Gewalt in Syrien Armee startet Bodenangriff auf Rebellenhochburg Homs

Seit Wochen steht die Stadt Homs unter Beschuss - jetzt rückt die syrische Armee offenbar mit Bodentruppen auf das Viertel Baba Amr vor. Der Stadtteil, in dem vermutlich auch eine französische Reporterin ausharrt, solle binnen Stunden "gesäubert" werden.

Rauch nach Explosion in Homs: Armee rückt mit Bodentruppen vor
REUTERS

Rauch nach Explosion in Homs: Armee rückt mit Bodentruppen vor


Damaskus - Die syrische Armee hat nach Angaben aus syrischen Sicherheitskreisen einen Bodenangriff auf ein Viertel der Rebellenhochburg Homs gestartet. Der Angriff ziele auf das Stadtviertel Baba Amr, hieß es am Mittwoch in Damaskus.

"Der Bereich ist unter Kontrolle. Die Armee hat bereits eine Säuberung Block für Block, Haus für Haus vorgenommen, und jetzt durchforsten die Soldaten jeden Keller und jeden Tunnel auf der Suche nach Waffen und Terroristen", sagte ein Vertreter der Sicherheitsbehörden der Nachrichtenagentur AFP. Es gebe "nur noch einige wenige Widerstandsnester". Der Stadtteil werde binnen Stunden "gesäubert", zitierte die Agentur dapd eine Gewährsperson.

Homs und insbesondere Baba Amr stehen seit Wochen unter heftigem Artillerie- und Raketenbeschuss. Doch die Erklärung der Gewährsperson am Mittwoch deutete daraufhin, dass eine Bodenoffensive im Gange ist. Die Armee gehe mit Infanterieeinheiten vor und setze Maschinengewehre ein. Schon am Dienstag und in der Nacht zum Mittwoch sei die Gegend unter schweren Beschuss geraten.

Rebellen fürchten den "finalen Angriff"

Aktivisten hatten zuvor von einer Verstärkung der Regierungstruppen mit einer Eliteeinheit berichtet, was befürchten lasse, dass der "finale Angriff" auf Homs bevorstehe.

Die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte berichtete von Kämpfen zwischen Armee und Deserteuren in Baba Amr sowie von Explosionen und Schüssen in weiteren Stadtteilen. Der Aktivist Hadi Abdallah vom Syrischen Revolutionsausschuss sagte, neben Baba Amr seien auch die Stadtteile Chalidija und Bajada bombardiert worden. Als Folge des Beschusses sei der Strom ausgefallen, hieß es auf der Facebookseite Syrian Revolution 2011.

Am Vortag habe die Armee einen Geheimtunnel der Rebellen entdeckt und zerstört, der Baba Amr mit einem nahegelegenen Dorf verband und die einzige Verbindung der eingeschlossenen Menschen zur Außenwelt gewesen sei, sagte der Aktivist Abdallah. Bei dem Tunnel habe es sich um eine 2700 Meter lange Wasserleitung gehandelt; sie sei genutzt worden, um Medikamente und Nahrungsmittel zu liefern und Verletzte aus der Stadt zu bringen.

Auch die verwundete französische Reporterin Edith Bouvier soll sich weiter in der Protesthochburg aufhalten.

Dutzende Deserteure sollen in der Türkei sein

Unterdessen sollen mehr als drei Dutzend Deserteure der syrischen Armee in die Türkei geflohen sein. Haitham Fistik, ein Aktivist in der türkischen Grenzprovinz Hatay, sagte der Nachrichtenagentur dpa am Telefon, am Montag seien etwa 40 syrische Deserteure über die Grenze gekommen. Unter ihnen seien mehrere ranghohe Offiziere. Der arabische Nachrichtensender al-Dschasira sprach von 37 Deserteuren.

Die US-Außenministerin Hillary Clinton sagte am Dienstag bei einer Anhörung vor dem US-Senat zur Lage in Syrien, Präsident Baschar al-Assad weise Merkmale eines Kriegsverbrechers auf. Angesichts der Definitionen von Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit könne man durchaus darauf plädieren, dass der Staatschef in diese Kategorie passe.

Neuer Entwurf für eine Syrien-Resolution

Die USA bereiten nach Angaben von Uno-Diplomaten derzeit einen neuen Entwurf für eine Syrien-Resolution im Sicherheitsrat vor. Im Mittelpunkt des Textes steht demnach die humanitäre Hilfe für die von der syrischen Armee belagerten Städte. Allerdings werde in dem Entwurf auch darauf verwiesen, dass die Führung in Damaskus für die Krise verantwortlich sei, sagte ein Diplomat. Der Westen hofft, dass der Schwerpunkt auf die humanitäre Krise die beiden Veto-Mächte Russland und China davon überzeugt, eine Resolution dieses Mal nicht zu blockieren.

Gegen die beiden letzten Syrien-Resolutionen hatten die beiden ständigen Mitglieder des Sicherheitsrats ihr Veto mit der Begründung eingelegt, darin werde nur die Gewalt der syrischen Sicherheitskräfte, aber nicht die der Rebellen verurteilt. Russland hatte sich zuletzt allerdings zunehmend besorgt über die humanitäre Lage in Syrien gezeigt.

Der chinesische Außenminister Yang Jiechi sprach sich in Telefonaten mit arabischen Kollegen und dem Generalsekretär der Arabischen Liga, Nabil al-Arabi, dafür aus, Syrien humanitäre Hilfe zukommen zu lassen.

Der frühere Uno-Generalsekretär Kofi Annan, der in der vergangenen Woche zum Sondergesandten der Uno und der Arabischen Liga für Syrien ernannt wurde, wurde am Mittwoch in New York erwartet. Bis Freitag werde er dort unter anderem mit Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon über die Lage in Syrien beraten, hieß es.

fab/heb/AFP/dapd/dpa/Reuters



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insgesamt 41 Beiträge
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Seite 1
Dummy2011 29.02.2012
1. AFP bringt
eine Meldung unter Berufung auf syrische Sicherheitsbehörden? Ist an der Geschichte mit den 18 französischen Agenten vielleicht doch was dran?
dr. phibes 29.02.2012
2.
Lybien 2.0 scheint nicht zu funktionieren.
panzerknacker51, 29.02.2012
3. Oha
Ca 40 Deserteure? Ich weiß zwar nicht, wie stark die syrische Armee ist, aber diese Zahl scheint mir doch im Rahmen der Anzahl von Personen zu liegen, die aus den verschiedensten Gründen bei jedem militärischen Konflikt von der Fahne gehen ...
fuchs008 29.02.2012
4. Ohne NATO keine Revolution
Zitat von dr. phibesLybien 2.0 scheint nicht zu funktionieren.
Ohne die NATO wäre auch die libysche "Revolution" nicht über Bengazi hinaus gekommen. In Libyen wurden die staatlichen Sicherheitskräfte von der NATO zerbombt. Jetzt regiert der Mob. Hoffentlich bleibt das libysche Szenario den Syriern erspart.
rhodensteiner 29.02.2012
5. Frieden?
Zitat von sysopREUTERSSeit Wochen steht die Stadt Homs unter Beschuss - jetzt rückt die syrische Armee offenbar mit Bodentruppen auf das Viertel Baba Amr vor. Der Stadtteil, in dem vermutlich auch eine französische Reporterin ausharrt, solle binnen Stunden "gesäubert" werden. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,818384,00.html
Dann gehen die Kämpfe hoffentlich bald zu Ende und man kann vielleicht langsam auf Frieden in Syrien hoffen.
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