Salafisten in Tunesien: Herrn Arfawis weicher Kurs gegen Extremisten

Aus Tunis berichtet

Tunesische Salafisten: Kampferprobte Islamisten Fotos
SPIEGEL ONLINE

Sie ermorden Politiker, greifen Armee-Einheiten an und ziehen nach Syrien in den Krieg: Tunesien hat ein gewaltiges Problem mit gewaltbereiten Salafisten. Die islamistische Regierung versucht zwar, es zu lösen - scheut aber den letzten Schritt.

Es war im März 2012, als Fatheya Blel das vorerst letzte Mal etwas von ihrem Sohn hörte. Aus Libyen, wo er angeblich Arbeit suchen wollte, rief Hussem an: Er werde jetzt in eine Region ohne Handy-Netz fahren, die Mutter solle sich keine Sorgen machen, wenn er sich nicht melde. "Ich hab das von Anfang an nicht geglaubt", sagt die Mutter des damals 26-Jährigen. Sie sitzt in ihrem Wohnzimmer, das zum Schutz gegen das gleißende tunesische Sonnenlicht abgedunkelt ist. "Handys haben heute sogar auf dem Mars Empfang."

Ein Jahr lang verschwand Hussem von der Bildfläche, die Blels saßen in einem ärmlichen Vorort von Tunis und wussten nicht, was tun. Dann, im Frühjahr dieses Jahres, schaute Madame Blel eines Abends allein Fernsehen. Im Programm: Ein langer Bericht über eine Gruppe von 43 tunesischen Dschihadisten, die in Syrien von dortigen Regimetruppen gefangen genommen worden waren. Plötzlich tauchte der Name ihres Sohnes auf dem Bildschirm auf. "Ich bin in Tränen ausgebrochen und dann ohnmächtig geworden", sagt die Mutter von drei erwachsenen Söhnen.

Was dann folgte, war eine seltsame Zeit: Der Fernsehsender flog Fatheya Blel und Angehörige von 15 weiteren Gefangenen nach Damaskus und filmte dort die wenigen Minuten, die die Familien gemeinsam verbringen durften. "Hussem war so dünn und blass. Er hat nur geweint und gesagt, dass ihm alles so leid täte, dass er nach Hause kommen will."

Offizielle der syrischen Regierung gaben sich vor den Kameras des tunesischen Senders kooperativ. Sie tadelten die verzweifelten Eltern, ihre Kinder nicht unter Kontrolle zu haben, versprachen aber, die jungen Männer bald in ihre Heimat abzuschieben: Die Gruppe der 43 tunesischen Dschihadisten war der syrischen Armee direkt hinter der türkischen Grenze ins Netz gegangen, noch bevor sie aktiv in den von ihnen als heilig empfundenen Krieg gegen das Regime Baschar al-Assads eingreifen konnte. Deshalb wolle Damaskus in diesem Fall Milde walten lassen.

Wann genau ihr Söhne, die vermutlich in Libyen zu Kämpfern ausgebildet wurden, nach Hause kommen, wissen die Familien der Möchtegern-Dschihadisten nicht. "Wir warten und hoffen", sagt Fatheya Blel.

10.000 gewaltbereite Dschihadisten

Der Fall der verhinderten Kämpfer wirft ein Schlaglicht auf die sich rasant radikalisierende Salafisten-Szene in Tunesien. Unter dem Regime Zine el-Abidine Ben Alis waren Prediger und Moscheen staatlich kontrolliert. Wer von der offiziellen Linie abwich, landete schnell im Gefängnis, so auch etwa 8000 tunesische Salafisten. Das arabische Wort "Salafi" bedeutet "Vorfahren" und meint erst mal nur den Anhänger eines traditionellen Islam. Doch im Gefängnis wandte sich ein Teil der Konservativen extremistischem Gedankengut zu. Nach der Revolution 2011, als die Gesinnungshäftlinge entlassen wurden, konnten die Radikalen erstmals vor großem Publikum predigen. Gerade von arbeitslosen, von den Versprechungen der Demokratie enttäuschten Jugendlichen haben sie seitdem regen Zulauf.

Die von Hasspredigern gestreute Saat der Gewalt ist inzwischen aufgegangen: Am vergangenen Donnerstag wurde der Oppositionspolitiker Mohammed Brahmi ermordet. Ein Anhänger der extremistischen Ansar al-Scharia gilt als Hauptverdächtiger. Am Montag starben in den Bergen an der Grenze zu Algerien acht tunesische Soldaten, als sie in einen Hinterhalt gelockt wurden. Die Täter sollen Anhänger der Gruppe al-Qaida im Maghreb sein. "Algerische Verhältnisse in Tunesien sind möglich!", warnte Innenminister Lotfi Ben Dscheddu, kurz nachdem er am Dienstag seinen Rücktritt angekündigt hatte. In Algerien sind in dem mehr als 20 Jahre schwelenden Konflikt zwischen Regierung und radikalen Islamisten etwa 100.000 Menschen ums Leben gekommen.

"Wir gehen von etwa 10.000 gewaltbereiten Dschihadisten in Tunesien aus", sagt Sadek Arfawi. All diese zu bekehren, ist Arfawis Job: Der Funktionär der islamistischen Regierungspartei Nahda ist im Religionsministerium der "Entradikalisierungsbeauftragte", wie er sagt. "Meine Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass die verbreitete religiöse Lehre moderat ist." Dazu holt das Ministerium gemäßigte Prediger aus dem Ausland ins Land und veranstaltet in von Hardlinern unterwanderten Moscheen Workshops.

Der weiche Kurs der Regierung

Tunesiens Regierung versucht, Terrorismus per Umarmungstaktik zu bekämpfen. Das hat seinen Grund: Wie die Salafisten war auch die Nahda-Partei unter Ben Ali verfolgt. Diese gemeinsame Erfahrung bindet der Nahda nun die Hände. Sie zögert, die Salafisten hart anzugehen, auch wenn man über fast nichts einer Meinung ist. "Wir sind für die Demokratie, den Pluralismus, für Religionsfreiheit, für eine Rolle der Frau im Arbeitsleben und der Politik", sagt Arfawi - die Salafisten seien dagegen.

Säkulare Tunesier werfen die Religiösen trotz ihrer ideologischen Unterschiede in einen Topf. Sie fordern die Ablösung der Nahda-geführten Regierung, weil diese nicht hart genug gegen die Radikalen vorgehe. In einer Geste der Hilflosigkeit hebt Arfawi die Hände: "Diese Leute sind gefährlich. Natürlich fassen wir sie weich und vorsichtig an."

Hassprediger könnten bald schon das kleinere Problem für Arfawi und sein Team sein: Einer Studie der US-Sicherheitsfirma Flashpoint Partners und des Washington Institutes zufolge stellt Tunesien inzwischen mit Saudi-Arabien die größte Gruppe ausländischer Kämpfer in Syrien. Wenn die Überlebenden aus diesem Krieg irgendwann heimkehren, hat es Tunesien plötzlich mit Hunderten, wenn nicht Tausenden ausgebildeten und erfahrenen Kämpfern zu tun.

Der Tag, an dem Mutter Blel ihren Sohn Hussem daheim in die Arme schließen kann, wird Tunesien vor neue Probleme stellen.

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1. Wozu Imame aus dem Ausland?
xvulkanx 31.07.2013
Tunesien hat genügend liberale Imame, die von Salafisten aus ihren Moscheen vertrieben wurden und vom Religionsministerium nicht mehr beschäftigt werden. Keinem dieser abgesetzten Imame konnte nachgewiesen werden, dass sie in die Diktatur Ben Alis verstrickt waren. 200 abgesetzten liberalen Imame drohen mit Hungerstreik. Die Union der Imame, die dem Gewerkschaftsverband angehört, fordert die Wiedereinstellung der alten Imame. Es geht der Ennahda darum, den traditionell liberalen tunesischen Islam abzuschaffen. Die Salafisten sind dabei nur nützliche Helfer. Bitte etwas mehr Recherche und nicht nur bei dem Religionsministeruium nachfragen.
2.
Whitejack 31.07.2013
Aber wie löst man das Problem, ohne zum nächsten Algerien oder Irak zu werden? In Deutschland hat seinerzeit das harte Durchgreifen gegen RAF-Sympathisanten die linksextremistische Szene eher gestärkt als geschwächt. Das Problem ist, dass die Salafisten durch die selbst erzeugte Gewalt und Angst ihre Kraft beziehen. Urlauber bleiben weg, dadurch steigt die Arbeitslosigkeit und Unzufriedenheit, und man hat wieder mehr potentielle Anhänger, mit denen man mehr Unfrieden stiften kann usw. Das Modell Ägypten ist doch in der derzeitigen Situation ein geradezu idealer Nährboden für Radikalismus. In Syrien, Libyen und im Irak zeigt sich, wie wirkungslos der Einsatz massiver Gewalt gegen radikale Splittergruppen ist, in Afghanistan hat die NATO diesen Kampf bereits verloren. Mag sein, dass die Ennahda zu lasch und zu zögerlich ist und die Salafisten nicht nachdrücklich bekämpfen mag, aber die Alternativmodelle lassen auch nicht gerade viel Hoffnung aufkommen. Von Bürgerkrieg und Gewalt profitieren die Extremisten ja. In Syrien und Irak sind sie mittlerweile die treibende Kraft, im Libanon regieren sie das Land. Das Modell "Panzer gegen Terror" ist auf ganzer Linie gescheitert. Wer hat eine zündende Idee, wie man gegen dieses Problem wirkungsvoll vorgehen kann?
3. SPON verwirrt mich
warumeigentlich 31.07.2013
Dann ist die Nahda also vorbildliche demokratische Partei, die die abtrünnigen Salafisten bekehren will. Aha, Warum protestiert dann die "Oberschicht" gegen diese Partei? Die bösen Salafisten, sind gleichzeitig die guten "Freiheitskämpfer" in Syrien. Je nach dem wer bei SPON die Artikel schreibt. Die Muslimbrüder aus Ägypten waren böse, jetzt hat das Militär diese Rolle übernommen. Hier scheint doch auch die "gebildete Schicht" sich gegen die Analphabeten durchgesetzt zu haben. Das ist doch auch im unseren europäischen Sinne, und was macht Ashton? Und alles hat auch noch zu tun mit dem Islam (das nur am Rande), welchen jeder Esel auslegen kann wie er will. Ah, der schöne arabische Frühling. Das einzige was sicher ist, dass er die Tore nach Europa geöffnet hat.
4.
harmlos01 31.07.2013
[QUOTEMag sein, dass die Ennahda zu lasch und zu zögerlich ist und die Salafisten nicht nachdrücklich bekämpfen mag, aber die Alternativmodelle lassen auch nicht gerade viel Hoffnung aufkommen. Von Bürgerkrieg und Gewalt profitieren die Extremisten ja. In Syrien und Irak sind sie mittlerweile die treibende Kraft, im Libanon regieren sie das Land. Das Modell "Panzer gegen Terror" ist auf ganzer Linie gescheitert. Wer hat eine zündende Idee, wie man gegen dieses Problem wirkungsvoll vorgehen kann?[/QUOTE] Ich stimme zu, dass diesen Extremisten mit Gewalt nicht beizukommen ist. Nach meiner Meinung taugen zwei Wege: 1: die moderaten Muslime, die immer noch in der Mehrheit sind müssen endlich aufbegehren. Solange die Mehrheit still bleibt werden die Extremen vielleicht sogar stillschwiegen als die "Aufrichtigeren" bewundert. Erst wenn die Mehrheit den Druck erhöht kann das Problem eingedämmt werden. 2: Die Salafisten werden mit saudischem Geld ausgebildet und verschickt. Druck auf SA und Quatar diese Praxis einzudämmen ist wirkungsvoller, als die durch diese Imame aufgehtzten Massen wieder einzufangen. Desweiteren hilft vielleicht nur, dass die Islamisten sich durch Sceitern entlarfen. Und das Scheitern ist zwangsläufig, wenn der Fremdenverkehr und die ausländischen Investoren wegbrechen. Dann merken diese Länder, dass die Islamisten kein Rezept für die Probleme unserer Zeit haben.
5. SpOn und seine Sprachstümper...
prüderiegegner 31.07.2013
Zitat von sysopHerr Arfawis weicher Kurs gegen Extremisten
Der hier zur Anwendung gelangende Genitiv verlangt die Deklination des Substantives "Herr" zu "Herrn" ("des Herrn" - nicht etwa "des Herr"!). Bereits in der Überschrift demonstrieren heutzutage manche SpOn-Schreiberlinge ihre Stümperhaftigkeit hinsichtlich der eigenen Muttersprache. Die korrigierte Überschrift lautet: "Herrn Arfawis weicher Kurs gegen Extremisten". Bitte um sofortige Korrektur wegen akuter Augenkrebsgefahr!
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Tunesien und Ägypten: Kampf zwischen Islamisten und Säkularen

Fläche: 164.000 km²

Bevölkerung: 10,374 Mio.

Hauptstadt: Tunis

Staatsoberhaupt:
Moncef Marzouki

Regierungschef: Mehdi Jomaa

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