Gewalt in Bangkok Thailands Regierungschefin flieht aus Hauptstadt

Die Krise in Thailand spitzt sich zu. Für Ministerpräsidentin Yingluck wurde es offenbar zu gefährlich in Bangkok, sie hält sich rund 150 Kilometer außerhalb der Hauptstadt auf - will aber auch dort ihr Kabinett tagen lassen.

Thailands Premier Yingluck: Aufenthaltsort unbekannt
REUTERS

Thailands Premier Yingluck: Aufenthaltsort unbekannt


Bangkok - Immer wieder eskaliert zuletzt die Gewalt in der thailändischen Hauptstadt, als Letztes bei einem Bombenanschlag am Wochenende. Nun reagiert Ministerpräsidentin Yingluck Shinawatra - auf ungewöhnliche Weise. Nach der Zuspitzung der politischen Krise in Thailand hat sie Bangkok verlassen.

Yingluck halte sich 150 Kilometer außerhalb der Hauptstadt auf, teilte ihre Pressestelle am Montag mit. Armeechef Prayuth Chan-ocha erklärte zugleich in einer Fernsehansprache, dass sich das Militär aus dem Konflikt zwischen Regierungsgegnern und Yingluck-Anhängern heraushalten werde.

Wie lange die Regierungschefin sich schon nicht mehr in Bangkok befindet und wo genau sie sich aufhält, teilte Yinglucks Büro nicht mit. Außenminister Surapong Tovichakchaikul sagte vor Journalisten, für Dienstag sei eine Kabinettssitzung angesetzt. Diese werde "sehr wahrscheinlich" außerhalb Bangkoks abgehalten. Zuletzt war Yingluck am vergangenen Dienstag in der Öffentlichkeit in der Hauptstadt gesehen worden.

Der Militärchef rief beide Seiten zum Dialog auf. Die Armee hat in der Vergangenheit mehrfach in Thailand geputscht. 2006 etwa stürzte es Yinglucks Bruder, den damaligen Ministerpräsidenten Thaksin Shinawatra. 2010 schlug es aber auch eine Protestbewegung nieder. Diesmal hat die Armee sich bislang auf keine Seite geschlagen.

Tote Kinder nach Anschlägen

Am Wochenende waren bei einem Bombenanschlag auf Regierungsgegner in einem Einkaufsviertel eine Frau und zwei Kinder, ein Junge und seine Schwester, getötet worden. Ein weiteres Kind starb bei einem ähnlichen Angriff im Osten Thailands. Yingluck hatte die Vorfälle über Facebook als terroristische Taten verurteilt, mit denen politische Vorteile ohne Rücksicht auf Menschenleben erzielt werden sollten. Wer hinter den Anschlägen steckte, war nicht klar.

Nur wenige Stunden zuvor hatte die regierungstreue Vereinigte Front für Demokratie gegen Diktatur (UDD) Stimmung gegen die Demonstranten gemacht, die seit Monaten Yinglucks Rücktritt fordern.

jok/Reuters

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insgesamt 72 Beiträge
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redbayer 24.02.2014
1. Die Ähnlichkeit der thailändischen
Verhältnisse mit der Ukraine sind frappierend. Wann wird endlich die Bundesregierung dazu aufrufen, dem thailändischen Volk zu helfen "ihren Willen durchzusetzen", mit der klaren Perspektive Thailand in die EU einzuverleiben? Zumindest finanziell retten sollte Deutschland die Thais, das erwartet doch die "Weltgemeinschaft".
vivare 24.02.2014
2. Ukraine, Thailand, Venezuela?
Zitat von sysopREUTERSDie Krise in Thailand spitzt sich weiter zu: Nun wurde es offenbar auch Ministerpräsidentin Yingluck Shinawatra zu gefährlich in Bangkok. Sie hält sich rund 150 Kilometer außerhalb der Hauptstadt auf - will aber auch dort ihr Kabinett tagen lassen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/gewalt-in-bangkok-thailands-regierungschefin-flieht-aus-hauptstadt-a-955240.html
Ukraine, Thailand und als nächstes Venezuela? Wahlen zählen nichts mehr. Heutzutage wird mit Waffengewalt gewählt, auch wenn die Opposition nichts zu bieten hat. Durchsetzt von Rechtsradikalen werden in all diesen Ländern die gewählten Regierungen abgesetzt und weggeputscht und das teilweise mit Unterstützung unserer Kanzlerin. Es bleibt abzuwarten, was Merkel macht, wenn die rechtsradikale Morgenröte in Griechenland oder die Jobbik in Ungarn das Parlament stürmen. Nach ihrer Logik in der Ukraine müssen die regierungen zurücktreten. Oder was, wenn sich das Baskenland "demokratisch" von Spanien löst. Der Dammbruch in der Ukraine hat die demokratische Legitimation geschwächt. Wahlen sind nur solange gültig, bis sich eine radikale Minderheit mit Waffengewalt die Macht sichert. Thailand leidet unter den Symptomen und es wird sicher noch andere Demokratien treffen. Nun sind die schleusen geöffnet. Die Radikalen werden sich auf die Ukraine berufen.
kumi-ori 24.02.2014
3. Was können wir aus Thailand für die Ukraine lernen?
Ich weiß fast nichts über Thailand, aber ich erinnere mich noch sehr gut an die ersten Ausschreitungen, vor etlichen Jahren, als die Regierung verjagt wurde. Damals sagten alle: wie toll! wie mutig! das Volk lässt sich nichts mehr gefallen und verjagt seine Tyrannen (es ging irgendwie um die Hemdenfarbe). Zwei oder drei Jahre später sammelten sich die Anhänger der damals unterlegenen Partei, besetzten ihrerseits die Straßen nach Bankok und behinderten den Verkehr. Jetzt reagierte der Westen schon deutlich gereizter. Urlaubsflieger verspäteten sich, die Aktenkurse waren in Gefahr. Direkte Demokratie gern, aber bitte nicht dauernd und nicht für jeden! Irgendwann muss Schluss sein. Ich weiß nicht, welche Partei im momentanen Konflikt in der Regierung und welche auf der Straße sitzt. Da man sich die Namen ohnehin nicht merken konnte, war die Sache mit den roten und gelben Hemden eigentlich recht anschaulich. Anscheinend wird wieder mal das Hemd gewechselt. In der Ukraine befinden wir uns in einer ähnlichen Situation. Die Ukraine (von der ich eigentlich so wenig verstehe wie von Thailand) scheint aus zwei etwa gleich großen Lagern zu bestehen, nicht Rot und Gelb sondern West und Ost. In bestimmten Ecken haben bestimmte Farben die Oberhand. In Bankok ist es Gelb, in Kiew West, in jeweils anderen Landesteilen ist es umgekehrt. Jede Partei hat in ihren Stammländern die Möglichkeit, die Gegenseite zu blockieren. Was die neue Regierung in der Ukraine (und in Thailand) wird tun müssen, ist den Kompromiss zu suchen und die Macht zu teilen. Das ist schmerzlich, weil die Vorgänger, wie auch die Vor-Vorgänger, wohl ans Teilen nicht gedacht hatten, sondern ihre eigene Position rücksichtslos durchgesetzt hatten. Das geht vielleicht, wenn das Kräfteverhältnis 60:40 ist, aber nicht wenn es 51:49, vielleicht sogar 49:51 heißt. Wenn die neuen mächtigen so weiter machen wie die Alten, dann werden bald wutschnaubende Ost-Ukrainer irgendwelche ... ja was? Gas- und Stromleitungen abstellen? Straßen blockieren? Brücken sprengen? Ich bin gespannt, ob die Menschen schlauer werden.
fantin-latour 24.02.2014
4. Kein Zufall
Zitat von vivareUkraine, Thailand und als nächstes Venezuela? Wahlen zählen nichts mehr. Heutzutage wird mit Waffengewalt gewählt, auch wenn die Opposition nichts zu bieten hat. Durchsetzt von Rechtsradikalen werden in all diesen Ländern die gewählten Regierungen abgesetzt und weggeputscht und das teilweise mit Unterstützung unserer Kanzlerin. Es bleibt abzuwarten, was Merkel macht, wenn die rechtsradikale Morgenröte in Griechenland oder die Jobbik in Ungarn das Parlament stürmen. Nach ihrer Logik in der Ukraine müssen die regierungen zurücktreten. Oder was, wenn sich das Baskenland "demokratisch" von Spanien löst. Der Dammbruch in der Ukraine hat die demokratische Legitimation geschwächt. Wahlen sind nur solange gültig, bis sich eine radikale Minderheit mit Waffengewalt die Macht sichert. Thailand leidet unter den Symptomen und es wird sicher noch andere Demokratien treffen. Nun sind die schleusen geöffnet. Die Radikalen werden sich auf die Ukraine berufen.
In der Ukraine und Thailand glaubt die Minderheit der Stadtbevölkerung, mit der Mehrheit der ländlichen Gebiete machen zu können, was sie will. Sie macht sich nur zum nützlichen Idioten der ausländischen Agrarindustrie. Interessanterweise sind es beidemale Getreide- und Reisanbaugebiete, höchst interessant für einen Staat, der derzeit versucht, seine patentierten Saaten weltweit monopolartig zu verbreiten, um dann absahnen zu können. Eine neue Art der Sklavenakquirierung einer ehemaligen Sklavenhalternation.
bierig 24.02.2014
5.
@ Vivare: Sie treffen den Nagel ziemlich punktgenau, leider. Zum Artikel: Yingluck ist heute in Sachen Regierungschefin in Sara Buri, sie ist noch nicht gefluechtet, wie der Artikel etwas verwirrend beschreibt, dennoch besteht eine sehr hohe Warscheinlichkeit, dass sie momentan wohl eher nicht nach BKK zurueckkehrt. Das waere moeglicherweise bereits das Szenario, von dem man hier manchmal spricht, naemlich der Aufbau einer Regierungszentrale ausserhalb BKKs, sozusagen als neue Hauptstadt. Chiang Mai ist im Gespraech. Natuerlich waere dies gleichzusetzen mit einer Spaltung des Landes in zwei Laender, Thailand Nord und Thailand Sued. Man wird sehen. Fuer viele Menschen waere dies tatsaechlich eine akzeptable Loesung, und wenn es nur waere, um einen Buergerkrieg zu verhindern.Ob beide Staaten ohne einander koennen, ist eine andere Geschichte. Jedenfalls sind die Fronten dermassen verhaertet, dass ein Kompromiss voellig unwarscheinlich erscheint, es wird nun auf beiden Seiten offen mit Gewalt gedroht: Suthep meinte, sollten sich Rothemden nach BKK verirren, wuerden die Popcornverkaeufer auf jene schon warten. (Er spielt damit auf ein Bild an, bei dem ein Protestler ein Gewehr in einer Popcorntuete versteckt hat und aus dieser auf Rothemden geschossen hat. Dazu meinte Suthep: Er kenne diese Leute zwar nicht, liebe sie aber....). Auf der anderen Seite trafen sich gestern ca. 4000 Rothemden in Khorat und das Ergebnis war, dass man von "Kampf auf Sieg oder Tod" sprach und einiges andere mehr.Das Treffen hiess sogar offiziell "Beating the war drum". Nun ist die Situation in der Stadt ebenfalls sehr gefaehrlich geworden, taeglich explodieren nun Granaten, es wird geschossen, es gibt taeglich Verletzte und auch Tote, allein gestern drei tote Kinder.Die Polizei, sofern diese ueberhaupt etwas fuer Ruhe sorgen kann/will, darf nun gar nichts mehr, da das Zivilgericht es der Polizei untersagt hat, Demonstranten von oeffentlichen Plaetzen zu entfernen. Die Protestler haben also jetzt erstmal freie Bahn, was sie tun: Sie wollen alle Geschaefte der Shinawatra Familie in den Bankrott bringen, indem sie alle Geschaefte blockieren, nichts geht mehr. Polizei darf NICHTS unternehmen, trotz Ausnahmezustand. Sollten jetzt also die Rothemden tatsaechlich nach BKK marschieren, wird es schwere Ausschreitungen geben, evtl. Buergerkrieg. Wir hoffen hier das Beste fuer dieses wunderbare Land, aber die Hoffnung wird taeglich kleiner.
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