Gewalt in Nordafghanistan Taliban töten Gouverneur von Kunduz

Bei den Taliban war er wegen seiner Nähe zur US-Armee verhasst: In Afghanistan haben radikale Islamisten den Gouverneur der Provinz Kunduz getötet. Bei dem Sprengstoffanschlag kamen mindestens 15 Menschen ums Leben.

Mohammed Omar: Der Gouverneur von Kunduz starb bei einem Anschlag der Taliban
DPA

Mohammed Omar: Der Gouverneur von Kunduz starb bei einem Anschlag der Taliban

Von und Shoib Najafizada


Berlin/Kabul - Bei einem verheerenden Anschlag in der nordafghanischen Provinz Takhar haben die Taliban Mohammed Omar, den Gouverneur der Provinz Kunduz, getötet. Nach ersten Angaben der lokalen Sicherheitsbehörden wurde am Freitagmittag (Ortszeit) in einer Moschee in der Nachbarprovinz von Kunduz eine Mine ferngezündet. Sie riss mindestens 15 Menschen in den Tod. Omar hat sein Haus in Takhar und verbringt dort seine Wochenenden.

Der Angriff der Taliban war eine der schwersten Attacken in den letzten Monaten und illustriert die steigende Gewalt in dem von der Bundeswehr kontrollierten Gebiet von Nordafghanistan. Neben Attacken auf die internationalen Einheiten nehmen die Aufständischen weitaus häufiger die Vertreter der Kabuler Regierung ins Visier, töten Polizisten und Regierungsbeamte mit Attacken und Selbstmordanschlägen.

Nach Aussagen der Behörden und der Taliban zielte der aktuelle Angriff direkt auf den Gouverneur, der bei den Aufständischen vor allem wegen seiner Nähe zur US-Armee verhasst ist. Der Gouverneur von Takhar, rund eine Autostunde vom deutschem Camp in Kunduz entfernt, bestätigte SPIEGEL ONLINE den Tod des Gouverneurs Omar.

Die Taliban bekannten sich zu der hinterhältigen Attacke. Ein lokaler Kommandeur der Aufständischen verbreitete per Telefon die Nachricht, man habe den Gouverneur getötet.

Nach dem Anschlag auf seinen Bruder schwor Mohammed Omar Rache

Mohammed Omar war seit vielen Jahren als Gouverneur von Kunduz im Amt, die Bundeswehr arbeitete mit dem Paschtunen eng zusammen. Zwar waren die Deutschen nicht immer zufrieden mit der Arbeit des Politikers. Gleichwohl galt er als Partner in der immer gefährlicher werdenden Region, die in den vergangenen Jahren zum Tummelplatz der Taliban wurde.

Omar hatte in den vergangenen Jahren mehrere Anschläge der Taliban überlebt. Im vergangenen Jahr aber war sein Bruder bei einem Angriff auf eine Polizeistation getötet worden, der Gouverneur hatte danach öffentlich Rache geschworen und vor allem die Amerikaner bei der gezielten Jagd auf Anführer der Aufständischen unterstützt. Die Deutschen forderte er mehrmals öffentlich auf, härter gegen die einsickernden Taliban in der Region vorzugehen.

Der Chef der Bundeswehreinheiten in Afghanistan zeigte sich bestürzt von der Attacke auf Omar. Generalmajor Hans Werner Fritz hatte den Politiker Omar erst vor einigen Tagen bei einem Besuch des US-Generals David Petraeus in Kunduz gesehen und gesprochen. "Der brutale Mord zeigt einmal mehr, mit welcher Hinterhältigkeit und Brutalität die Taliban auch gegen die afghanische Bevölkerung vorgehen und dabei nicht einmal vor Gotteshäusern Halt machen", sagte Fritz SPIEGEL ONLINE.

Die Bundesregierung verurteilte den Anschlag auf den Gouverneur scharf. "Das ist ein abscheulicher Anschlag, der mit höchstem Nachdruck zu verurteilen ist", sagte Verteidigungsminister Karl Theodor zu Guttenberg SPIEGEL ONLINE. Auch Außenminister Guido Westerwelle (FDP) drückte der afghanischen Regierung sein Beileid aus. Die Nato zeigte sich ebenso erschüttert. Dass die Aufständischen in einer Moschee zuschlügen, zeige dass "sie keinen Respekt vor den heiligsten Plätzen des Islam haben", sagte der Sprecher der internationalen Einheiten.

In einem einseitigen Brief an seinem Amtskollegen Zalmay Rassoul schrieb Minister Westerwelle, sowohl der Tod eines Bundeswehrsoldaten am Vortag als auch die Attacke auf Omar zeige, "wie eng der gemeinsame Kampf gegen Extremismus und Terrorismus unsere beiden Länder verbindet". Der "hinterhältige Anschlag" nannte Westerwelle einen "Angriff auf das, was wir dort gemeinsam schützen und aufbauen: ein souveränes, stabiles, sicheres Afghanistan".

Gleichzeitig drückte Westerwelle seinem Kollegen die Verbundenheit und auch die deutsche Verpflichtung zur Fortführung der Mission am Hindukusch aus. "Deutschland steht auch heute an Ihrer Seite, wenn Afghanistan um seine Opfer trauert und- unbeirrt von brutalen Gewalttaten - seinen Weg zu Ausgleich und Versöhnung fortsetzt". Berlin stehe "zu seinen auf der Kabuler Konferenz gemachten Zusagen steht".

Einen Tag zuvor hatte ein Selbstmordattentäter südlich des aktuellen Tatorts eine Einheit der Bundeswehr angegriffen, ein 26-jähriger Oberfeldwebel der Fallschirmjäger aus dem niedersächsischen Seedorf starb durch die Attacke. Der als Bauer getarnte Angreifer näherte sich einer Gruppe von deutschen Soldaten, die eine Behelfsbrücke sicherten und aus den gepanzerten Fahrzeugen ausgestiegen waren. Er sprach die Soldaten sogar an bevor er die Detonation auslöste.

Nach Angaben der Bundeswehr trug der Attentäter unter der Kleidung einen massiven Sprengsatz, dessen Wirkung durch um die Bombe gewickelte Stahlkugeln noch verstärkt wurde. So haben die durch die Explosion herumfliegenden Kugeln bei zwei gepanzerten Fahrzeugen vom Typ "Dingo" sowohl die Scheiben als auch die mit Kevlar verstärkten Türen durchschlagen. Eine solche Wucht hat es nach Bundeswehrangaben bisher bei den Taliban-Bomben noch nicht gegeben.

Nach dem fatalen Angriff wurden die Soldaten weiter von den Taliban attackiert. Fast vier Stunden lang lieferten sie sich ein Feuergefecht, bei dem sie mit Gewehren und Mörsern attackiert wurden. Bei dem Kampf gab es keine Verwundeten. Später attackierten die Aufständischen in der Nähe einen Außenposten der afghanischen Armee. Die Nato vertrieb die Angreifer mit Luftangriffen. Dabei wurde eine Mörserstellung bombardiert und mehrere Taliban getötet.

Guttenberg bereitet Bürger auf weitere tragische Zwischenfälle vor

Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) zeigte sich am Tag nach der Attacke auf seine Truppe tief erschüttert durch den Vorfall. Gleichsam bereitete er die Bevölkerung auf weitere tragische Zwischenfälle in Afghanistan vor. Der Einsatz bleibe "höchstgefährlich", so Guttenberg, es werde noch "mehr Gefallene und Verwundete geben." Der Chef des Einsatzführungskommandos ergänzte, gegen feige Selbstmordattentäter wie am Donnerstag gebe es keinen effektiven Schutz.

Guttenberg bekräftigte trotz der ansteigenden Gewalt in Nordafghanistan das Ziel der Bundesregierung, im kommenden Jahr mit der langsamen Übergabe der Sicherheitsverantwortung von der Schutztruppe Isaf an die Afghanen zu beginnen. Mit der Übergabe soll, so jedenfalls das Ziel der Nato und der Mitgliedstaaten, der Weg für einen schrittweisen Abzug der derzeit rund 150.000 internationalen Soldaten frei gemacht werden.

Der Abzug wird beim Nato-Gipfel in Lissabon im November das zentrale Thema werden. Dabei wird sich die Bundesregierung wohl von einem ihrer durch Außenminister Guido Westerwelle angekündigten Ziele verabschieden müssen. Zur Überraschung vieler Nato-Militärs hatte er im Frühjahr angekündigt, Deutschland werde 2011 eine Nordprovinz an die Afghanen übergeben. Intern war Badakshan genannt worden, in der Hauptstadt Faisabad hat die Bundeswehr ein Lager.

Mittlerweile scheint das Ziel kaum mehr erreichbar. Guttenberg sagte, man wolle zwar nächstes Jahr mit dem Prozess der Übergabe beginnen, von konkreten Orten aber ist derweil keine Rede mehr. Im Auswärtigen Amt hatte man gehofft, mit der Übergabe von Faisabad könne man rund 500 bisher benötigte Soldaten freisetzen und möglicherweise das Gesamtkontingent verkleinern. Selbst bei einer Übergabe aber, das machen US-Militärs mittlerweile mehr als klar, würden die deutschen Soldaten weiter an anderen Fronten in Nordafghanistan gebraucht.

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Seite 1
Glanzlos 08.10.2010
1. War ja zu erwarten
Zitat von sysopBei den Taliban war er wegen seiner Nähe zur US-Armee verhasst: In Afghanistan haben radikale Islamisten den Gouverneur der Provinz Kunduz getötet. Bei dem Sprengstoffanschlag kamen mindestens 15 Menschen ums Leben. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,722057,00.html
Wer in dem Land mit den Amis kooperiert, lebt nunmal gefährlich. Sinnfreies Unterfangen, die ganze Operation
r2d2_robo_beep 08.10.2010
2. Unvoreingenommenheit der Presse
Zitat von sysopBei den Taliban war er wegen seiner Nähe zur US-Armee verhasst: In Afghanistan haben radikale Islamisten den Gouverneur der Provinz Kunduz getötet. Bei dem Sprengstoffanschlag kamen mindestens 15 Menschen ums Leben. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,722057,00.html
Wie heißt es in dem Artikel: "Die Taliban bekannten sich zu der hinterhältigen Attacke." Es wäre schön, wenn das Wort "hinterhältig" in Zukunft auch bei den Drohnenangriffen der NATO in Afghanistan oder Pakistan benutzt wird. Aber wahrscheinlich nicht, es sind ja die "Guten".
chassespleen 08.10.2010
3. wir haben in Afghanistan nichts verloren
das bedeutet nichts Gutes für die BW. Aber wer da runter geht, macht das freiwillig und sie möchsten ja (wortwörtlich) ums verrecken nicht heim. Ein ehrliches Interview mit einem, der desillusioniert und traumatisiert wieder heim kam, gibts hier: http://fudder.de/artikel/2010/10/07/der-afghanistan-rueckkehrer/
olivervs 08.10.2010
4. Feige Selbstmordattentäter?
Zitat von sysopBei den Taliban war er wegen seiner Nähe zur US-Armee verhasst: In Afghanistan haben radikale Islamisten den Gouverneur der Provinz Kunduz getötet. Bei dem Sprengstoffanschlag kamen mindestens 15 Menschen ums Leben. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,722057,00.html
"Der Chef des Einsatzführungskommandos ergänzte, gegen feige Selbstmordattentäter wie am Donnerstag gebe es keinen effektiven Schutz." Ich verstehe das nicht: Wieso sollen Selbstmordattentäter feige sein? Wie auch immer man zu diesem Krieg steht, jemand, der sein Leben bewusst für den Kampf einsetzt, braucht doch einen gewissen Mut, oder? Ist es denn mutiger, in einem Flugzeug zu sitzen und Bomben abzuwerfen? Kann das jemand erklären?
eeezy 08.10.2010
5. Es steht Ihnen frei...
Zitat von r2d2_robo_beepWie heißt es in dem Artikel: "Die Taliban bekannten sich zu der hinterhältigen Attacke." Es wäre schön, wenn das Wort "hinterhältig" in Zukunft auch bei den Drohnenangriffen der NATO in Afghanistan oder Pakistan benutzt wird. Aber wahrscheinlich nicht, es sind ja die "Guten".
..sich den Taliban, AlQuaida den Wahabiten ganz einfach allen Steinzeit Islamisten anzuschliessen...worauf warten sie noch? Allerdings muss ich Ihnen sagen dass diese keine Sozialromantiker sind die für das Gute oder sagen wir mal gegen die Ausbeutung, Unterdrückung und Versklavung ihrer Mitmenschen eintreten. Worauf warten Sie? han Ihnen schonmal einen Flug rausgesucht kostet nur 461,54€ einfach natürlich: Datum Von / nach Zeiten Flugnr. / Dauer Stopps / Distanz Flugzeugtyp / Klasse Do, 14-Okt-2010 Frankfurt 09:45 AI120 77L Do, 14-Okt-2010 Delhi 21:25 -- 9856 km Economy Datum Von / nach Zeiten Flugnr. / Dauer Stopps / Distanz Flugzeugtyp / Klasse Fr, 15-Okt-2010 Delhi 12:35 IC843 Airbus A320 Fr, 15-Okt-2010 Kabul 13:35 -- 1611 km Economy Viel spass!
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