Von Ulrike Putz, Beirut
Der Angriff wurde offenbar präzise ausgeführt. Über zehn Raketen sollen am Mittwochmorgen in das Haus eingeschlagen sein, wo sich seit Tagen eine Gruppe ausländischer Reporter versteckt hielt. Das Gebäude stand im Stadtteil Baba Amr der syrischen Widerstandshochburg Homs und diente als improvisiertes Medienzentrum der Aufständischen. Nachdem die erste Salve das Haus traf, hätten die Journalisten versucht, aus dem Gebäude zu fliehen, berichten Aktivisten.
Doch die nächste Rakete schlug ein, bevor die Ausländer in Sicherheit waren: Marie Colvin, altgediente Kriegsreporterin mit amerikanischem Pass, die für die Londoner "Sunday Times" schrieb, und Rémi Ochlik, ein junger, doch erfahrener Kriegsfotograf aus Frankreich, starben noch vor Ort.
Drei andere Kollegen, dem Vernehmen nach zwei weitere Franzosen und ein Engländer, wurden teils schwer verletzt. Auch sechs Aufständische sollen bei der Attacke verwundet worden sein.
"Der Beschuss hört nicht auf, niemand kann in die Nähe des Hauses"
Über Stunden konnten die Leichen von Colvin und Ochlik nicht aus den Trümmern des komplett zerstörten Gebäudes geborgen werden, sagen Einwohner des umkämpften Stadtteils. "Der Beschuss hat nicht aufgehört, niemand kann in die Nähe des Hauses", berichtet ein Aktivist namens Omar der Nachrichtenagentur Reuters.
Die Verwundeten wurden unter Feuer in ein Feldlazarett der Aufständischen transportiert. Von Aktivisten gepostete YouTube-Clips sollen die zwei Männer und eine Frau dort zeigen. Die Lazarette sind jedoch in keiner Weise dafür ausgestattet, Schwerverletzte zu betreuen. Am Nachmittag gab es deshalb Bemühungen von Kollegen der Verwundeten, diese in den Libanon zu evakuieren. Die Redaktionen der Betroffenen ziehen offenbar auch in Erwägung, die illegal ins Land eingereisten Journalisten in Absprache mit dem Regime nach Damaskus zu überführen und behandeln zu lassen.
Syrien lässt kaum ausländische Journalisten ins Land, weshalb einige Reporter illegal mit Schmugglern über die Grenze gegangen sind, um von den Kämpfen gegen die Herrschaft Baschar al-Assads zu berichten. Vergangene Woche war der "New York Times"-Korrespondent Anthony Schadid bei einem Undercover-Recherchetrip in Syrien einem Asthmaanfall erlegen.
Blutplasmabeutel an Kleiderbügeln
Colvin hatte noch am Tag vor ihrem Tod den Bombenterror bezeugt, dem die Einwohner der aufständischen Stadtteile von Homs schutzlos ausgeliefert sind. "Es macht einen absolut krank", sagte sie der BBC in einem Telefoninterview. Das Bombardement ihres Viertels habe um halb sieben morgens begonnen, in nur 30 Sekunden habe sie 14 Granaten in der Umgebung einschlagen hören. Mit ihrem Blick für Details, der ihr zahlreiche internationale Auszeichnungen einbrachte, beschrieb sie die Zustände in einem Feldlazarett, das dem ähneln dürfte, in dem ihre Kollegen nun notdürftig versorgt werden. "Die nennen das hier Klinik, aber es ist in Wahrheit ein Apartment. Die Blutplasmabeutel hängen an Kleiderbügeln." In einfachen, ans Herz gehenden Worten beschrieb sie den Tod eines Zweijährigen, den sie mitangesehen hatte. "Er hatte einen Schrapnell in die Brust bekommen. Der Arzt sagte, er könne nichts machen. Der kleine Bauch hob und senkte sich hektisch, dann starb der Kleine."
Colvin war über Jahrzehnte immer dabei, wenn sich die Weltpresse versammelte, um über Kriege und Krisen zu berichten. Unter all den jungen, hungrigen Gefahrensuchern fiel sie jedes Mal auf: Weil die 55-Jährige Erfahrung und Gelassenheit ausstrahlte, und auch, weil sie seit einer Schrapnellverletzung in Sri Lanka im Jahr 2001 eine schwarze Augenklappe trug. Colvin unterschätzte nie die Gefahren, in die sie sich begab: Vor ihrem Trip ins belagerte Homs zählte sie vor zehn Tagen abends bei einem Bier in Beirut die Gefahren auf, die Journalisten in Syrien erwarten: "Die Syrer schießen mit allem, was sie haben, auf dich."
Weshalb Colvin sich trotzdem mit der Hilfe von Schmugglern auf den Weg nach Homs machte, erklärte der Chefredakteur der "Sunday Times" am Mittwoch. "Sie glaubte fest daran, dass Berichterstattung die exzessiven Gewaltorgien brutaler Regime eindämmen kann, und dass sie die Internationale Gemeinschaft dazu bringen kann, aufmerksam zu werden." Colvin war über 25 Jahre bei der "Sunday Times".
Trotz seiner nur 28 Jahre war auch Ochlik ein erfahrener Kriegsreporter. Der Fotograf machte sich einen Namen, als er 2004 die Unruhen bei den Präsidentschaftswahlen in Haiti dokumentierte. Der Durchbruch gelang ihm jedoch im vergangenen Jahr, als er die Revolutionen in Tunesien, Ägypten und Libyen fotografierte. Das Bild eines libyschen Aufständischen brachte ihm einen World-Press-Photo-Preis 2012 ein.
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