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Getöteter Militärchef: Hisbollah schwört blutige Rache für Mughnija

Von Ulrike Putz, Beirut

Die USA und Israel jubeln, die Hisbollah dagegen schwört Rache für ihren getöteten Führer Imad Mughnija. Bei der Beerdigung am Donnerstag in Beirut könnte die Wut der Schiiten in Gewalt umschlagen.

Beirut - Es waren biblische Worte, mit denen die rakidal-islamische Hisbollah Rache für ihren getöteten zweiten Anführer schwor. "Auge um Auge, Mann um Mann, Führer um Führer", forderte einer der spirituellen Führer der "Partei Gottes", Scheich Afif Nablusi auf dem Hisbollah-Sender Al-Manar. Der Sender zeigte eins der wenigen bekannten Fotos von Imad Mughnija, der als Meister der Verkleidung galt.

Mughnija: "Er war ein kaltblütiger Killer"
AFP

Mughnija: "Er war ein kaltblütiger Killer"

Am Nachmittag dann wurden Bilder übertragen, wie Mughnijas Leiche in einen mit gelben Hisbollah-Flaggen bedeckten Sarg gelegt wurde. "Jeder Angriff auf die Hisbollah wird beantwortet werden", sagt Nablusi, und es war klar, wem die Drohung galt: Israel, das die Hisbollah sofort nach Bekanntwerden des Todes Mughnijas in Damaskus als Drahtzieher seiner Ermordung ausgemacht hatte.

Der in Israel, den USA und in der EU als Terrorist gesuchte 45-Jährige war gestern Abend bei einer Explosion im syrischen Damaskus getötet worden. Der iranische Satellitensender Press TV meldete, Mughnija habe gerade sein Haus verlassen wollen, als der Sprengsatz detonierte. Der libanesische Fernsehsender LBC berichtete, Mughnija habe vor seinem Tod an einer Feier in einer iranischen Schule in Damaskus teilgenommen.

Mughnijas Tod hat Reaktionen hervorgerufen, die unterschiedlicher kaum sein konnten. Die Hisbollah und Syrien verurteilten seinen gewaltsamen Tod als Verbrechen. Der Sprecher des Außenministeriums Irans sprach von "Staatsterrorismus" durch Israel. In den USA, wo Mughnija einen Stammplatz auf der Liste der meist gesuchten Terroristen hatte, wurde die Nachricht von seinem gewaltsamen Tod dagegen mit lautem Beifall aufgenommen. "Die Welt ist ein besserer Ort ohne diesen Mann", frohlockte der Sprecher des US-Innenministeriums, Sean McCormack. "Er war ein kaltblütiger Killer, ein Massenmörder und Terrorist, der unzähligen Unschuldigen das Leben gekostet hat." Mughnijas Tod sei dafür die gerechte Strafe.

Der ehemalige Chef des israelischen Auslandsgeheimdiensts Mossad, Danny Yatom, begrüßte die Tötung Mughnijas als "großen Erfolg der freien Welt in ihrem Kampf gegen den Terror". Der Tod ihres militärischen Führers sei ein ernster Schlag für die Hisbollah, der nur durch eine tiefgehende Unterwanderung der Organisation möglich geworden sei. Yatom betonte, dass viele Geheimdienste offene Rechungen mit der Nummer zwei der Schiiten-Miliz gehabt hätten. Der Dienst, dem es gelungen sei, an Mughnijeh heran zu kommen, habe bewiesen, dass er beste Informationen habe und operativ sehr gut aufgestellt sei.

Der Ex-Geheimdienstchef wertete Mughnijas Tod als deutliche Warnung. "Wer ihn töten kann, kann jeden innerhalb der Hisbollah töten. Es wird lange dauern, bis die Hisbollah einen Erben finden wird." Ein Regierungssprecher Israels hatte zuvor erklärt, sein Land habe nichts mit dem Attentat zu tun. Jerusalem "lehne es ab, wenn Terrorgruppen ihm eine Beteiligung in das Ereignis zuschreiben wollen". Dem sei nichts hinzuzufügen.

Fünf Millionen Dollar Kopfgeld vom FBI

Mughnija war seit Jahren untergetaucht. Er soll sich im Laufe seines Lebens mehreren plastischen Operationen unterzogen haben, um sein Aussehen zu verändern. Als Stellvertreter des Hisbollah-Führers Hassan Nasrallah soll Mughnija innerhalb der radikal-islamischen "Partei Gottes" für den Kampf gegen Israel zuständig gewesen sein. Er wurde als möglicher Nachfolger Nasrallahs als Chef der Schiiten-Miliz gehandelt und pflegte engste Beziehungen zu Iran. Vor zwei Jahren soll er mit dem iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad in Syrien zusammengetroffen sein.

Mughnija gilt als Drahtzieher von zwei Anschlägen auf israelische beziehungsweise jüdische Einrichtungen 1992 und 1994 in Buenos Aires. Bei den Attentaten auf die israelische Botschaft in Argentinien und ein jüdisches Kulturzentrum kamen über hundert Menschen ums Leben. Während des libanesischen Bürgerkrieges soll er für die Entführung von westlichen Ausländern im Libanon verantwortlich gewesen sein.

Die USA gehen zudem davon aus, dass der Hisbollah-Mann hinter den Attentaten auf die amerikanische Botschaft 1982 und auf die Unterkünfte der damals im Zedernstaat stationierten US-Marines 1983 steckte. Die Explosion, die das Camp der Marines in Schutt und Asche legte, tötete über 200 US-Soldaten. Gerüchten zufolge soll er 2006 auch die Entführung der zwei israelischen Soldaten organisiert haben, die den einmonatigen Libanon-Krieg auslöste. In den USA war Mughnija in Abwesenheit wegen der Entführung eines TWA-Flugzeugs 1985 angeklagt. Dabei war ein US-Marinetaucher getötet worden.

Sowohl in Israel als auch in den USA stand Mughnija dementsprechend auf den Listen der meistgesuchten Männer ganz weit oben. Den Israelis soll seine Ergreifung wichtiger gewesen sein als die Nasrallahs selbst. Das US-amerikanische FBI hatte ein Kopfgeld von fünf Millionen Dollar auf ihn ausgesetzt und beschrieb ihn auf seiner Website als "bewaffnet und gefährlich". Sicherheitsexperten gehen davon aus, dass Israel schon mehrfach versucht hat, Mughnija zu töten. So explodierte 1990 eine Autobombe vor der Beiruter Wohnung seines Bruders, der dabei getötet wurde.

Es steht zu befürchten, dass der Tod des Zweiten Mannes der Hisbollah neue Gewalt auslöst. Nicht nur, dass seine Anhänger Rache geschworen haben - die Gefahr von weiteren Toten und Verletzten im Zusammenhang mit dem Attentat von Damaskus ist in Beirut viel unmittelbarer. Zehntausende gingen in den Schiiten-Vierteln von Libanons Hauptstadt auf die Straße, um ihrem Zorn über die Ermordung ihres Anführers Ausdruck zu geben. Für morgen rief die Schiiten-Miliz in ihren Hochburgen einen Tag der Trauer aus. Mughnijas Beerdigung soll von einer Massendemonstration begleitet werden.

Es könnte passieren, dass die Wut der Schiiten dann in Gewalt umschlägt: Zeitgleich mit Mughnijas Beerdigung wird es im Stadtzentrum von Beirut zu einer Massenkundgebung zum dritten Jahrestag der Ermordung des ehemaligen libanesischen Ministerpräsidenten Rafik Hariri geben. Die Anhänger Hariris und die Hisbollah stehen seit Monaten auf Kriegsfuß.

In den vergangenen Tagen kam es jeden Abend zu Schießereien zwischen den Anhängern der Regierung und der Opposition. Wenn beide Gruppen morgen ihre aufgewühlten Anhänger in Massen für Trauerkundgebungen auf die Straße schicken, genügt ein Schuss, um die Lage eskalieren zu lassen.

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