Aus Kairo berichtet Hasnain Kazim
Zwei Fragen beschäftigen die Ägypter: Wohin sind Husni Mubarak und seine Familie geflohen? Und wo hat der gestürzte Präsident sein milliardenschweres Vermögen versteckt? In Kairo kursiert das Gerücht, er habe sich ins Ausland abgesetzt. Fest steht: Die Menschen wollen, dass er büßt.
Mehrere Offizielle sagten, Mubarak sei am Freitag, dem Tag seines Sturzes, mit einem Hubschrauber um 14 Uhr in seiner Residenz in Scharm al-Scheich gelandet. Ägyptische Zeitungen zitieren namentlich nicht genannte Militärs, wonach Mubarak "definitiv nicht" ins Ausland geflohen sei. Die Präsidentenmaschine stehe nach wie vor am Kairoer Flughafen.
Auch gegenüber SPIEGEL ONLINE bestätigen Insider, dass "zwei Hubschrauber" am Freitagnachmittag, also wenige Stunden vor Bekanntgabe von Mubaraks Rücktritt, in der Touristenstadt gelandet seien. Zuvor sei das Gelände weiträumig abgeriegelt worden. "Mubarak ist definitiv nicht geflohen", sagen Quellen, die namentlich nicht genannt werden wollen.
Doch viele Menschen glauben diesen Beteuerungen nicht. "Der hat sich rechtzeitig, gerade noch im letzten Moment, aus dem Staub gemacht", schimpft Mohammed Ali, ein Aktivist, der tagelang auf dem Tahrir-Platz gestanden hat. Er trägt ein Schild mit der Aufschrift: "Gib uns die gestohlenen 70.000.000.000 Dollar zurück!" Zwar wolle er jetzt den Blick nach vorn richten und wie alle Oppositionellen über die Zukunft Ägyptens nachdenken, sagt Ali. "Aber ich bin trotzdem der Meinung, dass wir Mubarak nicht einfach davonkommen lassen dürfen. Nach 30 Jahren selbstherrlicher Herrschaft muss er jetzt die Konsequenzen für sein Handeln tragen."
Die Aktivisten glauben, Mubarak sei nach Dubai oder nach Abu Dhabi geflogen. Aber auch die Namen Kuwait und Oman fallen. "Ich halte es für möglich, dass er längst in den USA ist", behauptet Mustafa Abdel Wahab, ein Medizinstudent, der ebenfalls tagelang auf dem Tahrir-Platz verbracht hat. "Washington hat ihn all die Jahre gestützt, jetzt werden sie ihrem guten Freund sicher einen ruhigen Lebensabend ermöglichen."
Ist Mubaraks Frau in London?
In Kairo machten auch Berichte die Runde, wonach sich Mubaraks Ehefrau Suzanne sowie die Söhne Gamal und Alaa mit ihren Familien ins Ausland abgesetzt hätten. Sie seien in London gesichtet worden, heißt es. Aus offiziellen Kreisen hieß es aber, auch Mubaraks Familie sei in Scharm al-Scheich.
"Wo auch immer sie sich aufhalten, wir werden dafür kämpfen, das Geld, das dem ägyptischen Volk gehört, zurückzubekommen", zitiert die "Egyptian Gazette" in einer Sonderausgabe am Sonntag Essam Sultan, Mitglied einer Kommission, die damit beauftragt ist, Mubaraks Vermögen bei Banken in aller Welt aufzuspüren.
Der britische "Guardian" hatte Mitte der Woche berichtet, Mubaraks Reichtum werde auf 40 bis 70 Milliarden Dollar geschätzt. Vertreter der US-Regierung halten das für übertrieben. Nach Schätzung des Geheimdienstes CIA beträgt das Vermögen der Familie Mubarak "weniger als fünf Milliarden Dollar". Die "Egyptian Gazette" zitiert einen CIA-Vertreter mit dem Worten, Mubaraks Vermögen könnte "durchaus legal" sein. Demnach hätten die USA ihm alleine 335 Millionen Dollar für den Kauf von Flugzeugen zur Verfügung gestellt.
Die Schweizer Regierung fror kurz nach Mubaraks Rücktritt sämtliche Bankkonten der Familie sowie enger Vertrauter Mubaraks ein. Auch die britische Regierung will Konten sperren und eventuell vorhandene Vermögenswerte an die Bevölkerung Ägyptens zurückgeben, zitiert die "Sunday Times" Richard Alderman, Direktor der britischen Strafverfolgungsbehörde für Betrugsdelikte.
George Ishak, Anführer der ägyptischen "National Association for Chance", einer vom Friedensnobelpreisträger Mohamed ElBaradei gegründeten Vereinigung von oppositionellen Kräften, sagte, man werde jetzt "alle Akten öffnen". "Wir werden alles untersuchen: die Familien der Minister, die Präsidentenfamilie, jeden", zitiert ihn die "New York Times". Scharfe Kritik richtet sich in Ägypten gegen Mubaraks Sohn Gamal, der bis vor kurzem als Nachfolger im Präsidentenamt galt. Gamal Mubarak, einst Banker bei der Bank of America, ist an Firmen in allen Wirtschaftsbereichen des Landes beteiligt. Er galt als der Mann, auf den sein Vater hörte. Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE war er es, der am Donnerstag seinem Vater - angeblich entgegen der Empfehlung des Militärs - dazu riet, im Amt zu bleiben. Mubarak folgte diesem Rat und hielt seine Rede, die die Demonstranten empörte und die Proteste am Freitag anschwellen ließ.
Ob andere Herrscher in der arabischen Welt ein ähnliches Schicksal wie das von Mubarak befürchten? Libyens Staatschef Muammar al-Gaddafi jedenfalls bekundet schon einmal Mitleid mit dem gestürzten ägyptischen Präsidenten. In Äußerungen gegenüber Journalisten erinnerte er daran, Mubarak sei einst arm gewesen. "Wir kauften ihm damals Kleidung", sagte er. Man dürfe jetzt nicht vergessen, dass Mubarak auch einiges für das ägyptische Volk erreicht habe.
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