Gewalt in England: "Wir haben viel zu lange weggeschaut"

Er hat Aufstände und Krawalle in London erforscht. Im Interview erzählt der britische Historiker Clive Bloom, warum die Gewalt so plötzlich explodiert ist, was die Regierung nun tun muss - und wie viele Tage die Krawalle noch anhalten werden.

Steinewerfer in London: Ergebnis von 30 Jahren Vernachlässigung Zur Großansicht
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Steinewerfer in London: Ergebnis von 30 Jahren Vernachlässigung

SPIEGEL ONLINE: Sie haben 2000 Jahre Aufstände und Krawalle in London untersucht. Warum ist die Gewalt dieses Mal so plötzlich explodiert?

Bloom: Ich war wie die meisten völlig überrascht von den Ausschreitungen. Wir anderen haben zu lange in die falsche Richtung geschaut: auf die Milieus der Islamisten. Spätestens seit den Terroranschlägen von 2005 haben wir gedacht, wenn Gewalt ausbricht, dann durch die Islamisten - oder durch die Rechtsextremisten der English Defence League. Londons sehr arme Communitys in Vierteln wie Tottenham, Hackney oder Islington sind komplett zerfallen. Wir haben nicht gemerkt, was in unserer Nachbarschaft passiert.

SPIEGEL ONLINE: Was genau ist denn passiert?

Bloom: Zunächst ist das Verbrechen innerhalb dieser Viertel eskaliert: Messerstechereien, Schießereien, Drogenhandel. Die Strukturen sind nach und nach zerbrochen, halbe Familien sitzen im Gefängnis, die Kinder lungern auf der Straße herum. Das ist das Ergebnis von 30 Jahren Vernachlässigung. Jetzt schwappt die Gewalt raus aus den Ghettos in die nahen Einkaufsstraßen. Sie sind auf der Straße, weil sie Turnschuhe und Handys wollen. Es geht ums Konsumieren, nicht um Politik.

SPIEGEL ONLINE: Warum ist dann die Gewalt so plötzlich explodiert?

Bloom: Es gibt immer einen Auslöser. Früher war das wirklich Belästigung durch die Polizei, die vor 30 Jahren noch viel rassistischer war als heute. Heute ist das Verhalten der Polizei nur eine Rechtfertigung. Diese Kids sehen die Läden mit Dingen, die sie wollen. Es ist ein riesiger Straßenraub. Nur, dass nicht eine einzelne Person abgezogen wird, sondern gleich ein ganzes Geschäft. Man verdient dann, indem man die Ware verkauft. Es ist Straßenkapitalismus - die Jugendlichen ahmen das nach, was die Banker am anderen Ende des Spektrums tun.

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England: Polizei stoppt Randalierer
SPIEGEL ONLINE: Es fällt auf, dass England seit Monaten von gewalttätigen Protesten heimgesucht wird. Von Studenten, von Schülern, jetzt die Krawalle der Unterschicht.

Bloom: Wir haben eine Wirtschaftskrise. Jeder ist davon betroffen, wenn auch auf seine eigene Art. Die, die jetzt randaliert haben, drücken auf ihre Art aus, dass sie kein Geld haben. Sie sind nicht assimiliert - nicht im Sinne von Religion oder Werten, sondern im Sinne davon, was man sich leisten kann. Die abgehängten Jugendlichen sehen auch die Mächtigen und sehen die Korruption. Wir hatten ja zuletzt sehr viel Korruption in Großbritannien: Journalisten, Polizisten, Politiker haben sich als korrupt gezeigt. Die Kids schauen auf die Mächtigen und sagen: Warum sind die besser als ich?

SPIEGEL ONLINE: Haben sich die Krawalle deshalb so schnell über das Land ausgebreitet?

Bloom: Die meisten Gewalttäter sind ja Schüler, die haben gerade einfach viel Zeit und Langeweile. Die gelangweilten Gruppen hatten durch die Ereignisse in Tottenham nun eine Rechtfertigung, selbst loszulegen. Kids ahmen nun einmal gerne andere nach. Bei ähnlichen Ausschreitungen Anfang der achtziger Jahre gab es auch Krawalle von Nachahmern - genau in denselben Vierteln und Städten wie jetzt. Das zeigt, dass sich wirtschaftlich und sozial für diese Communitys so gut wie nichts verändert hat.

SPIEGEL ONLINE: Was muss denn die Regierung tun, um etwas zu ändern?

Bloom: Sie muss sich endlich um das wirtschaftliche und soziale Elend dieser Viertel kümmern. Eigentlich müsste sie diese Quartiere aufbrechen: Sie müsste Leute umsiedeln, Viertel neu durchmischen, Wohnungen bauen. Aber das kostet ein Vermögen. Also wird die Regierung wohl einfach den Leuten die Schuld geben.

SPIEGEL ONLINE: Premier David Cameron nannte die Randalierer am Mittwoch "krank".

Bloom: Ja, das meine ich. Das ist natürlich bequem für Cameron. Die Jugendlichen von heute werden erwachsen und die Lust an solcher Randale verlieren. Doch weil sich nichts in den Vierteln ändert, wird in 20, 30 Jahren genau das Gleiche wieder passieren.

SPIEGEL ONLINE: Sind die Krawalle jetzt vorbei?

Bloom: Ausschreitungen dauern in England normalerweise nur einen Tag. Im Jahr 1780 dauerte es mal vier Tage. Irgendwann regnet es, und die Randalierer sind schnell gelangweilt. Und nun, viel zu spät, steht ihnen ein massives Polizeiaufgebot gegenüber. Am Wochenende wird es noch mal Zusammenstöße geben, aber dann wird es vorbei sein.

Das Interview führte Fabian Reinbold

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1. Ah....
fatherted98 11.08.2011
...endlich einer ders schon vorher gewußt hat...auf den hatte ich die ganze Zeit gewartet.
2. Wer lesen kann ist klar im Vorteil...
Incredibleois 11.08.2011
Zitat von fatherted98...endlich einer ders schon vorher gewußt hat...auf den hatte ich die ganze Zeit gewartet.
Bloom: "Ich war wie die meisten völlig überrascht von den Ausschreitungen."
3. Qualitätsexperte
kundennummer 11.08.2011
Zitat von fatherted98...endlich einer ders schon vorher gewußt hat...auf den hatte ich die ganze Zeit gewartet.
Das ist das Wesensmerkmal solcher Qualitätsexperten. Sie kommen IMMER dann aus der Hecke wenn sich der Rauch verzogen hat um zu erklären das das sowas von klar war aye. Es hat was merkelhaftes.... Natürlich gab es Leute die das seit Jahren provezeien, Stichwort Udo Ulfkottes "Vorsicht Bürgerkrieg!". DAS ist natürlich kein Qualitätsexperte sondern ein Verschwörungstheoretiker mit unerträglich kruden Thesen usw... PS: Ich vermisse die Finanzmarktanalysen von Herrn Böll. Er ist so fachkundig und hat ein Gespür für die Dinge...
4. Hier irrt Herr Bloom
karmamarga 11.08.2011
quote Bloom: "Es ist Straßenkapitalismus - die Jugendlichen ahmen das nach, was die Banker am anderen Ende des Spektrums tun." Wenn Sie das nachahmen würden, dann würden sie eine Bank gründen und die Staatskasse legal ausrauben. Und wir hätten keine Probleme auf dieser Ebene. Aber dazu sind diese Kids hier einfach zu blöd, weil sie von ihrer Bildung her nur befähigt sind, das unmittelbar nächste wahrzunehmen: Klamotten und gadgets, die man noch nicht hat und die man sich einfach so holen kann. Unter diesen Jugendlichen beschäftigt sich keiner mit Ideen, die er an seiner Gesellschaft abarbeitet. Diesen Frust kann man sich sparen, wenn man alles,was man braucht, sich auch so holen kann.
5. titel
l4berl1ne 11.08.2011
man sollte hier auch den aspekt der drogenabhaengigkeit nicht vernachlaessigen. meiner meinung nach haben die englaender auch extrem probleme mit drogenkriminalitaet. und diese kids wollen vielleicht nicht die flachbildschirme selbst nutzen, die wollen das geld. sie wissen, dass sich solche sachen gut verhoekern lassen.
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Zur Person
  • Clive Bloom, 57, hat die Geschichte von Krawallen und Aufständen in London erforscht. Er lebt im Osten der Stadt, zwischen den Vierteln Hackney und Tottenham. 2010 erschien sein Buch "Violent London: 2000 Years of Riots, Rebels and Revolts".


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