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Erschossener Sky-Journalist in Kairo: Jagd auf unliebsame Zeugen

Aus Kairo berichtet Ulrike Putz

Starb an seinen Schussverletzungen: Mick Deane, Kameramann von Sky News Zur Großansicht
REUTERS/ Sky News

Starb an seinen Schussverletzungen: Mick Deane, Kameramann von Sky News

Mick Deane drehte in der Nähe des Protestlagers in Nasr City - als ihn eine Kugel traf. Zeugen berichten: Es war ein gezielter Schuss. Der Kameramann des britischen Senders Sky News starb, weil er von den Ausschreitungen in Kairo berichten wollte. Es ist kein Einzelfall. Ägyptens Regime geht brutal gegen Journalisten vor.

Ägyptische Sicherheitskräfte machen Jagd auf ausländische Journalisten: Darauf deuten mindestens zwei Vorfälle vom Mittwoch hin. Danach scheinen Scharfschützen der Armee in mindestens einem Fall gezielt auf einen westlichen Reporter geschossen zu haben. Der britische Kameramann starb später an seinen Schussverletzungen.

Der Kameramann von Sky News, Mick Deane, war am Vormittag während eines Einsatzes in der Nähe des Protestlagers in Nasr City erschossen worden. Nachdem das Fernsehteam Interviews geführt und Bilder für seine Berichterstattung gedreht hatte, saßen Deane und seine Kollegen in der Nähe der Rabaa-al-Adawija-Moschee am Straßenrand, um abzuwarten, was weiter passieren würde, sagte ein westlicher Journalist, der Zeuge der Szene war.

Der Straßenabschnitt habe ruhig gewirkt, es habe zu diesem Zeitpunkt keine Ausschreitungen gegeben, auch sei nicht geschossen worden, sagte der Zeuge. Als Deane jedoch aufstand, um noch einige Bilder zu drehen, sei er von einem einzigen gezielten Schuss getroffen worden. Deane habe, als er getroffen wurde, seine Kamera in der Hand gehabt und sei eindeutig als ausländischer Journalist zu erkennen gewesen, so der Augenzeuge. Es habe so gewirkt, als ob ein Scharfschütze ihn genau deshalb erschossen habe, weil er Ausländer und Reporter gewesen sei.

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Gewalt in Ägypten: Kairo wird zum Kriegsschauplatz
In einem anderen Fall wurden drei Journalisten, darunter ein US-Amerikaner und ein Franzose, verhaftet und geschlagen, obwohl sie Presseausweise vorgezeigt hatten. Sie sollten anscheinend daran gehindert werden, negativ über das brutale Vorgehen der Sicherheitskräfte bei der Räumung des Protestcamps in Nasr City zu berichten, beschrieb Mike Giglio die Geschehnisse in einem Beitrag für die US-Nachrichtenseite "The Daily Beast".

Journalisten werden für Spione gehalten

Die Armeeführung und viele Ägypter werfen der westlichen Presse vor, den Umsturz in Ägypten unnötig kritisch zu bewerten. Das Klima für ausländische Reporter ist deshalb in den vergangenen Wochen zunehmend rauer geworden. Bei Interviews auf der Straße werden Medienschaffende, die kritische Fragen stellen, schnell bezichtigt, auf der falschen, der anderen Seite zu stehen. Auch sehen sich Reporter immer wieder mit dem Vorwurf konfrontiert, sie seien Spione.

In der aufgeheizten Stimmung in Ägypten sind Menschen mit Notizblock dann schnell von einem wütenden Mob umzingelt. Dass solche Situationen plötzlich außer Kontrolle geraten können, erlebte eine junge Amerikanerin kürzlich in einem Dorf, in dem sie tagelang ungestört gefilmt hatte. Plötzlich beschlossen die Menschen, dass sie eine Spionin sei und schlugen die junge Frau fast tot. Nur das Eingreifen ihres Übersetzers rettete die Journalistin, die nur anonym über ihre Erlebnisse spricht.

Von staatlicher Seite hatten Reporter in den vergangenen Wochen nicht viel zu befürchten, im Gegenteil. Im Zuge ihrer Charmeoffensive, mit der sich die Armee kurz nach der Absetzung Präsident Mursis Anfang Juli die Sympathien des ägyptischen Volks sichern wollte, buhlte sie auch um die Gunst der Ausländer mit Kamera und Notizblock.

Vor gut zwei Wochen, als die Armee das Volk zur Großdemo auf die Straßen bat, damit dieses den Streitkräften "den Auftrag erteile", die Lager der Mursi-Anhänger zu räumen, lud die Armee ausländische Reporter gar zu Helikopterflügen über den mit Hunderttausenden Ägypter gefüllten Tahrir-Platz ein.

Willkür und Brutalität gegenüber westlichen Journalisten

Nun jedoch scheint die Armee in ein Verhaltensmuster zurückzufallen, das man während der Revolution im Januar 2011 beobachten konnte: Damals wie heute scheinen Schikane und Brutalität gegenüber Journalisten gezielt eingesetzt zu werden, um westliche Medien - unabhängige Zeugen - einzuschüchtern und so vom Geschehen fernzuhalten.

Mike Giglio vom "Daily Beast" wurde festgenommen, als er unweit des Rabaa-al-Adawija-Camps zusah, wie Polizisten in Zivil einen Ägypter in Gewahrsam nahmen. Obwohl er sich als Journalist ausweisen konnte, wurde er mehrfach geohrfeigt, weil er sich weigerte, den Sicherheitsleuten, die seinen Computer untersuchten, das Passwort für den Rechner zu nennen.

Später wurde er - wieder unter Schlägen - abgeführt, gefesselt, und in einem überfüllten Polizeitransporter gefangen gehalten. Nach 20-minütiger Fahrt kam der Transport in einem Sportstadion an, in dem bereits andere Gefangene in Reihen knieten.

In dem Internierungslager wurde Giglio schließlich von den anderen Häftlingen getrennt und zur Seite geführt. Dort warteten bereits zwei weitere festgenomme Reporter - der ägyptische Fotograf Mahmud Abu Zeid und der französische Fotograf Louis Jammes - auf ihre Freilassung. Später trafen sie einen weiteren französischen Fotografen, der ebenfalls von Schlägen und Fußtritten berichtete. Insgesamt verbrachte Giglio vier Stunden in Gewahrsam.

Einmal freigelassen erfuhr der Amerikaner, dass seine Kollegin Sophia Jones unter Umständen nur knapp dem Schicksal Mike Deanes entkommen war. Sie war mit zwei ausländischen Fotografen im Stadtteil Mohandesin unterwegs, als die Polizei das Feuer auf die drei Journalisten eröffnete. "Der Polizeiwagen, der sie als Ausländer erkannt haben muss, feuerte ohne Warnung", schreibt Giglio auf "The Daily Beast".

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insgesamt 38 Beiträge
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1. Woher weiß der Redakteur.....
pontypool 14.08.2013
.....wer geschossen hat. In allen aktuellen Berichten wird klargestellt, dass die Moslembrüder bewaffnet sind!
2. Vielleicht...
exilfries 14.08.2013
...ist auch nur davon auszugehen, dass den westlichen Mächten das Militärregime einfach nicht genehm ist?! Es wird ja wiederholt, vor allem in den Medien, über Menschenrechtsverletzungen berichtet.An einen gezielten Schuss glaube ich, dass das durch das Regime geschah, bezweifle ich. Unter Mursi ist genau dasselbe passiert, da war es "wohl nicht so schlimm (für den Westen)"
3. Dank an die Krisenreporter
killi 14.08.2013
Danke dass ihr trotz der Risiken auch in weitaus schlimmeren Staaten für uns Sesselpupser berichtet und dabei euer Leben aufs Spiel setzt.
4. optional
Barbapaps 14.08.2013
"Unabhängige Zeugen" sind die westlichen Medien also, soso. Ein sehr fein diffenrenziertes und überhaupt nicht verzerrtes Welt- bzw. Selbstbild.
5. optional
Subco1979 14.08.2013
Diese Geschehnisse scheinen so fern. - Aber sind sie auch in Deutschland möglich? Ein wenig nach der Wahl, wenn die Dinge zum Schlechteren, weil zur Wahrheit, stehen werden? Ich weiß es nicht. Am Ende hängt es von den direkten Befehlshabern und den Leuten mit den Gewehren ab, was geschehen wird. Egal ob Syrien, Ägypten, diverse ostasiatische Länder, Russland oder hier: Wenn es um Macht geht, kennen die Mächtigen nichts. Sonst wären sie nicht dort, wo sie sind. Leider.
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Fläche: 1.009.450 km²

Bevölkerung: 85,783 Mio.

Hauptstadt: Kairo

Staatsoberhaupt:
Abdel Fattah el-Sisi

Regierungschef: Sherif Ismail

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