Gewalt in Syrien Türkei vergleicht Assad mit Saddam Hussein

Syriens Präsident Assad ignoriert alle Forderungen nach einem Ende der Gewalt - jetzt erhöht die türkische Regierung den Druck: Falls der Diktator keine Reformen einleite, werde er enden wie Saddam Hussein, berichtet die Zeitung "Radikal".

AFP/ YouTube

Istanbul/Damaskus - Trotz aller Drohungen des Westens setzt Diktator Baschar al-Assad seine Offensive gegen die Aufständischen in Syrien fort: In der Oppositionshochburg Deir al-Sor nahmen gepanzerte Fahrzeuge nach Angaben von Augenzeugen zwei Wohnviertel unter Beschuss. Mindestens 65 Menschen seien getötet worden, seit die Soldaten mit Panzerunterstützung am Sonntag die Provinzhauptstadt 400 Kilometer nordöstlich von Damaskus gestürmt hätten. Tausende seien auf der Flucht.

"Private Krankenhäuser sind geschlossen, und die Leute haben Angst, die Verletzten in staatliche Einrichtungen zu schicken, weil diese von der Geheimpolizei kontrolliert werden", berichtete ein Anwohner. Stattdessen würden die Verwundeten zu Hause behandelt. Am Sonntag waren in der Stadt nach Angaben von Menschenrechtsaktivisten bereits mindestens 42 Menschen von den Streitkräften getötet worden.

Die türkische Regierung mit Ministerpräsident Erdogan an der Spitze scheint angesichts der Gewalt die Geduld mit Assad zu verlieren. Außenminister Ahmet Davutoglu wolle bei seinem Besuch in Syrien am Dienstag eine letzte Warnung an den Staatschef abgeben, meldete die Zeitung "Radikal" am Montag. Das Blatt berief sich auf diplomatische Kreise. Falls der Diktator keine durchgreifenden Reformen einleite, werde er mit den Folgen zu leben haben. Davutoglu wolle Assad klarmachen, dass er angesichts des steigenden internationalen Drucks nur zwei Möglichkeiten habe: Er könne sich wie der frühere sowjetische Staatschef Michail Gorbatschow trotz des Zusammenbruchs seiner Führung als geachteter Staatsmann Respekt verschaffen - oder ihm drohe ein Schicksal wie das des hingerichteten irakischen Ex-Staatschefs Saddam Hussein. Davutoglu werde bei seinem Gespräch mit dem syrischen Präsidenten auch klarstellen, dass Syrien dabei sei, die Türkei als Partner zu verlieren, berichtete "Radikal".

Dem früheren irakischen Diktator Saddam Hussein war wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit der Prozess gemacht worden. Er wurde zum Tod verurteilt und am 30. Dezember 2006 gehängt.

Kuwait zieht Botschafter aus Syrien ab

Scharfe Kritik kommt auch aus anderen arabischen Ländern. Kuwait hat seinen Botschafter in Syrien in die Heimat beordert. Außerdem würden die Außenminister der Golfstaaten in Kürze zusammenkommen, um über die Vorgänge in Syrien zu beraten, erklärte das kuwaitische Außenministerium.

Saudi-Arabiens König Abdullah hatte zuvor in ungewöhnlich scharfen Worten ein Ende der Gewalt in Syrien gefordert und den Botschafter seines Landes aus Damaskus abberufen. Abdullah drängte zudem auf Reformen und forderte "ein Ende der Tötungsmaschinerie sowie des Blutvergießens".

Die vom syrischen Regime kontrollierte Presse reagierte am Montag gereizt auf die Kritik des saudischen Königs. Die Fernsehbotschaft des arabischen Monarchen "wirke mehr wie eine US-Drohung als eine 'brüderliche' Botschaft", schrieb die Tageszeitung "Al-Watan" in einem Kommentar. Abdullah sei außerdem mit keinem Wort "auf die terroristischen Extremistengruppen und ihre Financiers eingegangen, die die Einheit Syriens zu zerreißen versuchen". Syrien rechtfertigt sein gewaltsames Vorgehen gegen die eigene Bevölkerung stets mit einer angeblichen Gefahr, die von Terroristen ausgehe.

Auch die Arabische Liga brach am Wochenende ihr Schweigen und forderte ein Ende der Gewalt. Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon rief Assad bei einem Besuch in Japan erneut auf, das massive Vorgehen gegen die Demokratiebewegung zu stoppen. In der vergangenen Woche waren bei den seit fünf Monaten andauernden Protesten gegen das Assad-Regime mehr als 300 Menschen ums Leben gekommen.

Die jordanische Nachrichtenagentur Petra meldete, Außenminister Nasser Judeh habe die eskalierende Gewalt als beunruhigend bezeichnet und Damaskus aufgefordert, die versprochenen Reformen einzuleiten.

Die Bundesregierung warnte Assad ebenfalls vor einer Fortsetzung der "brutalen Angriffe" auf die eigene Bevölkerung. "Sollte Präsident Assad fortwährend den Dialog mit dem Volk verweigern und weiterhin auf Gewalt setzen, so gibt er nach Ansicht der Bundesregierung seine Legitimation auf, die Geschicke seines Landes weiter zu lenken", sagte Vizeregierungssprecher Christoph Steegmans am Montag in Berlin. Das Auswärtige Amt wollte den deutschen Botschafter aber zunächst nicht abziehen. Die Kontakte zur dortigen Regierung seien auf ein Minimum reduziert, sagte ein Sprecher. Die Vertretung führe aber weiterhin Gespräche mit der Opposition. Dies sei wichtig, um Informationen aus dem Land zu bekommen.

als/AFP/Reuters/dapd

insgesamt 25 Beiträge
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moliebste 08.08.2011
1. Spiel mit dem Feuer
Aha, beim nächsten Krieg sollen offenbar die Türken die Bodentruppen stellen, während Amerika und Israel die Luftschläge ausführen. (Quelle das angeblich Mossad-nahe www.debka.com ) Da der Iran bei einem evtl. Angriff auf Syrien nicht untätig bleiben wird, wäre mit einer Explosion des Ölpreises zu rechnen. Das wäre der nächste Schlag für US- und Weltwirtschaft.
Arne11 08.08.2011
2. gegen titelzwang
Zitat von sysopSyriens Präsident Assad ignoriert alle Forderungen nach einem Ende der Gewalt - jetzt erhöht die*türkische Regierung den Druck: Falls der Diktator keine Reformen einleite, werde er enden wie Saddam Hussein, berichtet die Zeitung "Radikal". http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,778987,00.html
Nach der 'Gleichschaltung' der Armee in der Türkei würde ich eher Erdogan mit Hussein bzw. Ahmadinedschad vergleichen...
kerusk 08.08.2011
3. NATO Monster
Dann kann die Türkei mit Panzern einmarchieren, wie sie oft in Nordirak tat und tut, um ganze kürdische Dörfer auszuradieren.
el_turco 08.08.2011
4. ...
Es wird nicht immer so heiß gegessen wie gekocht :) Hauptsache mal wieder die Türkei kritisieren. Aber bedenkt das diese Neue Ära eben von dieser geprägt werden wird
DeusExApparat 08.08.2011
5. erdogan =! saddam
Zitat von Arne11Nach der 'Gleichschaltung' der Armee in der Türkei würde ich eher Erdogan mit Hussein bzw. Ahmadinedschad vergleichen...
sowas unsinniges habe ich noch nie gehört! Erdogan hat sogar beigetragen das die Militärführung abdankte. Und wohl kaum herrschen in der Türkei irakische Verhältnisse! Oder sind etwa alle Urlauber masochisten?
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