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Gewalt gegen Oppositionelle: Amnesty wirft syrischen Ärzten Folter vor

Amnesty International erhebt schwere Vorwürfe gegen das Regime von Syriens Machthaber Assad: Der Menschenrechtsorganisation zufolge wurden verletzte Oppositionelle in staatlichen Krankenhäusern gefoltert. Die Kliniken seien "Instrumente der Unterdrückung".

Demonstranten im syrischen Hula: Folter von Regimegegnern in Krankenhäusern Zur Großansicht
REUTERS

Demonstranten im syrischen Hula: Folter von Regimegegnern in Krankenhäusern

London - Medizinische Hilfe und eine gute ärztliche Versorgung, das versprechen sich Patienten, wenn sie in ein Krankenhaus eingewiesen werden - in Syrien ist darauf offenbar kein Verlass mehr: Laut Amnesty International wurden verletzte Patienten in mindestens vier staatlichen Kliniken gefoltert. Machthaber Baschar al-Assad wolle damit offenbar den Aufstand der Opposition gegen seine Herrschaft brechen.

Die Krankenhäuser seien zu "Instrumenten der Unterdrückung" geworden, heißt es in einem 39-seitigen Bericht der Menschenrechtsorganisation. An der Folter sei in manchen Fällen auch medizinisches Personal beteiligt gewesen.

"Ich werde deine Wunde nicht reinigen. Ich werde warten, bis dein Fuß anfängt zu faulen, dann können wir ihn abschneiden." So habe für ihn ein zweiwöchiger Aufenthalt in einem Krankenhaus begonnen, der ihn das Leben hätte kosten können, sagte ein 28-jähriger Syrer der Organisation. Am 16. Mai 2011 wurde der Mann, der seine Geschichte unter dem Decknamen Jamil erzählt hat, südlich der syrischen Stadt Homs angeschossen. Eine Ambulanz habe ihn ins Militärkrankenhaus vor Ort gebracht, doch dort sei er zunächst nicht behandelt worden. Mehrere Zivilpolizisten hätten ihn zusammengeschlagen und beschimpft, bevor ein Arzt einen Verband um seine Schusswunde am Fuß angelegt hätte.

"Die Leute sterben zu Hause, weil sie sich nicht mehr zu uns trauen"

Nach dieser Erstversorgung wurde Jamils Fuß nicht weiter behandelt. Ärzte und Krankenpfleger drohten ihm wiederholt, sie würden schon dafür sorgen, dass der Fuß abgenommen werden müsse. Erst nach zwei Wochen entkam Jamil aus der Klinik, ein befreundeter Apotheker reinigte seine von Maden wimmelnde Verletzung und gab ihm Antibiotika, um die Entzündung zu stoppen - so die Schilderung.

Ein Chirurg, der im staatlichen Krankenhaus von Homs beschäftigt war und im Juni nach Saudi-Arabien geflohen ist, berichtete gegenüber SPIEGEL ONLINE von Einschüchterungsversuchen durch linientreues Klinikpersonal, wenn sich Ärzte für ihre Patienten einsetzten. "Anfang April hatte ich Dienst und mehrere Männer mit Schussverletzungen wurden eingeliefert. Ein etwa 15 Jahre alter Junge hatte eine Kugel im Fuß, wir haben uns erst mal um die schwereren Fälle gekümmert."

Dann habe er laute Schreie gehört: "Ein Krankenpfleger schlug mit aller Macht auf die Wunde des Jungen."

Er habe dem Pfleger befohlen, sofort damit aufzuhören, so der Chirurg in einem Telefoninterview. Bei der Krankenhausverwaltung habe er durchgesetzt, dass der Pfleger nicht mehr in der Notaufnahme eingesetzt würde und so wenig Umgang mit verletzten Demonstranten hatte. Der Pfleger habe sich gerächt, indem er den Chirurgen bei den Sicherheitskräften anschwärzte. "Ich wurde mehrfach zum Verhör vorgeladen, aber mehrere Kollegen von mir waren wegen ähnlichen Fällen vorgeladen und von diesen Verhören nicht zurückgekehrt", so der junge Arzt. Er beschloss, zu fliehen und kann nun nicht mehr in seine Heimat zurück: "Wenn die mitbekommen, dass ich mit Amnesty gesprochen habe, bin ich ein toter Mann."

Der Chirurg berichtet von unhaltbaren Zuständen: So hätten während einer seiner Operationen bewaffnete Sicherheitsleute den OP gestürmt. Andere Patienten mit schweren Schussverletzungen seien von staatlichen Schergen abgeholt und nie wieder gesehen worden. Die meisten Syrer seien inzwischen so verängstigt, dass sie es um jeden Preis vermieden, ein Krankenhaus aufzusuchen. "Die Leute sterben zu Hause, weil sie sich nicht mehr zu uns trauen."

Amnesty International zufolge kam es in mindestens vier Krankenhäusern zu Folterungen: in den Kliniken von Homs, Banias, Tell Kalakh sowie dem Militärhospital von Homs.

Razzien in Krankenhäusern

Das syrische Dokumentationszentrum für Menschenrechtsverletzungen hat seit Mitte September 25 Fälle von Ärzten und Apothekern aufgezeichnet, die verhaftet wurden, weil sie verletzten Demonstranten halfen. In mehreren aufständischen Städten wie Kaferbatna und Erbin habe es regelrechte Razzien in Krankenhäusern gegeben, bei denen Sicherheitskräfte nicht-linientreues Personal mitgenommen habe. Auch der Direktor des privaten al-Fatih-Krankenhauses in Kaferbatna, Mohammed Fatih Hallawa, sei in Haft.

Seit Mitte März gehen in Syrien fast täglich Menschen gegen die Führung Assads auf die Straße. Die Staatsmacht geht mit aller Härte gegen die Demonstranten vor. Nach Uno-Angaben kamen seit Beginn der Proteste mehr als 3000 Menschen ums Leben, die meisten von ihnen Zivilisten.

hen/upu/dapd/Reuters

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insgesamt 36 Beiträge
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1. Sicherlich wird es so sein, dass in Syrien schlimmes ...
iskin 25.10.2011
Zitat von sysopAmnesty International erhebt schwere Vorwürfe gegen das Regime von Syriens Machthaber Assad: Der Menschenrechtsorganisation zufolge wurden verletzte Oppositionelle in staatlichen Krankenhäusern gefoltert. Die Kliniken seien "Instrumente der Unterdrückung". http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,793805,00.html
passiert. Aber ich habe langsam das Gefühl, dass auch Amnesty International nicht objektiv und neutral ist. Ich höre nichts von "schweren" Vorwürfen was unsere saudischen Freunde angeht, oder Frau Merkels Freunde in Georgien oder Kisgistan.
2. ...
Mardor 25.10.2011
Zitat von iskinpassiert. Aber ich habe langsam das Gefühl, dass auch Amnesty International nicht objektiv und neutral ist. Ich höre nichts von "schweren" Vorwürfen was unsere saudischen Freunde angeht, oder Frau Merkels Freunde in Georgien oder Kisgistan.
Wer lesen kann, z.B. den AI-Jahresbericht, ist klar im Vorteil...
3. .
Marginalius 25.10.2011
Für alle die, die gleich wieder kommen und schreiben, das wäre alles Propaganda, der Westen würde da schon wieder den nächsten Eingriff vorbereiten oder das syrische Regime wäre eigentlich ein Hort der Menschlichkeit, bei dem die Bürger doch gefälligst froh sein sollten, dass sie dort leben dürfen, können sich ja mal folgendes Video anschauen, aber Achtung ... nicht für Kinder geeignet: http://www.liveleak.com/view?i=540_1319406288 Solche Vorfälle gibt es in Syrien täglich dutzendfach. Und auch in Libyen gab es solche Fälle zu Hunderten, bevor die NATO in Libyen eingriff. Manch Forist, der die Behandlung Gaddafis bei seiner Festnahme zu recht kritisierte und die beteiligten Rebellen meiner Meinung nach zu unrecht als wilde Tiere ohne Moral bezeichnete, möge sich mal vorstellen, sein eigener Bruder, Sohn, Vater, Cousin, Ehemann, bester Freund käme so ums Leben und kurze Zeit später würde man dem Mann persönlich gegenüberstehen, der für all das verantwortlich ist und die entsprechenden Befehle für derartiges Vorgehen gegeben hat, nur um sich noch etwas länger an der absoluten Macht zu halten. Könnten Sie wirklich mit absoluter Sicherheit garantieren, dass Sie dann anders reagieren würden, als es die Rebellen, die Gaddafi festgenommen haben, getan haben? ...... nur mal so zum Nachdenken. Viele Grüße
4. Gewalt gegen Kriegsgegner: Amnesty wirft amerikanischen Militärs Folter vor
burninghands, 25.10.2011
Amnesty International erhebt schwere Vorwürfe gegen das Regime von Amerikas Machthaber Obama (Bush etc): Der Menschenrechtsorganisation zufolge wurden gefangene Gegner in staatlichen Gefängnissen gefoltert. Die Gefängnisse seien "Instrumente der Unterdrückung".
5. Einen einzigen moslemischen Staat ?
christafaust 25.10.2011
wo nicht gefoltert wird und die Menschenrechte uneingeschränkt gewahrt sind, möchte ich mal genannt bekommen. Einen Einzigen !?
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Fläche: 185.180 km²

Bevölkerung: 22,265 Mio.

Hauptstadt: Damaskus

Staatsoberhaupt:
Baschar al-Assad

Regierungschef: Imad Khamis

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