Gewalt in Tibet Dalai Lama denkt über Rückzug aus der Öffentlichkeit nach

Deutliche Antwort vom Dalai Lama: Das geistliche Oberhaupt der Tibeter hat die chinesischen Vorwürfe scharf zurückgewiesen, er stecke hinter dem Aufstand in Tibet. Sollte die Gewalt außer Kontrolle geraten, droht er mit einem außerordentlichen Schritt: seinem Rückzug als Fürsprecher der Tibeter.


Peking - Der Dalai Lama wehrt sich: Mit den Unruhen in Tibet habe er nichts zu tun, sagte er und bezog sich auf Vorwürfe des chinesischen Ministerpräsidenten Wen Jiabao, er habe die Krise dort angezettelt. Er lud die Ermittler ein, die Umstände genau zu untersuchen. Er habe nichts zu verbergen. "Aber wenn die Lage außer Kontrolle gerät, bleibt mir nichts anderes übrig, als mich komplett zurückzuziehen", sagte er bei einer Pressekonferenz in Dharamsala. Seine Landsleute rief er zur Zurückhaltung auf.

Dalai Lama (bei Pressekonferenz am Dienstag): Kritik an Chinesen
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Dalai Lama (bei Pressekonferenz am Dienstag): Kritik an Chinesen

Der Dalai Lama lebt seit 1959 im indischen Exil. Schon früher hatte er einen Rückzug als erwogen - allerdings unter anderen Bedingungen. "Sollten wir nach Tibet zurückkehren können und herrschte in Lhasa ein gewisses Maß an Freiheit, würde ich meine historische Autorität der Regierung vor Ort unterordnen." Seinen Anspruch als geistliches Oberhaupt allerdings stellte er damals nicht zur Debatte.

Die gegen China gerichteten Demonstrationen hatten in Lhasa begonnen und sich dann auf Regionen im Nordwesten Chinas ausgeweitet, in denen viele Exil-Tibeter leben. Antichinesische Proteste waren aus den Provinzen Sichuan, Gansu und Qinghai gemeldet worden. Menschenrechtsgruppen hatten unter Berufung auf Augenzeugen berichtet, dass Soldaten am Sonntag das Feuer auf Demonstranten in der Stadt Ngawa in Sichuan eröffneten und mindestens acht Menschen töteten. Bei den blutigen Protesten in Lhasa und anderen Teilen Chinas starben nach Angaben des Exilparlaments der Tibeter hundert oder sogar mehrere hundert Menschen. Die chinesische Regierung sprach von 13 Toten.

Chinas Ministerpräsident Wen Jiabao hatte heute seinerseits Vorwürfe des Dalai Lama von einem "kulturellen Völkermord" in Tibet als "Lügen" zurückgewiesen. Auf einer Pressekonferenz zum Abschluss der diesjährigen Tagung des Volkskongresses heute in Peking machte der Regierungschef das religiöse Oberhaupt der Tibeter für die blutigen Unruhen verantwortlich. China lägen "hinreichende Fakten und reichlich Beweise" vor, wonach die "Dalai-Lama-Clique" die Zwischenfälle in Lhasa "vorsätzlich geplant und organisiert" habe.

Wen Jiabao verurteilte "den Aufruhr, die Prügeleien, Zerstörungen, Brandstiftungen und Plünderungen" und die "äußerst brutalen Methoden" der Demonstranten in Lhasa. Der Regierungschef verteidigte das mit Sicherheitsbedenken begründete Verbot für ausländische Journalisten, zur Berichterstattung nach Tibet zu reisen, sprach aber von Überlegungen, eine Reise für ausländische Medienvertreter zu organisieren. Inzwischen habe sich die Lage in der tibetischen Hauptstadt Lhasa wieder normalisiert.

Wen war der bislang höchste Regierungsvertreter, der sich zur Lage in Tibet geäußert hat. Den Aktivisten war Jiabao vor, sie wollten die Olympischen Spiele in Peking untergraben. Die Demonstranten missachteten damit den Wunsch des chinesischen Volkes nach erfolgreichen Olympischen Spielen im August, sagte er.

China halte unverändert die Tür zu einem Dialog mit dem Dalai Lama offen, knüpfe daran aber die Bedingungen, dass dieser nicht mehr die Unabhängigkeit Tibets propagiere und dass er erkläre, dass Tibet wie Taiwan "unveräußerliche Teile" Chinas seien. Allerdings müsse nicht nur betrachtet werden, was der Dalai Lama sage, sondern auch, was er tue, sagte Wen Jiabao und unterstellte dem geistigen Oberhaupt der Tibeter, auch hinter den Protesten vor China diplomatischen Vertretungen in aller Welt zu stehen.

In Sydney demonstrierten heute etwa hundert tibetische Auswanderer und Unterstützer gegen das Vorgehen der chinesischen Regierung. Vor dem chinesischen Konsulat kam es zu einem kurzen Handgemenge mit der Polizei. Andere Demonstranten verbrannten chinesische Fahnen und hielten Bilder des Dalai Lama hoch. Bereits gestern kam es auch zu Protesten in Berlin, München, London und New York.

ffr/dpa/AP/AFP/Reuters

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