Gewalt in Nahost "Das Schlimmste, was wir in der palästinensischen Geschichte erlebt haben"

Seit Wochen bekämpfen sich Hamas und Fatah, jetzt gibt es einen brüchigen Waffenstillstand. Abdallah Frangi, der Fatah-Chef im Gaza-Streifen, spricht im Interview mit SPIEGEL ONLINE über seine Hoffnung auf ein Ende der Gewalt, die Verantwortung der Hamas und die Rolle Saudi-Arabiens.


SPIEGEL ONLINE: Herr Frangi, Sie befinden sich im Gaza-Streifen. Auch heute Morgen soll es dort wieder Schießereien zwischen Anhängern der Hamas und der Fatah gegeben haben. Wie sieht die Lage aus?

"Die Reaktionen sind von Emotionen geleitet": Abdallah Frangi war von 1993 bis 2005 Gesandter in Deutschland, seitdem ist er Fatah-Chef im Gaza-Streifen
AFP

"Die Reaktionen sind von Emotionen geleitet": Abdallah Frangi war von 1993 bis 2005 Gesandter in Deutschland, seitdem ist er Fatah-Chef im Gaza-Streifen

Abdallah Frangi: Seit dem Waffenstillstand, der in der letzten Nacht ausgehandelt wurde, ist es viel besser geworden. Es gab einen Zwischenfall heute, das stimmt. Aber die Ägypter haben sehr gut vermittelt. Und ich glaube, beide Organisationen versuchen, diese Chance wahrzunehmen. Diesmal deuten alle Zeichen darauf hin, dass der Waffenstillstand hält. Ich habe gerade ein Kommunique von unseren Jungs gelesen, dass sie ernsthaft Willens sind, den Waffenstillstand einzuhalten.

SPIEGEL ONLINE: Meinen Sie mit "unseren Jungs" die Fatah-nahen al-Aqsa-Brigaden, die maßgeblich an den Kämpfen beteiligt waren?

Frangi: Die Fatah insgesamt.

SPIEGEL ONLINE: Der letzte Waffenstillstand hat nicht lange gehalten - danach kam es sogar noch viel schlimmer. Es gab Entführungen, Gefechte, kaltblütige Morde. Wieso sind Sie dieses Mal hoffnungsvoller?

Frangi: Was sich in den letzten Tagen abgespielt hat, ist das Schlimmste, was wir in der palästinensischen Geschichte erlebt haben. Es hat die gesamte palästinensische Gesellschaft tief verstört. Die Leute sind gegen jeden, der jetzt noch weiter die Eskalation sucht.

SPIEGEL ONLINE: Wer ist denn verantwortlich gewesen für diese Eskalation?

Frangi: Hamas hat die Verantwortung für die Regierung, sie hat vor einem Jahr die Wahlen gewonnen, und sie ist deshalb auch verantwortlich für die Entwicklung in den Palästinensischen Gebieten und im Gaza-Streifen. Es ist der Hamas nicht gelungen, die Straßen sicher zu machen. Die Hamas geht mit den anderen Parteien und Organisationen immer noch so um, als säße sie in der Opposition. Sie muss aber die Verantwortung wahrnehmen, die sie nun einmal hat.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind der Fatah-Repräsentant im Gaza-Streifen. Es liegt auf der Hand, dass Sie die Schuld eher bei der Hamas verorten. Aber wir hören auch von Fatah-Kämpfern und Mitgliedern der al-Aqsa-Brigaden, dass sie sich durchaus nicht zurückgehalten haben. Sind diese Kräfte nicht unter Kontrolle?

Frangi: Das Blutvergießen, das stattgefunden hat, macht es sehr schwer, die Leute zurückzuhalten. Die Zahl der Toten und Verletzen auf Seiten der Fatah ist viel größer als bei der Hamas. Und die Reaktionen sind natürlich von den entsprechenden Emotionen geleitet.

SPIEGEL ONLINE: Also kann niemand diese Kräfte kontrollieren, auch Sie nicht.

Frangi: In diesem Zustand ist es sehr schwer, die Menschen zu kontrollieren. Aber wir haben es uns vorgenommen, wir wollen es, wir versuchen es. Seit heute Morgen um vier Uhr habe ich keine Schießereien mehr gehört, die Hoffnung ist größer.

SPIEGEL ONLINE: Wieso kommt es überhaupt immer wieder zu diesen Gewaltausbrüchen?

Frangi: Das kommt daher, dass es uns nicht gelungen ist, eine Einheitsregierung zu bilden oder ein gemeinsames politisches Programm zu finden. So versucht jeder, seinen Standpunkt zu verteidigen - leider nicht immer mit demokratischen Mitteln, sondern auch mit Waffen.

SPIEGEL ONLINE: Immer wieder waren hochrangige Politiker beider Seiten Zielscheiben in dem Konflikt. Fürchten Sie um Ihr Leben?

Frangi: Jeder, der in der Verantwortung steht, ob Hamas oder Fatah, hat unter den Geschehnissen zu leiden gehabt. Einsatz und Verantwortung, diese Konfrontation zu beenden, sind daher umso größer.

SPIEGEL ONLINE: Sie erwähnten bereits den gestrigen Vermittlungserfolg der Ägypter. Parallel versucht Saudi-Arabien zu moderieren. Es ist von einem Hamas-Fatah-Gipfeltreffen in Mekka die Rede.

Frangi: Das ist das Beste, was Saudi-Arabien tun konnte. Der Vorschlag wurde darum von Hamas und Fatah sofort akzeptiert. Die Delegation der Hamas wird von Chalid Maschaal, dem Exil-Chef, geleitet werden, unsere von Abu Ala, dem ehemaligen Ministerpräsidenten. Saudi-Arabien hat ein großes Gewicht. Das hat sich 1989 im Libanon gezeigt, als unter saudischer Vermittlung das Taif-Abkommen zwischen den libanesischen Konfliktparteien ausgehandelt wurde, das bis heute gehalten hat. Die Saudis können sicher helfen, den Versöhnungsprozess in Gang zu bringen.

SPIEGEL ONLINE: Gestern gab es zum ersten Mal seit neun Monaten einen Selbstmordanschlag in Israel, mehrere palästinensische Gruppen bekannten sich. Gefährdet das die Bemühungen des Nahost-Quartetts, das sich am Freitag in Washington trifft?

Frangi: Ich glaube nicht. Sogar der israelische Ministerpräsident Ehud Olmert hat versprochen, nicht mit großen Offensiven zu reagieren. Jeder weiß, in Israel wie in Palästina, dass die jetzige Situation eine weitere Eskalation nicht verkraften würde.

Das Interview führte Yassin Musharbash

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