Straßenkämpfe in Ägypten: Die blutigste Nacht seit der Revolution

Aus Kairo berichtet

Mindestens drei Tote, Hunderte Verletzte: Das ist die Bilanz der heftigsten Straßenschlachten in Ägypten seit dem Sturz des Diktators Mubarak. Anhänger und Gegner von Präsident Mursi schleuderten Brandsätze, attackierten sich mit Steinen und Stöcken. Es droht ein neuer Bürgerkrieg.

Ägypten taumelt in ein Chaos aus Hass und Gewalt. Anhänger und Gegner des Präsidenten Mohammed Mursi lieferten sich in der Nacht zum Donnerstag heftige Straßenschlachten in der Hauptstadt Kairo. Mit äußerster Brutalität bekämpften sich die verfeindeten politischen Lager beim Präsidentenpalast stundenlang: Beide Seiten warfen Steine und Molotow-Cocktails, nahmen Gefangene, malträtierten sie mit äußerster Gewalt. Autos wurden angezündet.

Einem Bericht des Fernsehsenders al-Dschasira zufolge sollen vier Menschen getötet und mehr als 300 verletzt worden sein. Der ägyptische Innenminister bestätigte, dass drei Menschen ums Leben gekommen seien. Die amtliche Nachrichtenagentur Mena hingegen meldete, dass fünf Menschen bei den gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Gegnern und Anhängern des Präsidenten Mursi starben.

Die Gewaltorgie war die wohl schlimmste seit dem tagelangen Kampf vor dem Sturz des früheren Präsidenten Husni Mubarak. Die Nacht hat gezeigt, dass es kaum noch Hoffnung auf eine friedliche Lösung der politischen Krise gibt. Beide Seiten beschuldigten sich noch während der Straßenschlachten, für die Eskalation verantwortlich zu sein. Der Machtkampf droht zum brutalen Krieg zwischen den Anhängern Mursis und der Opposition zu werden.

Denn Mursi und die Muslimbrüder scheinen fest entschlossen, sich die Macht in Ägypten zu sichern, egal mit welchen Mitteln und Folgen. Essam al-Erian, Vizechef der Partei für Freiheit und Gerechtigkeit (FJP), des politischen Arms der Muslimbruderschaft, brüstete sich nach den Jagdszenen im Kairoer Stadtviertel Heliopolis sogar damit, dass die Muslimbrüder mutig in der "letzten Schlacht der Revolution gegen die Konterrevolution" gekämpft hätten. Demnach würden die Gegner Mursis die "Herrschaft der Mehrheit" nicht akzeptieren.

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Straßenschlachten in Kairo: Mit Stöcken und Steinen
Dass die Regierung fast gleichzeitig erneut einen Dialog mit der Opposition zu dem umstrittenen Verfassungsentwurf beschwor, erscheint wie eine Farce. In Kairo kursieren bereits Gerüchte, dass Mursi bald sogenannte Revolutionsgerichte einführen will, um politische Gegner möglichst schnell aus dem Weg zu räumen. Erste Anzeigen wie gegen den Oppositionsführer Mohammed ElBaradei gibt es bereits.

Drei Berater von Präsident Mursi jedoch reagierten auf die neue Gewaltwelle: Sie erklärten aus Protest ihren Rücktritt. So verkündete der Politologe Seif Abdel Fatah diesen Schritt am Abend in einem Interview mit al-Dschasira live. Er sagte unter Tränen, die komplette Elite des Landes sei eigennützig und habe nicht die Interessen der Bevölkerung im Blick.

Muslimbrüder rufen zum Kampf

Begonnen hatten die Straßenschlachten am Mittwoch gegen 18 Uhr Ortszeit. Spontan hatten die Muslimbrüder, die Mursi folgen, und seine Gegner am Nachmittag ihre Anhänger per SMS, Twitter und Facebook aufgefordert, sich vor dem Präsidentenpalast zu versammeln. Dort hatten am Abend zuvor Zehntausende Oppositionelle gegen die von Mursi erlassenen Dekrete und den Verfassungsentwurf protestiert. Nach einem kurzen Scharmützel mit der Polizei waren die Mursi-Gegner sogar bis vor das Tor des Palastes vorgedrungen.

Die streng konservativen Muslimbrüder riefen ihre Anhänger deswegen am Mittwochnachmittag auf, ein am Dienstag errichtetes kleines Zeltcamp von Oppositionellen am Rande des Palastes aufzulösen und ihre Unterstützung für das Staatsoberhaupt zu zeigen. Aus ihrer Sicht hatten die Demonstranten den Präsidenten, der die Residenz schon zu Beginn der Proteste verlassen hatte, beleidigt. Ein Sprecher sagte im Fernsehen, nun sei "die Zeit des Kampfes" gekommen. Wenig später rief die Opposition ihre Anhänger dazu auf, ebenfalls wieder zum Palast zu marschieren. Ein Zusammenstoß schien damit unausweichlich.

Holzknüppel, Gasmasken, Straßensperren

Was sich dann abspielte, zeigte den ganzen Hass, der den politischen Machtkampf zwischen den Anhängern Mursis und der Opposition prägt. Angestachelt von ihren Anführern zogen zunächst Tausende Muslimbrüder zum Palast, verwüsteten dort das kleine Zeltcamp der Oppositionellen, schlugen die Gegner brutal zusammen. Dann errichteten sie Straßensperren, häuften Steine auf und überstrichen an den Wänden des Palastes Mursi-kritische Graffiti.

Es dauerte nur etwa eine Stunde, bis ein großer Zug von Oppositionellen ebenfalls den Schauplatz erreichte. Doch es waren nicht mehr die Studenten, die einst die Revolution anführten: Bewaffnet mit Holzknüppeln und ausgerüstet mit Gasmasken und Motorradhelmen zog ein Mob von hasserfüllten Jugendlichen auf die Straßensperren zu.

Dann brach Chaos los. Tausende Menschen jagten einander durch die Einkaufstraßen. Sie schlugen mit Stöcken, Gürteln und allem, was zu greifen war, aufeinander ein. Die ersten Molotow-Cocktails flogen, eine wilde Hetzjagd begann. Die Polizei war zunächst nicht zu sehen. Statt die beiden Gruppen zu trennen, hatte sich die "riot police" zurückgezogen und schritt erst ein, als es schon zu spät war.

Die Unruhen sind vergleichbar mit den Straßenschlachten zwischen Mubarak-Gegnern und seinen Anhängern auf dem Höhepunkt der Revolution im Frühjahr 2011. Damals hatten sich beide Seiten auf dem Tahrir-Platz im Zentrum Kairos erbittert bekämpft. Es waren die schwärzesten Tage des Freiheitskampfes der Ägypter gegen den Despoten.

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insgesamt 46 Beiträge
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1. El-Baradai zerstört das Land
liveauskairo 05.12.2012
Es ist keine Farce seitens der aktuellen Regierung, sondern eine Farce, dass Herr El-Baradai offensichtlich keine Einigung haben möchte, sondern lediglich nach seiner Macht. Er rebelliert, randaliert und möchte nicht an einem Tisch. Unverständlich, dass er noch dabei die Unterstützung aus Europa erhällt.
2. Revolutionsgerichte?
judas2.0 05.12.2012
Revolutionsgerichte? Paßt! Dann kommt Fahrt in die islamische Fratze! Wenn diee das durchziehen, gibt es eine Blutorgie. Eigentlich kann das nur noch die Armee stoppen und wenn die inzwischen auch den islamischen Götzen anbeten, war es das mit Ägypten.
3. Das war es dann wohl
arioffz 05.12.2012
Zitat von sysopDutzende Menschen wurden verletzt, mehrere sollen ums Leben gekommen sein - in Kairo ist die Gewalt zwischen Anhängern von Präsident Mursi und Oppositionellen in einer brutalen Straßenschlacht eskaliert. Die Chancen für eine friedliche Lösung des Konflikts schwinden. Gewalt in Ägypten: Tote und Verletzte bei Straßenschlacht in Kairo - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/gewalt-in-aegypten-tote-und-verletzte-bei-strassenschlacht-in-kairo-a-871236.html)
kein Urlaub mehr in Egypt. Sie werden im Moloch versinken und auf Jahrzehnte nicht mehr rauskommen. Als wir noch auf Bäumen wohnten, waren diese schon Hochkultur und jetzt scheint deren Bildung un Kultur völlig ad absurdum zu laufen. Was soll man dazu noch schreiben? Bei mir erzeugt dieses nur noch Kopfschütteln!
4.
Kador 05.12.2012
Zitat von sysopDutzende Menschen wurden verletzt, mehrere sollen ums Leben gekommen sein - in Kairo ist die Gewalt zwischen Anhängern von Präsident Mursi und Oppositionellen in einer brutalen Straßenschlacht eskaliert. Die Chancen für eine friedliche Lösung des Konflikts schwinden. Gewalt in Ägypten: Tote und Verletzte bei Straßenschlacht in Kairo - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/gewalt-in-aegypten-tote-und-verletzte-bei-strassenschlacht-in-kairo-a-871236.html)
Demokratie hatte ich mir eigentlich ganz anders vorgestellt! Der "Arabische Frühling" ist zum Winter geworden. Als nächstes sollte der Westen den Muslimbrüdern in Syrien zum Sieg verhelfen. Natürlich im Dienste der Demokratie.
5. Gott zum Glück
abominog 05.12.2012
gibt es auch in Ägypten ganz normale Menschen wie du und ich, die echt keinen Bock auf tyrannisierende Diktatoren haben und sich zur Not auch mit Händen und Füssen gegen diesen Wahnsinn wehren! Wie tragisch für dieses überaus beeindruckende Mittelmeerland mit grandioser Geschichte, offenbar schon wieder mal ausgerechnet den Bock zum Gärtner gemacht zu haben... Wenn es euch tröstet, ihr lieben Ägypter: Sehr sehr vielen anderen Ländern dieser Welt geht es exakt auch so, ihr seid also nicht alleine mit diesem Dilemma!
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Fläche: 1.002.000 km²

Bevölkerung: 81,121 Mio.

Hauptstadt: Kairo

Staatsoberhaupt:
Adli Mansur (interimistisch)

Regierungschef: Ibrahim Mahlab

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