Gewalt in Nordafghanistan Taliban verüben neuen Bombenanschlag auf Bundeswehrkonvoi

Die Gewalt gegen die Bundeswehr in Nordafghanistan dauert an: Unbekannte haben nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen erneut einen Konvoi deutscher Soldaten angegriffen. Eine ferngezündete Bombe richtete Sachschaden an, Menschen wurden nicht verletzt. Die Taliban bekennen sich zu dem Anschlag.

Von und Shoib Najafizada


Berlin/Masar-i-Sharif – Die deutsche Patrouille mit mehreren Fahrzeugen wurde rund 45 Kilometer westlich ihrer Basis in Kunduz angegriffen. Mit einer ferngezündeten Bombe versuchten die Taliban, der Truppe Schaden zuzufügen. Erst am vergangenen Mittwoch war in der gleichen Region Afghanistans ein deutscher Feldwebel bei einem ähnlichen Anschlag ums Leben gekommen. Die Sicherheitslage gilt spätestens seitdem als äußerst angespannt. Kaum ein Tag vergeht, ohne dass die Bundeswehr angegriffen wird.

Bundeswehrpatrouille in der Nähe von Masar-i-Sharif (Archivbild): "Glücklicherweise nur kleinere Schäden"
REUTERS

Bundeswehrpatrouille in der Nähe von Masar-i-Sharif (Archivbild): "Glücklicherweise nur kleinere Schäden"

Die örtliche Polizei bestätigte den Vorfall. "Gegen elf Uhr morgens wurde eine Gruppe von deutschen Fahrzeugen mit einer Bombe angegriffen", sagte der lokale Polizeichef Siauddin Mahmodi SPIEGEL ONLINE per Telefon, "glücklicherweise richtete die Bombe nur kleinere Schäden an den Autos an". Über die Hintergründe der Tat konnte der Polizeichef noch nichts sagen. Allerdings ist die Region als Rückzugsgebiet von Taliban bekannt.

Das Einsatzführungskommando bestätigte den Angriff auf Nachfrage. Demnach sei die Bombe gegen 10.30 Uhr Ortszeit (acht Uhr deutsche Zeit) explodiert, als der deutsche Konvoi in der Nähe der Stadt Taloqan unterwegs war. Es habe sich um ein sogenanntes IED (Improvised Explosive Device) gehandelt, sagte der Sprecher. So bezeichnet man selbstgebaute Bomben, die meist aus alten Minen bestehen und per Mobiltelefon oder Funk gezündet werden.

Nach Angaben der Bundeswehr richtete die Explosion nur kleinere Schäden an den deutschen Fahrzeugen an. Der Konvoi konnte demnach seine Fahrt fortsetzen, die Soldaten wurden nicht verletzt. Ob die Patrouille mit gepanzerten Fahrzeugen unterwegs war, konnte der Sprecher nicht sagen. Bei dem tödlichen Anschlag vergangene Woche waren die Soldaten in nur leicht geschützten Autos unterwegs, die lediglich Gewehrfeuer standhalten.

Die Taliban hatten sich wenige Stunden nach dem Anschlag zu der Tat bekannt. Der mittlerweile notorische Sprecher der Gruppe, Sabihullah Mudschahed, meldete sich per Telefon von einem unbekannten Ort. Wie schon oft zuvor übertrieb er die Ausmaße des Anschlags und sprach von zwölf getöteten deutschen Soldaten. Die Taliban hatten nach dem schweren Anschlag von vergangener Woche explizit mit weiteren Attacken gedroht.

Der neue Versuch zeigt, dass die Taliban diese Drohung durchaus ernst meinen. Experten der Bundesregierung sind mittlerweile überzeugt, dass die Islamisten ihre Attacken bewusst vor der Entscheidung des Bundestags über ein neues, ausgeweitetes Afghanistan-Mandat plazieren. Mit immer neuen Gewaltmeldungen, so die Annahme, wollen sie die Stimmung in der deutschen Bevölkerung kippen.

Bei dem Anschlag vergangene Woche waren auch drei weitere Soldaten des in Zweibrücken stationierten Fallschirmjägerbataillons 263 verletzt worden. Der Leichnam des 29-jährigen Hauptfeldwebels traf am Samstagabend auf dem militärischen Teil des Flughafens Köln-Wahn ein.

Politiker erwarten Verschlechterung der Sicherheitslage

Am Donnerstagabend waren an einem von deutschen Isaf-Kräften und afghanischer Polizei besetzten Kontrollpunkt südöstlich von Kunduz eine Afghanin und zwei Kinder getötet worden, zwei weitere wurden verletzt. Wie die Bundeswehr mitteilte, waren zunächst zwei Fahrzeuge gestoppt worden. Als einer der Wagen plötzlich wieder angefahren sei, hätten Sicherheitskräfte auf das Auto geschossen. Die Kugeln stammten der Bundeswehr zufolge vermutlich aus deutschen Waffen. Nach Angaben des Verteidigungsministeriums hat die Staatsanwaltschaft Potsdam die Ermittlungen aufgenommen.

Die beiden tödlichen Zwischenfälle lösten in Deutschland eine neue Diskussion über die Zukunft des Bundeswehreinsatzes am Hindukusch aus. SPD-Politiker gaben am Wochenende zu bedenken, dass die Gefahren für die Bundeswehr zunähmen. Einzelne sozialdemokratische und grüne Politiker stellten die Verlängerung des Mandats infrage. Mit bundesweiten Demonstrationen wollen Linkspartei und Friedensbewegung gegen die Verlängerung mobilisieren.

Der Verteidigungsexperte der SPD-Fraktion, Walter Kolbow, meinte in der "Welt am Sonntag", bisher habe die Truppe in Afghanistan eher den Ruf von Helfern gehabt. "Jetzt hat uns auch die Täterrolle erreicht." Er sah aber keinen Grund, am Afghanistan-Einsatz zu zweifeln. Auch sein Fraktionskollege Niels Annen wies darauf hin, dass es keine Hinweise gebe, dass die deutschen Soldaten an dem Kontrollpunkt Fehler gemacht hätten.

Der SPD-Außenpolitiker Gerd Weisskirchen wiederum plädierte für eine Überprüfung des Mandats. Er verlangte eine schonungslose Prüfung des Vorfalls und sagte: "Wenn Soldaten aggressiv die Grenzen dieses Mandats überschritten haben, dann muss das Folgen haben." Der stellvertretende Fraktionschef der Grünen, Christian Ströbele, forderte in der "Berliner Zeitung" ein Ende des Einsatzes in "verantwortbarer Weise". Dieser Haltung widersprach allerdings der sicherheitspolitische Sprecher der Fraktion, Winfried Nachtwei. Im "Tagesspiegel am Sonntag" sagte er, ein sofortiger Abzug wäre eine politische Kurzschlusshandlung. Ein Bürgerkrieg wäre die Folge, wenn alle internationalen Truppen aus Afghanistan abzögen.

Linkspartei und die Friedensbewegung kündigten an, am 20. September in Berlin und Stuttgart gegen die Verlängerung des Bundeswehreinsatzes in Afghanistan zu protestieren.

Empört reagierte der CDU-Politiker Eckart von Klaeden auf die Haltung Ströbeles und der Linken. Er finde es geschmacklos, wie die zivilen Opfer instrumentalisiert würden, um Stimmung gegen den Einsatz zu machen, sagte er der "Welt am Sonntag".



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