Gewaltexzesse in Ägypten: Tag des Hasses

Aus Kairo berichtet

AP

Lynchmobs attackieren Andersdenkende, Bürgerwehren terrorisieren Autofahrer: In Kairo herrscht nach den Freitagsgebeten ein hochgefährliches Klima der Gewalt. Politiker und Armee lassen der Brutalität freien Lauf.

Mut hat die Frau, das muss man ihr lassen. Ganz in Schwarz gehüllt kommt sie die Treppe aus der Unterführung vor der Azhar-Moschee hoch. Ihr Gesichtsschleier lässt nur ihre Augen frei, schwarze Handschuhe verhüllen ihre Hände: Ihre Kleidung weist sie als strenggläubige Muslimin aus. "Dreh um, sag hier nichts", zischt ihr ein wohlmeinender Mann noch zu, doch die Frau geht weiter, mitten hinein in die Menschenmenge, die sich zwischen Unterführung und der Front der Azhar-Moschee drängt.

Dort, umgeben von aufgebrachten Anhängern der ägyptischen Armee, hebt sie an, zu schreien: "Seid ihr wirklich Muslime? Habt ihr nicht das Massaker gesehen? Wie könnt ihr die vielen Toten ignorieren?"

Weiter kommt die Frau nicht, denn die vielleicht 500 Männer, die eben noch für den Armeechef Mohammed al-Sisi skandierten, haben sich jetzt zu ihr umgedreht. In den Gesichtern steht Hass, innerhalb von Sekunden ist die Frau umzingelt, der Mob geifert, schiebt und drückt. "Hure, Hure", brüllen die Männer, die Frau duckt sich ängstlich in der Erwartung des ersten Schlags. Sie stolpert, versucht, sich zum Eingang der Unterführung zurückzuarbeiten. Dort treffen wir sie und eskortieren sie die Treppe hinab. Oben tobt die Menge.

Fotostrecke

22  Bilder
Ägypten: Gewalt in Kairo, Hinweis für Reisende
Auf dem Weg durch die Unterführung kreischt die Frau hysterisch: "Haben die nicht gesehen, wie viele Leute gestorben sind? Wie können sie die Wahrheit missachten?" echot es durch die gekachelten Tunnel. Hinter uns schließen Verfolger auf. Auf der anderen Straßenseite halten wir ein Taxi an, stoßen die Frau hinein. Männer lösen sich aus der Menge vor der Moschee, rennen in unsere Richtung. "Schnell, wir müssen weg", schreit der Taxifahrer, der sich wohl um sein Auto sorgt. Doch ein Polizist in Zivil will die Papiere der Frau sehen. Sekunden verrinnen wie in Zeitlupe.

"Verbrennt sie. Tötet sie!"

"Verbrennt sie. Tötet sie!", schreien die Männer, die nur noch Meter von uns entfernt sind. Endlich gibt der Polizist der Frau ihren Ausweis wieder, der Fahrer tritt schon aufs Gas, bevor wir ins Taxi hechten.

Als wir auf dem Weg ins Zentrum und in Sicherheit sind, entlädt sich die Anspannung. Wie sie dazu komme, ein solches Selbstmordkommando zu unternehmen, herrscht der Fahrer die Frau an. Nahib Mohammed heißt sie, heulend erzählt sie was vom Islam, für den sie sich opfern will.

Kairo auf einen Blick: Die wichtigsten Schauplätze der vergangenen Tage Zur Großansicht
SPIEGEL ONLINE

Kairo auf einen Blick: Die wichtigsten Schauplätze der vergangenen Tage

Irgendwann beruhigt sich die 40-jährige Mutter. Einsichtig ist sie nicht: Wir sollen sie bitte am Ramses-Platz herauslassen. Er ist einer der Orte, an dem die Anhänger der Muslimbrüder gegen das Massaker vom Mittwoch protestieren wollen. Jeder ahnt, dass es dort und anderswo auch an diesem Freitag wieder zu einem Blutbad kommen wird. Unsere Warnungen, dass Mohammed sich in Lebensgefahr begibt, dass sie an ihre Kinder denken soll, schlägt sie in den Wind. "Ich werde eh sterben, warum nicht heute", sagt sie zum Abschied.

Bewaffnet mit Schusswaffen, Messern und Knüppeln

Kairo ist an diesem Freitag eine Stadt, in der alle Hemmungen gefallen sind. Selbst abseits der großen Straßenschlachten zwischen den beiden verfeindeten Lagern ist man seines Lebens nicht mehr sicher. Mit selbstgebauten Pistolen, Fleischermessern und Knüppeln bewaffnete Bürgerwehren halten wahllos Autos an und terrorisieren die Insassen. Mit langen Messern bewaffnete Unterstützer der Armee machen Jagd auf fliehende Mursi-Anhänger.

An anderer Stelle sind es wiederum genau jene Mursi-Anhänger, von denen die Gewalt ausgeht. Auch sie sind bewaffnet, ebenfalls mit selbstgebauten Schusswaffen, Messern und Knüppeln. Auch Journalisten werden massiv bedroht. Angesichts der Lage ist es kaum noch möglich, sich den Epizentren der Kämpfe zu nähern, ohne sich in akute Gefahr zu begeben. Doch schon das, was am Rande des Geschehens zu sehen ist, lässt darauf schließen, dass dieser Tag wieder Hunderte Ägypter das Leben kosten wird.

Ägypten scheint an diesem Tag weiter denn je davon entfernt, seine Differenzen friedlich überbrücken zu können. Wie auch: Weder die Politiker noch die Armee noch die Muslimbrüder haben ihre Anhänger zur Mäßigung angehalten. Im Gegenteil, beide Lager schüren den Hass, treiben ihre Gegner auf die Straße. Es scheint, als wollten Politiker und Militärs die Ägypter den Machtkampf dort ausfechten lassen.

Angesichts dieser Kriegstreiberei verhallen die Appelle der Wenigen ungehört, die im Vorfeld des Freitags zur Mäßigung aufgefordert hatten. Selbst der Imam der Azhar-Moschee, die das weltweit wichtigste Zentrum des sunnitischen Islam ist, kommt nicht gegen den blinden Hass an, der Ägypten ergriffen hat. "Islam ist nicht nur Gebet, Almosen, Fasten", hatte der Geistliche in seiner Freitagspredigt gemahnt. "Islam ist es auch, den Kompromiss zu suchen, die Meinung des Andersdenkenden zu respektieren."

"Amen", antwortete die versammelte Menge - nur um keine zehn Minuten später kurz davor zu sein, Nahib Mohammed zu lynchen.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 73 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. ...
Newspeak 16.08.2013
Nahib Mohammed heißt sie, heulend erzählt sie was vom Islam, für den sie sich opfern will. Wahrhaft ein Beispiel für Zivilcourage diese religiöse Fundamentalistin. Mal schauen, wie der Konflikt weitergeht. Vielleicht sind die Ägypter die Ersten, die in der arabischen Welt realisiert haben, daß man sich nur von weltlichen Despoten wie Mubarak befreien muß, sondern auch von denen, die sich unter dem Deckmantel der Religion tarnen, wie dies die Muslimbrüder tun. Das war während der Französischen Revolution auch so, man kämpfte gegen Adel UND Klerus. Ich hoffe, Ägypten macht das ähnlich und löst damit die vielbeschworene islamische Aufklärung aus.
2. Es sit zu spät
grauwolf1949 16.08.2013
Zitat von sysopAFPLynchmobs attackieren Andersdenkende, Bürgerwehren terrorisieren Autofahrer: In Kairo herrscht nach den Freitagsgebeten ein hochgefährliches Klima der Gewalt. Politiker und Armee lassen der Brutalität freien Lauf.. Gewalt in Ägypten: Erneute Straßenschlachten in Kairo - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/gewalt-in-aegypten-erneute-strassenschlachten-in-kairo-a-917012.html)
In Ägypten hat ein Bürgerkrieg begonnen,jetzt MUSS die Armee gewaltsam für Ruhe sorgen, sei es eine Friedhofsruhe. Das Problem ist jetzt eigentlich auch der Westen, denn wenn dieses Chaos gewaltsam beendet wird, dann bedeutet das Ausgangssperre, Schießbefehl, eventuell Massenverhaftungen und eine Menge Leid und Tot. Es ist dann zu befürchten, das man sich im kultivierten Westen über die Brutalität der Auseinandersetzung echauffiert aber die Ursachen vergisst, - oder noch schlimmer - wieder aus der falschen Seite unterstützend eingreift.
3. Sinnlos
fiutare 16.08.2013
Diese Länder werden nie zur Ruhe kommen. Solange keine wie auch immer gearteten Despoten an der Macht sind, die durch pure Macht oder Machtmißbrauch herrschen, wird dort Hass, Gewalt und religiöse Verblendung an der Tagesordnung sein. Insofern die Wahl zwischen Not und Elend. Es klingt wirklich hart und von mir aus auch arrogant (was es aber nicht ist - höchstens Verzweiflung), aber diese Länder sind per se nicht zu einer Demokratie fähig. Warum das so ist - das mögen Historiker oder Völkerkundler erklären, ich kann es nicht. Ich sehe es nur. Ich wende mich mit Grausen ab und mag nicht mehr hinsehen. Diesen Ländern ist nicht mehr zu helfen.
4. der verantwortung entziehen
antisexy 16.08.2013
die usa und die eu kann sich der verantwortung über die geschehnisse in ägypten nicht entziehen. schliesslich waren die es, die den militärs und opposition grünes licht für den putsch gegeben geben. und dann ganz frech behaupten, die ägypter hätten keine ahnung über demokratie ist eine lachnummer. und die anderen diktaturen aus den arabischen ländern die um ihren stuhl zittern, auch mit ihnen wird abgerechnet.
5. Wer zieht die Strippen?
hubertrudnick1 16.08.2013
Zitat von sysopAFPLynchmobs attackieren Andersdenkende, Bürgerwehren terrorisieren Autofahrer: In Kairo herrscht nach den Freitagsgebeten ein hochgefährliches Klima der Gewalt. Politiker und Armee lassen der Brutalität freien Lauf.. Gewalt in Ägypten: Erneute Straßenschlachten in Kairo - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/gewalt-in-aegypten-erneute-strassenschlachten-in-kairo-a-917012.html)
Man muss sich mal die Frage stellen, wer zieht im Hintergrund die Strippen, es dient doch alles nur dem alten System, man kann so den Muslembrüdern zu den Gejagten machen und sie versuchen für immer auszuschalten. Man hat es zugelassen und ich behaupte mal auch provoziert, die Geheimdienste und das Militär ziehen ihre Strippen und somit kann man das alte System von vor der Frühlingsrevolution erneut einsetzen. Diese Übergangsregierung sind nur Scheinpersonen, sie haben alsolut nichts zu Sagen, sie werden nur vom Militär vorgefüht. Es ist von langer Hand abgekatert. Wie hat mal ein Geheimdienstmann zum Umbruch im Osten gesagt, wir müssen es so orgarnisieren, das die Demonstranten glauben sie hätten es selbst inzeniert, dabei werden sie nur von unsichtbarer Hand geleitet. Also wer führt hier die Regie?
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Ausland
RSS
alles zum Thema Machtkampf in Ägypten
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 73 Kommentare

Fotostrecke
Ägypten: Das Volk driftet auseinander
Karte: In diesen Orten kam es zuletzt zu Ausschreitungen

Fotostrecke
Ägypten: Gewalt in Kairo, Hinweis für Reisende
Tweets zu den Straßenschlachten in Kairo

Hilfe für Ägypten-Urlauber
Deutsche Vertretungen
Krisenstab des Auswärtigen Amts: 030-50003000

Deutsche Botschaft in Kairo
Telefon: (0020 2) 27 28 20 00
Bereitschaftsdienst in dringenden Notfällen: 012 213-6538
Honorarkonsulat in Alexandria: (002-03) 486-7503
Honorarkonsulat in Hurghada: (002-065) 344-3605, (002-065) 344-5734
Hotlines der Reiseveranstalter
TUI: 0511-567 8000 (9 bis 20 Uhr)
Neckermann Reisen und Thomas Cook: 06171-65 65 190
Bucher Reisen: 06171-65 65 400
Air Marin: 01805-36 66 36
Öger Tours: 01805-24 25 58
Condor: 01805-767757
Rewe (ITS, Jahn Reisen, Tjaereborg, Condor): 02203-42 800
FTI: 0800-2525444 (9 bis 22 Uhr)
5vorFlug: 0800-2525113 (9 bis 20 Uhr)
L'tur: 0800-21 21 21 00 (8 bis 24 Uhr)

Fluggesellschaften
Lufthansa: Sonder-Telefonnummer, unter der Flüge ausschließlich ab Kairo gebucht werden können +49-30-50570341

Ab sofort können freie Plätze auf Flügen von Air Berlin und Condor von Scharm el-Scheich, Hurghada und Marsa Alam nach Deutschland gebucht werden.
Air Berlin: www.airberlin.com oder per Telefon unter +49-1805-737 800
Condor: www.condor.com oder per Telefon unter +49-180-5767757