Staatskrise Notstand in Ägypten - Hunderte Tote - ElBaradei tritt zurück

Ägypten rutscht ins Chaos: Nach den blutigen Unruhen erklärt Vizepräsident Mohamed ElBaradei seinen Rücktritt. Die Regierung verhängt eine Ausgangssperre - die Zahl der Toten steigt weiter.


Kairo - Die Lage in Ägypten eskaliert: Nach blutigen Unruhen und der Verhängung des Notstands in Ägypten hat Mohammed ElBaradei sein Amt als Vizepräsident niedergelegt. "Ich habe meinen Rücktritt eingereicht, weil ich nicht die Verantwortung für Entscheidungen tragen kann, mit denen ich nicht einverstanden bin", teilte der Friedensnobelpreisträger mit.

Die Polizei hätte die Protestlager der Islamisten in Kairo nicht mit Gewalt räumen müssen. Es seien noch nicht alle friedlichen Alternativen ausgeschöpft gewesen, erklärte ElBaradei. "Bedauerlicherweise werden diejenigen, die zu Gewalt und Terror aufrufen, von dem profitieren, was heute geschehen ist", heißt es in dem Rücktrittsschreiben ElBaradeis an Übergangspräsident Adli Mansur, das vom staatlichen Nachrichtenportal "al-Ahram" veröffentlicht wurde.

Bei den blutigen Ausschreitungen kamen nach jüngsten offiziellen Zahlen landesweit 235 Menschen ums Leben, mehr als 2000 wurden verletzt. Das meldeten die staatlichen Medien unter Berufung auf die Gesundheitsbehörden. Muslimbrüder sowie Reporter vor Ort berichten allerdings von deutlich mehr Toten. Nach Angaben des Innenministeriums kamen 43 Polizisten bei dem Einsatz ums Leben.

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Ausnahmezustand in Ägypten: Sturm auf die Muslimbrüder
Ein Reporter der Nachrichtenagentur AFP zählte allein auf dem Rabaa-al-Adawija-Platz in Kairos Stadtteil Nasr City 124 Leichen. Dort hatte die Armee am Morgen ein Protestcamp der Anhänger des gestürzten Präsidenten Mohammed Mursi geräumt. Auch in anderen Orten liefern sich Sicherheitskräfte Zusammenstöße mit Mursi-Anhängern. Die Muslimbrüder riefen ihre Unterstützer zu Protesten im ganzen Land auf. In den Kanalstädten Suez und Port Said fielen Schüsse. In der Provinz Fajum im Südwesten Kairos sind bei Zusammenstößen nach offiziellen Angaben 35 Menschen getötet worden, in Alexandria kamen der Nachrichtenagentur Reuters zufolge zehn Menschen ums Leben. (Verfolgen Sie die aktuellen Ereignisse im Liveticker).

Ausgangssperre in Kairo

Für das komplette Land gilt seit 16 Uhr für einen Monat der Ausnahmezustand. Damit erhalten die Sicherheitskräfte mehr Freiheiten bei ihrem Vorgehen gegen Demonstranten, vor allem mit Blick auf Festnahmen und Untersuchungshaft. Auch die Armee könnte schon bald in größerem Stil in den Konflikt auf den Straßen des Landes eingreifen.

Die Regierung verhängte außerdem für Kairo und zehn weitere Provinzen eine Ausgangssperre. Diese werde bis auf weiteres von 19 Uhr bis sechs Uhr morgens dauern, teilte ein Sprecher mit. Sie gilt demnach für Kairo, Gizeh, Alexandria, Beni Sueif, Menja, Assiut, Sohag, Beheira, Nord-Sinai, Süd-Sinai und Suez.

Europäische Union und die USA verurteilten die Gewalt gegen die Demonstranten aufs Schärfste. "Wir haben das ägyptische Militär und die Sicherheitskräfte mehrfach dazu aufgefordert, sich zurückzuhalten und die Rechte seiner Bürger zu achten", sagte ein Sprecher des Weißen Hauses in Washington. Durch das harte Eingreifen werde die "Stabilität in der Region gefährdet".

Mursi-Anhänger greifen Behörden an

Unter den Toten befindet sich auch ein Kameramann des britischen TV-Senders Sky News. Der 61-jährige Mick Deane wurde nach Angaben seines Arbeitgebers in Kairo beschossen und erlag wenig später seinen Verletzungen. Auch eine Mitarbeiterin der Zeitung "Gulf News" wurde am Mittwochmorgen in Kairo getötet. Wie das Blatt mitteilte, befand sie sich jedoch auf einem privaten Besuch in der ägyptischen Hauptstadt.

Das ägyptische Innenministerium ordnete vorübergehend die Einstellung des Zugverkehrs von und nach Kairo an, offensichtlich um die Bewegungsfreiheit von Protestgruppen einzuschränken. Die Islamisten hatten die Zeltlager in Kairo vor fünf Wochen errichtet, um Mursis Wiedereinsetzung zu erzwingen. Das Militär hatte den Präsidenten am 3. Juli nach Massenprotesten abgesetzt.

Mehrere Funktionäre der Muslimbrüder sollen festgenommen worden sein, unter ihnen Mohammed al-Beltagi, der Generalsekretär der Partei für Freiheit und Gerechtigkeit, dem politischen Arm der Bruderschaft. Seine 17 Jahre alte Tochter soll unter den Toten sein.

In mehreren Städten griffen Mursi-Anhänger Verwaltungsgebäude und Polizeiwachen an. Nach Angaben christlicher Gruppen wurden in Oberägypten mindestens sieben Kirchen in Brand gesetzt. Koptische Organisationen machten Anhänger der Muslimbrüder dafür verantwortlich. Auch Läden von Christen seien angegriffen worden, ohne dass die Sicherheitskräfte einschritten.

fab/dpa/Reuters

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Seite 1
ratte321 14.08.2013
1.
Furchtbar!!! Also mit "Gewalt" Räumen heißt für mich NICHT schießen!!! Auch wenn ich für die Auflösung und Räumung war, Schüsse dürfen nicht und wenn nur zur Abschreckung mit nicht scharfer Munition fallen!
backtoblack 14.08.2013
2. Blut
Zitat von sysopAPÄgypten rutscht ins Chaos: Nach den blutigen Unruhen erklärt Vizepräsident Mohamed ElBaradei seinen Rücktritt. Die Regierung verhängt eine Ausgangssperre - die Zahl der Toten steigt weiter. http://www.spiegel.de/politik/ausland/gewalt-in-aegypten-eskaliert-elbaradei-tritt-zurueck-viele-tote-a-916646.html
Ich habe dein Eindruck, sowohl das Militär als auch die Mursi-Anhänger wollen um nahezu jeden Preis Blut sehen. Dann darf man sich, zynisch gesprochen, auch nicht wundern, wenn Blut fließt. Wenn nicht ein Wunder passiert, dann driftet Ägypten in Richtung syrischer Verhältnisse ab. Dabei hat in Kairo vor nicht allzu langer Zeit ein amerikanischer Präsident, ja richtig, Obama hieß er, eine wegweisende Rede zum Thema Frieden in Nahost gehalten. Übrig geblieben ist die Milliardenhilfe für die ägyptischen Militärs. Es ist zum Heulen.
atech 14.08.2013
3.
ElBaradeis Rücktritt war die einzig richtige Reaktion auf die gewaltsamen Auseinandersetzungen. Damit hat sich ElBaradei die Chance erhalten, später einmal als Präsident aller Ägypter von allen Ägyptern akzeptiert zu werden.
spon-facebook-10000523851 14.08.2013
4. Man bedenke...
..dass es keine friedvolle Beendigung der Konflikte gibt, ausser, man fuegt sich den Fanatikern und "Extremislamisten". Die geheuchelten US und EU "Verurteilungen" der Gewalt sind reine Makulatur. Als waere es da jeh um Gerechtigkeit gegangen. Die gesamte Region ist "im Eimer', egal wie sehr man sich empoert.
tinosaurus 14.08.2013
5. schade
finde es schon schade, dass ElBaradei zurückgetreten ist. Noch kann ich nicht erkennen, dass jetzt tatsächlich das Militär alleine regieren möchte. Es gab jedoch im Vorfeld nicht wenige Angebote, die Auseinandersetzung friedlich zu lösen. Offensichtlich wollten es eher die Islamisten einfach keine Kompromisse akzeptieren oder anstreben. Vielleicht geht das Militär zu schnell auch mit scharfen Waffen vor und provoziert damit einen blutigen Konflikt. Hierbei sollte man aber auch sehen, dass auch die Muslimbrüder mit bewaffneten Gruppen Terror verbreiten und auch christliche Kirchen abfackeln. Jetzt wird es auch für das Militär schwieriger, erneut die Diktatur einzuführen. Aber ich glaube eben nicht, dass das Militär die Alleinherrschaft anstrebt.
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