Lage in Nordafghanistan Bundeswehr hielt Zahlen über steigende Gewalt zurück

Die Bundeswehr gibt bei ihrer Darstellung der Lage in Afghanistan ein schlechtes Bild ab. Zuletzt weigerte sie sich, Statistiken über Zwischenfälle herauszugeben. Unter Druck muss sie nun zugeben, dass die Gewalt steigt.

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Bundeswehrsoldaten in Masar-i-Scharif im Dezember: Angriffe und Anschläge nehmen im Norden Afghanistans zu
DPA

Bundeswehrsoldaten in Masar-i-Scharif im Dezember: Angriffe und Anschläge nehmen im Norden Afghanistans zu


Berlin - Nach langem Hin und Her hat die Bundeswehr nun doch eine Statistik über die Zunahme der Gewalt in Nordafghanistan herausgegeben. Das Einsatzführungskommando teilte mit, im Verantwortungsbereich der deutschen Streitkräfte habe es im vergangenen Jahr 1660 sogenannte "sicherheitsrelevante Zwischenfälle" (SRZ) gegeben - eine Steigerung von 35 Prozent gegenüber 2012. Unter dem Oberbegriff SRZ fasst die Truppe in Afghanistan seit Jahren Angriffe auf ausländische und lokale Soldaten und allgemeine Gewaltakte wie Bombenanschläge oder Schießereien zusammen.

Die Nachrichtenagentur dpa berichtete am Mittwochmorgen mit der Überschrift "Dramatische Zunahme der Taliban-Angriffe" über die Entwicklung. Die Statistik der internationalen Schutztruppe Isaf, so die Meldung, zeichne sogar ein noch düstereres Bild. Danach seien die "feindlichen Angriffe" in Nordafghanistan im ersten Halbjahr 2013 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 99 Prozent angestiegen, in den zweiten sechs Monaten um 26 Prozent. Die Bundeswehr habe ähnliche Zahlen, die sich jedoch von denen der Isaf unterschieden. Der Trend sei jedoch derselbe.

Ringen um die Statistik

Ein Sprecher der Bundeswehr erklärte die Steigerung unter anderem mit dem "sehr hohen Operationstempo" der afghanischen Armee und Polizei. Da diese im Norden mehr als bisher in der Fläche unterwegs seien, würde auch die Anzahl der Zwischenfälle zunehmen. Die Afghanen hatten im Laufe des Jahre 2013 mehr und mehr die Operationsführung im Norden übernommen. Die Bundeswehr blieb immer öfter in ihrem Lager und beschränkte sich auf eine Beratung der lokalen Kräfte.

Mag die dpa-Schlagzeile leicht übertrieben sein, sagt das wochenlange Ringen um die Statistik dennoch einiges über die Öffentlichkeitsarbeit der Bundeswehr und damit auch des Wehrressorts aus. Jahrelang hatte die Truppe genau wie die Nato-Kommandozentrale in Kabul lange Meldungen über die sogenannten SRZ-Zahlen herausgegeben, teilweise sogar im Monatstakt. Diese sollten stets belegen, dass die Stabilisierungsbemühungen der Nato-Einheiten Erfolge brachten oder dass der Aufbau der afghanischen Streitkräfte voranging.

Verluste der afghanischen Armee

Doch nun, da die Nato-Mission 2014 zu Ende geht und die Zahlen zu Gewalt und Opfern vor allem bei den Afghanen nicht sinken, legte man in den vergangenen Monaten keine Statistiken mehr vor. Die Truppe begründete diesen Schritt mit ungenauen Angaben der afghanischen Sicherheitskräfte. Erst als die Zahlen nun langsam an die Medien durchsickerten, entschied man sich zur Veröffentlichung.

Die eigenwillige Pressearbeit ist innerhalb der Isaf ein deutsches Phänomen. Bei einem Besuch im Nato-Hauptquartier in Kabul am Wochenende behauptete der deutsche Sprecher der Schutztruppe gegenüber SPIEGEL ONLINE zum Beispiel, die Isaf habe keine Zahlen über die Verluste der afghanischen Armee ANA und der Polizei. Dafür seien die Afghanen zuständig. Bei einem Treffen mit dem stellvertretenden Isaf-Kommandeur, einem US-General, konnte dieser aber detailliert über Tote und Verletzte bei der ANA berichten, die eng von der Nato betreut wird.

Der US-Kommandeur beschrieb offen, dass die Lage in Afghanistan nicht einfach sei und man mit den Afghanen vor einer Riesenherausforderung stehe. "Unsere Verluste nehmen ab, weil wir fast nur noch beraten", so der US-General, "die Afghanen sind draußen, sie stehen dem Feind gegenüber, und sie sterben." Auch im Norden des Landes ist dieser Trend ablesbar. Zwar will man keine Gesamtzahlen veröffentlichen, aber die Verluste bei der afghanischen Armee sind 2013 laut internen Isaf-Papieren im Vergleich zum Vorjahr um 20 Prozent gestiegen.

Debatte um Verlängerung des Mandats

Auch wenn eine Einschätzung der wirklichen Lage am Hindukusch allein mit Zahlen schwierig ist, dürfte der Umgang der Bundeswehr mit der aktuellen Statistik auch in die Debatte um den deutschen Einsatz und dessen Zukunft einfließen.

Bis Ende Februar muss der Bundestag ein neues Mandat für das letzte Jahr der Bundeswehrmission im Rahmen der Isaf-Mission verabschieden. Zuvor wird stets ein sogenannter Fortschrittsbericht über die Lage in Afghanistan vorgelegt. Es bleibt zu hoffen, dass er auch mögliche Rückschritte nicht verschweigt.



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insgesamt 13 Beiträge
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Seite 1
wurzelbär 15.01.2014
1. Was bitte ist daran neu
Zitat von sysopDPADie Bundeswehr gibt bei ihrer Darstellung der Lage in Afghanistan ein schlechtes Bild ab. Zuletzt weigerte sie sich, Statistiken über Zwischenfälle herauszugeben. Unter Druck muss sie nun zugeben, dass die Gewalt steigt. http://www.spiegel.de/politik/ausland/gewalt-in-afghanistan-bundeswehr-verheddert-sich-in-statistik-falle-a-943598.html
Die Politik/Regierung gibt bei ihrer Darstellung der Lage in Deutschland ein schlechtes Bild ab. Zuletzt schwärzte sogar Herr Rösler die Statistik in dem Armutsbericht für Deutschland, weil sie zugeben müßten, daß die Armut steigt. Diese Informations-Verfälschung ist ein Bestandteil der Volksverdummung ohne die, die verschiedenen " Mächte " das Volk nicht benützen und ihre Existenzen behaupten können. Warum sieht der Mensch die Nachrichten, weil diese Informationen für das Volk als "nach -richten", von herrichten, etwas in seinem Sinne berichtigen, richtigstellen, eben "nach - richten" um als Information und Bewußtsein kritiklos vom Volk, unbedacht, unkritisch, als eigene Meinung übernommen wird. Der Mensch muß ein selbstständiges Denken erreichen, sonst hat dieses Tollhaus mit ihren "0" in der Oberschicht nie ein Ende.
raumbefeuchter 15.01.2014
2. Problem
Das Problem mit semigeheimen und geheimen Organisationen ist ständig das selbe. Um Pfründe , Aufgaben und Aufträge etc zu sichern verschleiern sie die Statistiken. Handelt es sich dabei um eine vom Steuerzahler bezahlte Organisation, hat das ganze eine entsprechend grosse Tragweite. Ein weiteres Problem: die Verschleierung und Lügen bleiben ohne Konsequenzen. Afghanistan ist nur ein Beispiel von vielen.
elbullo79 15.01.2014
3. Die logische Folge...
des Truppenabzuges ist das. Wenn die "Beschützer" und Macher weg sind und der desolate Sicherheitsapparat der Afghanen übernimmt, ist das doch sonnenklar, dass es erst mal unschön wird. Vielleicht pendelt es sich ja wieder ein, bzw. wird sich sowieso wieder verbrüdert.
Sumerer 15.01.2014
4.
Zitat von sysopDPADie Bundeswehr gibt bei ihrer Darstellung der Lage in Afghanistan ein schlechtes Bild ab. Zuletzt weigerte sie sich, Statistiken über Zwischenfälle herauszugeben. Unter Druck muss sie nun zugeben, dass die Gewalt steigt. http://www.spiegel.de/politik/ausland/gewalt-in-afghanistan-bundeswehr-verheddert-sich-in-statistik-falle-a-943598.html
Wenn man von diesen offensichtlich frisierten Sicherheitslagebildern der Bundeswehr hört, gewinnt man den Eindruck, als würde dadurch intentionell ein persönliches Engagement geschützt. Auch, weil andere Lageeinschätzungen - durchaus weitaus negativere - erhältlich sind. Man mag argumentativ dagegenhalten, es habe in der Vergangenheit ja auch schon situativ falsche Lagedarstellungen gegeben. Für die gibt es allerdings auch eine intentionelle Motivation.
fritze28 15.01.2014
5. tja das ist sie
die BRD. sie unterstützen alles noch. sie berichten doch auch nicht die wahrheit bzw. berichten objektiv. sie sind doch auch Meinungsmacher und schaden so dem deutschen staat. hinterfragen sie doch mal, wer da oben NICHT lügt. viele werden sie nicht finden. die gesamte deutsche politik ist dem untergang geweiht. und sie können sich mit schuldig fühlen. arm ist das alles.
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