Gewalt in Afghanistan: Sieben Verletzte bei Anschlag auf US-Stützpunkt
Bei antiamerikanischen Protesten in Afghanistan sind US-Soldaten verletzt worden. Teilnehmer einer Demonstration gegen die Koran-Verbrennungen warfen einen Sprengsatz auf ein Nato-Camp in der Provinz Kunduz. Deutschland und Frankreich kündigten an, ihre Berater aus dem Land abzuziehen.
Kabul - Im Einsatzgebiet der Bundeswehr kam es auch am Sonntag zu neuen Gewaltakten gegen die internationalen Soldaten in Afghanistan. Nachdem zunächst eine wütende Menge in Imam Sahib, einer kleinen Ortschaft nördlich des Bundeswehrlagers in Kunduz, vor der lokalen Polizeiwache wegen der versuchten Koran-Verbrennung durch US-Soldaten demonstriert hatte, griff die Menschenmenge plötzlich den Stützpunkt einer Einheit von amerikanischen Special Forces-Soldaten gleich neben der Wache an.
Nach Angaben der lokalen Polizei wurde gegen Mittag eine Granate aus der Menge in das kleine Lager geworfen, dabei seien sieben US-Soldaten verletzt worden. Die Spezialeinheit der USA in der Region bildet zum einen die lokalen Sicherheitskräfte aus, die Elitesoldaten gehen aber auch auf verdecke Mission zur Jagd auf Taliban oder Terrorverdächtige.
Zwischenzeitlich hieß es aus dem Ort in Nordafghanistan sogar, es sei ein Nato-Soldat getötet worden, diese Angaben wurden aber bis zum Abend nicht bestätigt. Die Isaf bestätigte zunächst lediglich eine Explosion an einer ihrer Einrichtungen im Norden Afghanistans, ohne Angaben zu Opfern zu machen.
Nach Krankenhausangaben wurden bei der Demonstration mit rund 2000 Teilnehmern in Imam Sahib ein Protestteilnehmer getötet und sieben weitere verletzt. In der benachbarten Provinz Samangan wurden zwei Demonstranten verletzt. Nach Angaben eines Sprechers der Bundeswehr, in deren Verantwortungsbereich Kunduz liegt, gelang es einigen Demonstranten, auf das Gelände des Gebäudekomplexes vorzudringen. Sie seien von afghanischen Polizisten zurückgedrängt worden. Deutsche Soldaten seien nicht nach Kunduz ausgerückt, sagte der Bundeswehrsprecher.
Die Bundesregierung zieht trotzdem vorsorglich ihre Berater aus den Behörden im Raum Kabul ab. Wie das Entwicklungsministerium mitteilte, handelt es sich um ungefähr 50 Personen, die erst wieder auf ihre Posten zurückkehren sollen, wenn die Tötung der US-Soldaten im afghanischen Innenministerium aufgeklärt ist. Auch Frankreich rief seine Berater aus Kabul zurück - die Sicherheit habe oberste Priorität.
Kurz vor Beginn der Demonstrationen hatte der afghanische Präsident Hamid Karzai in einer Fernsehansprache sein Volk zur Zurückhaltung aufgerufen. Karzai hatte die Afghanen daran erinnert, dass zu den Koran-Verbrennungen Ermittlungen eingeleitet worden seien, und seine Landsleute aufgefordert, das Ergebnis dieser Untersuchungen abzuwarten. "Nun ist der Zeitpunkt gekommen, ruhig und friedfertig zu sein", so Karzai. "Unseren Feinden" dürfe keine Gelegenheit gegeben werden, die Situation auszunutzen. Nato-Angaben zufolge waren die Koran-Exemplare auf dem US-Stützpunkt Bagram nördlich von Kabul am 19. Februar versehentlich zur Müllverbrennung gebracht worden.
Suche nach dem Attentäter von Kabul
Nach der Ermordung zweier US-Soldaten im Innenministerium am Samstag in Kabul ist nach einem Bericht der BBC ein Offizier des afghanischen Geheimdienstes als mutmaßlicher Täter identifiziert worden. Der 25-Jährige gelte als Hauptverdächtiger und sei auf der Flucht, berichtete der britische Sender unter Berufung auf afghanische Sicherheitskreise.
Der afghanische Sender Tolo News berichtete am Sonntag, der Verdacht falle auf einen Polizisten namens Abdul Sabur, der seit dem Jahr 2007 im Dienst des Innenministeriums in Kabul gestanden habe. Ein ranghoher Mitarbeiter des Ministeriums sagte, der Verdächtige habe in der Geheimdienst-Abteilung gearbeitet.
Tolo News berichtete weiter, Sabur habe in Pakistan studiert, sei als Fahrer im Innenministerium eingestellt worden, habe dort eine Weiterbildung absolviert und sei zuletzt als Polizist in der Geheimdienst-Abteilung im Einsatz gewesen. Die beiden US-Berater waren am Samstag im Gebäude des Innenministeriums erschossen worden. Die radikalislamischen Taliban verkündeten nach dem Vorfall, dass insgesamt vier Berater des Innenministeriums getötet worden seien. Sie gaben den Namen des Täters mit Abdul Rahman an.
Nach dem Vorfall hatte die Internationale Schutztruppe Isaf alle ihre Mitarbeiter aus den Ministerien in und um Kabul abgezogen. General Markus Kneip, dessen einjährige Dienstzeit als Isaf-Kommandeur nun endet, sagte der Nachrichtenagentur dapd: "Nichts ist leicht in Afghanistan. Es gibt keine schnellen Lösungen." Vor knapp einem Jahr hatte den deutschen General ein Selbstmordanschlag im Gouverneurspalast von Talokan fast das Leben gekostet. Vor wenigen Tagen löste er den dortigen Bundeswehrstützpunkt vor dem Hintergrund der jüngsten Unruhen vorzeitig auf.
"Die Lage ist unverändert gefährlich und nur schwer vorhersehbar", erklärt Kneip. Doch warnt er davor, der Taliban-Propaganda auf den Leim zu gehen. "Das Einzelereignis droht ein schlechtes Bild der Lage zu zeichnen", sagt der General - und meint die Koran-Verbrennung sowie die darauf folgenden Unruhen. Diese überschatteten alles, was in den vergangenen zwölf Monaten erreicht wurde. So sagt Kneip zum Abschied: "Ich spreche nicht über Erfolge, ich spreche über Fortschritt." Und das ist schon was dieser Tage in Afghanistan.
jjc/mgb/Reuters
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Fläche: 652.225 km²
Bevölkerung: 31,412 Mio.
Hauptstadt: Kabul
Staats- und Regierungschef: Hamid Karzai
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