Gewaltwelle in Israel Terror der neuen Generation

Junge Palästinenser greifen Juden mit Messern an. Israelische Soldaten feuern auf Jugendliche: Eine neue Gewaltwelle erschüttert Israel, und der Staat wirkt machtlos. Was steckt hinter der Eskalation?

Von , Tel Aviv


Bevor sich Shuruq Dawiat auf den Weg zur Altstadt Jerusalems macht, postet sie auf Facebook. "Ich möchte euch um etwas bitten", schreibt sie, "ich möchte nicht, dass ihr um mich weint." Es sei ihr größter Wunsch, "eine Märtyrerin im Namen Allahs zu sein."

Kurz darauf nähert sich die 18-Jährige am Löwentor einem jüdischen Mann von hinten, sticht mit einem Messer auf ihn ein. Er ist Zivilist, jedoch bewaffnet und schießt auf die Angreiferin. Beide überleben.

Das war am Mittwoch vergangener Woche.

Kaum ein Tag vergeht derzeit ohne solche Angriffe auf Juden. Die meisten geschehen in Jerusalem, doch auch Zentralisrael und das säkulare Tel Aviv sind inzwischen betroffen.

Allein am Dienstag starben dabei drei Juden, 20 weitere wurden verletzt. Seit gut einem Monat hält die Welle der Gewalt nun schon an, ausgehend von Unruhen am Tempelberg. Trotz abschreckender Gesetze und verstärkter Sicherheitsmaßnahmen, trotz Zugangssperren und massiver Polizeipräsenz ist sie nicht zu stoppen. Die israelische Polizei darf nun bei Spannungen zum Beispiel die arabischen Viertel von Ostjerusalem abriegeln. Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon zeigte sich derweil "beunruhigt" vom "offenbar exzessiven Gewalteinsatz" israelischer Soldaten.

Es gebe "kein Wundermittel" gegen den "individuellen Terror", räumte Benjamin Netanyahu auf einer Pressekonferenz ein.

Wer sind die Angreifer?

  • Die Täter sind sehr jung, die meisten gerade mal um die 20 Jahre alt;

  • unter ihnen sind auffällig viele Frauen;

  • sie kommen aus Ostjerusalem und aus dem Westjordanland;

  • viele von ihnen sind Studenten, gut ausgebildet und intelligent;

  • sie sind sich ihrer Rechte und der internationalen Unterstützung für ihre Sache bewusst;

Fotostrecke

6  Bilder
Israel und Palästina: Aufruhr in Nahost
Die wenigsten Angriffe sind direkt von militanten Gruppen organisiert, auch wenn es eine beunruhigende Tendenz gibt: Hinter der Erschießung eines jungen jüdischen Paares im Westjordanland steckt laut israelischem Inlandsgeheimdienst Schin Bet eine Hamas-Zelle. Und der Angreifer, der am Dienstag in Jerusalem einen Anschlag mit seinem Auto verübte, gehört ebenfalls zur Hamas.

Symbole, die auch der "Islamische Staat" verwendet

Doch Tatsache ist: Wenn die Täter zum Messer greifen oder ihr Auto in die Menschenmenge steuern, dann ist das meist eine individuelle Entscheidung. Die Lage ist somit besonders schwer zu kontrollieren.

Politiker beider Seiten suchen nach Schuldigen. Die israelische Regierung wirft Palästinenserpräsident Mahmoud Abbas Hetze vor - doch selbst die israelischen Sicherheitsapparate widersprechen diesem Vorwurf. Abbas Fatah-Partei wiederum beschuldigt die Hamas und die Gruppierung Islamischer Dschihad, hinter den Anschlägen zu stecken.

Fotostrecke

10  Bilder
Gewalt in Israel: Droht die dritte Intifada?
Sicherlich tragen diese Gruppen dazu bei, die Stimmung aufzuheizen. "Die Hamas operiert aus Gaza heraus und nutzt die sozialen Medien, um die Leute im Westjordanland zu erreichen", so der Sicherheitsexperte Eli Carmon vom Internationalen Anti-Terror Institut in Herzliya. Dabei würden Symbole benutzt, die auch der "Islamische Staat" (IS) verwendet, etwa die schwarze Fahne mit dem Schwert.

Erleben wir gerade den Beginn der dritten Intifada?

Historisch spricht man von einer Intifada, wenn die palästinensische Führung den Widerstand offen koordiniert. So war es während der ersten Intifada in den späten Achtziger- und frühen Neunzigerjahren sowie zu Zeiten der zweiten Intifada, vom Jahr 2000 bis 2005. Der Aufstieg von Abbas markierte deren Ende, mit Israel wurde eine Sicherheitszusammenarbeit etabliert.

"Abbas ist uns völlig egal"

Zwar machte nun Abbas in einem Treffen mit hochrangigen Offiziellen am vergangenen Dienstag klar, er wolle "friedvolle Mittel und nichts anderes" im Konflikt mit Israel einsetzen. Doch seine Fatah-Partei wird immer unbeliebter im Westjordanland und insbesondere in Ostjerusalem. Nach dem Krieg im letzten Sommer hat die Hamas an Einfluss gewonnen.

Trotz der massiven Zerstörung im Gaza-Streifen gilt sie vielen als Sieger - schließlich hielt sie Israel 50 Tage lang stand. In den Flüchtlingscamps im Westjordanland konnten militante Gruppen ihren Einfluss ausweiten. Die Sicherheitskräfte der Palästinensischen Autonomiebehörde sind teilweise machtlos. "Abbas ist uns völlig egal", so ein Jugendlicher zu einem Reporter.

Sicherheitsexperte Eli Carmon glaubt, dass die größeren politischen Kräfte kein Interesse an einer Eskalation haben. "Die militanten Gruppen der Fatah sind bisher nicht aktiv geworden", so Carmon. Und auch der militärische Arm der Hamas versuche den Konflikt bisher klein zu halten. Trotz zahlreicher Palästinenser, die bei Demonstrationen am Grenzzaun in Gaza vom israelischen Militär getötet wurden, habe es keinen massiven Raketenbeschuss gegeben.

Heißt: Der gegenwärtige Aufstand sei ein Aufstand der Jugend. "Wir haben es mit einer Generation zu tun, die sich weder von den politischen Autoritäten, noch von ihren Eltern aufhalten lässt."

Für Abbas haben diese Leute nur Verachtung übrig. Sie halten ihn schlimmstenfalls für einen Kollaborateur Israels, mindestens für einen Versager, und glauben nicht an Frieden durch Verhandlungen. Die Wirtschaftslage ist miserabel, das dritte Jahr in Folge werden die Palästinenser immer ärmer, so ein Report der Weltbank. Von einer "Armee der Arbeitslosen" spricht die Zeitung "Yedioth Ahronoth".

Netanyahus Regierung greift reflexhaft zu den immer gleichen repressiven Mitteln: Nun werden zum Beispiel Teile Ostjerusalems abgesperrt. Doch damit lässt sich wohl wenig ausrichten gegen die Wut einer Generation, die meint, nichts zu verlieren zu haben.

Zur Autorin
Christian Thiel
Nicola Abé ist Nahost-Korrespondentin des SPIEGEL mit Sitz in Tel Aviv. Seit 2010 arbeitet sie für das Nachrichtenmagazin, zunächst in der Multimedia-Redaktion. Später berichtete sie aus Krisengebieten wie Afghanistan, Ägypten und Irak und beobachtete als Parlamentskorrespondentin den Berliner Politikbetrieb. Sie studierte Politikwissenschaft in München mit Stationen in Südafrika und Kambodscha. Als freie Journalistin arbeitete sie für Print und Fernsehen. Ihre journalistische Ausbildung absolvierte sie an der Zeitenspiegel Reportageschule in Reutlingen.

Mehr Artikel von Nicole Abé

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.