaftlich viel für dieses Land getan", sagt ein Banker von der Citibank. Ein Fernsehreporter sagt, lange habe es in Pakistan nicht so viel Pressefreiheit gegeben wie unter dem Ex-General, "mal abgesehen von den Einschränkungen seit dem Ausnahmezustand vom 3. November, als Musharraf seine Macht absichern und deshalb kritische Journalisten verhaften ließ". Das wiederum sei "so abnormal, dass Musharraf fortgejagt gehört". Ein Aktienhändler an der Börse von Karatschi sagt, etwa 50 Prozent der Bevölkerung sei für Musharraf, 50 Prozent gegen ihn. "Ich weiß nicht, für oder gegen wen ich bin."

Einig sind sich die Pakistaner auch darin, dass sich die Lage schleunigst entspannen muss. "Gestern konnten wir wenigstens für kurze Zeit Lebensmittel einkaufen, aber Benzin gibt es immer noch nicht", sagt die Rechtsanwältin Fatima Shaheen. "Viele meiner Kollegen rechnen wie ich mit der schlimmsten Krise des Landes in seiner 60-jährigen Geschichte."

Vor den geöffneten Tankstellen bilden sich viele hundert Meter lange Schlangen, der Kraftstoff kostet dreimal so viel wie noch vor fünf Tagen. Taxifahrten kosten bis zu zehnmal so viel wie normal - wegen höherer Benzinkosten plus Risikoaufschlag, schließlich riskieren die Fahrer ihr Leben, wie sie sagen.

Mirza Khan, der glücklicherweise nur sein Taxi verloren hat, sagt, er wolle einen Eselskarren organisieren, mit dem er die Überreste seines Autos nach Hause transportieren kann. "Vielleicht kann man damit noch irgendetwas anfangen", sagt er. "Ich bin kein religiöser Mann, aber jetzt werde ich zu Gott beten, dass 2008 ein besseres Jahr wird."

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