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Gewaltausbruch in Israel: Wut, Messer, Raketen

Messerattacken, Raketenbeschuss, Attentate: Die Gewaltausbrüche in Israel werden heftiger, die Angst vor einer neuen Intifada wächst. Doch bei den Politikern beider Lager ist kein Wille zur Verständigung erkennbar.

Am Samstagabend ging es einigermaßen glimpflich aus, zumindest bei den Massenveranstaltungen. Der populäre jüdisch-amerikanische Reggae-Rapper Matisyahu absolvierte sein großes Open-Air-Konzert ohne Zwischenfälle, und auch während des wichtigen EM-Qualifikationsspiels zwischen Israel und Zypern im Teddy-Malcha-Stadion, das Israel verlor, passierte nichts in der unter Spannung stehenden Heiligen Stadt. Zum Glück. Doch bereits in den frühen Morgenstunden brach sich die seit Anfang des Monats schwelende Gewalt wieder Bahn.

In unmittelbarer Nähe mehrerer israelischer Polizisten wollte sich im Westjordanland eine junge Frau in die Luft sprengen. Sie selbst sei dabei schwer, ein Polizist leicht verletzt worden, teilte die Polizei mit. Die Palästinenserin sei auf einem Motorrad unterwegs gewesen und in eine Kontrolle geraten. Sie habe "Allahu Akbar" ("Gott ist groß") gerufen und ihren Sprengsatz gezündet.

Die israelische Armee flog zur selben Zeit einen Luftangriff über dem Gazastreifen, der einer Ausbildungsstätte des bewaffneten Flügels der radikalislamischen Hamas gegolten haben soll. Laut palästinensischen Angaben sei in der Einrichtung niemand zu Schaden gekommen, ein nahe gelegenes Haus sei jedoch durch die Detonationen eingestürzt, wobei eine schwangere 30 Jahre alte Frau und ihre vierjährige Tochter ums Leben kamen. Vier weitere Familienmitglieder seien verletzt worden, sagte Aschraf al-Kidra, Sprecher des Gesundheitsministeriums in Gaza.

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Gewalt in Israel: Droht die dritte Intifada?
Dem Angriff ging den Angaben des israelischen Militärs zufolge ein Raketenbeschuss aus dem Küstengebiet von Gaza voraus. Zwei Raketen seien auf offenem Gelände in Israel niedergegangen. Schäden oder Verletzte gab es auf israelischer Seite nicht.

Die Zahl der bei den aktuellen Auseinandersetzungen getöteten Palästinenser erhöht sich jedoch allein an diesem Wochenende auf mindestens elf, nachdem am Freitag neun junge Palästinenser, einige angeblich erst zwischen 11 und 13 Jahren, bei Zusammenstößen mit israelischen Soldaten an den Grenzanlangen ums Leben gekommen waren.

Raketen gegen Messer

Insgesamt 23 Palästinenser und vier Israelis starben in den vergangenen 12 Tagen. Immer wieder kommt es, vor allem in und um Jerusalem und an den Grenzen zu Gaza und dem Westjordanland, zu Demonstrationen aufgebrachter Palästinenser, die sich Scharmützel mit israelischen Sicherheitskräften liefern. Die palästinensischen Angreifer wurden in fast allen Fällen getötet oder festgenommen.

Israel reagiert auf die zunehmenden Attacken zumeist junger oder jugendlicher Palästinenser, die mit Steinen oder Messern bewaffnet sind, mit scharfen Polizeikontrollen und militärischem Druck. Gut ausgebildete Soldaten und Polizeikräfte gegen Teenager mit Küchenmessern und selbst gebauten Brandsätzen - es ist eine Spirale der Gewalt mit ungleich verteilten Mitteln.

Angesichts der eskalierenden Lage schaltete sich nun auch der amerikanische Außenminister ein. Die USA seien "zutiefst besorgt", sagte John Kerry nach Telefonaten mit dem israelischen Regierungschef Benjamin Netanyahu und dem Palästinenserpräsidenten Mahmoud Abbas. In den Gesprächen habe Kerry beide Parteien aufgefordert, von Handlungen abzusehen, die die Spannungen weiter zunehmen lassen würden, teilte das US-Außenamt mit.

Als Auslöser gilt eine neu entflammte Debatte um den Zugang zum Tempelberg-Plateau in Jerusalems Altstadt. Auf dem Gelände befindet sich die Aksa-Moschee, eine der wichtigsten heiligen Stätten der Muslime, angeblich der Ort, an dem der Prophet Mohammed in den Himmel aufgestiegen sei. Aber auch für gläubige Juden ist die antike Festungsanlage eine wichtige Stätte, gleich zwei relevante biblische Tempel sind Pilgerorte der Orthodoxen. Die Palästinenser befürchten, Israel wolle seine Präsenz auf dem Tempelberg verstärken und den Zugang für Muslime erschweren, was die israelischen Behörden jedoch als Unruhestiftung und Propaganda zurückweisen.

Nur Konfliktmanagement

Tatsächlich dürfte die Tempelberg-Diskussion nur Symptom der sich immer weiter aufbauenden Spannung zwischen Israel und Palästina sein. Nachdem der Friedensprozess so gut wie zum Stillstand gekommen ist, machen vor allem junge Palästinenser ihrer Frustration und Perspektivlosigkeit gewaltsam Luft. Es ist auch eine Reaktion auf die offenkundige Hilflosigkeit der politischen Führung auf beiden Seiten.

Abbas und Netanyahu machen sich gegenseitig für die Lage verantwortlich. In dem Gespräch mit Kerry forderte Netanyahu eigenen Angaben zufolge, dass die Palästinenserbehörde aufhören müsse, die Palästinenser "aufzuwiegeln". Abbas, ebenfalls nach eigener Aussage, bekräftigte seine Forderung an die israelische Regierung, die "Provokationen jüdischer Siedler" nicht weiter zu decken.

Beiden Politikern scheint es längst nicht mehr um die Konfliktlösung zu gehen, sondern nur noch um Konfliktmanagement und politisches Taktieren. Netanyahu, gebunden in einer Koalition aus rechten und orthodoxen Parteien, hat kaum eine andere Wahl, als den Forderungen der Konservativen nach immer neuen Siedlungen auf palästinensischem Gebiet zu folgen, um seine Macht zu erhalten. Zudem verlangen die zunehmenden Attacken auf israelische Bürger in den Städten, darunter auch Familien und Kinder, nach hartem sicherheitspolitischem Durchgreifen.

Abbas auf der anderen Seite scheitert daran, die verfeindeten politischen Lager der Hamas und der Fatah in einer Einheitsregierung zu einen, und laviert zwischen Beschwichtigung und Solidarität mit seinem Volk. Die Palästinenser, sagte er in einem aktuellen Statement, hätten kein Interesse an weiterer Gewalt. Er sprach sich für einen friedlichen Widerstand aus, bekundete gleichzeitig aber seine Unterstützung für die Demonstranten, die in den vergangenen Tagen mit der israelischen Polizei in Konflikt gekommen seien.

An einer dritten Intifada - die erste dieser "Erhebungen" begann 1987 als "Krieg der Steine", die zweite entzündete sich 2000 an einem Besuch Ariel Sharons auf dem Tempelberg - dürften weder Israelis noch Palästinenser ein Interesse haben. Die Angst vor einem weiteren langjährigen Kriegszustand wächst. Im Moment sieht es so aus, als wenn sie in ein altes Muster mündet: Gewalt gegen Gewalt. Mit Glück kann diese Angst aber auch zu neuen Friedensverhandlungen führen.

bor/dpa/AFP/Reuters

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