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Gewalteskalation: "Unsere Kinder himmeln keine Pop-Stars an, sondern Killer"

Von Ulrike Putz, Gaza-Stadt

Jahrzehntelang haben Palästinenser gegen Israelis gekämpft, jetzt töten sie sich gegenseitig. Auf die Psyche der Menschen hat das verheerende Auswirkungen, sagt Ijad al-Sarradsch im Interview: In Gaza leiden viele an Phobien, trauen sich nicht mehr auf die Straßen, Kinder werden zu Bettnässern.

SPIEGEL ONLINE: Die Bilder, die wir von den jüngsten Kämpfen in Gaza gesehen haben, waren extrem brutal: Ein Wehrloser wurde von einem Hochhaus geworfen, unbewaffnete per Kopfschuss hingerichtet. Palästinenser schlachteten Palästinenser ab. Woher kommt diese Grausamkeit?

Ijad al-Sarradsch: "Keiner darf sich als Sieger fühlen, der Kampf kann also nicht vorbei sein"

Ijad al-Sarradsch: "Keiner darf sich als Sieger fühlen, der Kampf kann also nicht vorbei sein"

Ijad al-Sarradsch: Die Menschen hier haben seit der Eroberung des Gazastreifens im Sechstage-Krieg 1967 eine endlose Kette von Traumata erlebt, die sie brutalisiert haben. Die Entwicklung in der Gewaltbereitschaft kann man ganz deutlich ablesen. Dieselben Kinder, die in der ersten Intifada von 1987 bis 1993 Steine warfen, haben sich in der zweiten Intifada ab 2000 als Selbstmordattentäter gemeldet.

SPIEGEL ONLINE: Was ist in den Jahren zwischen den beiden Aufständen geschehen, was zu so einer Eskalation führen konnte?

Sarradsch: Während der ersten Intifada haben wir eine Studie an 3000 Kindern durchgeführt. Dabei stellte sich heraus, dass der Verlust der Vaterfigur eins der einschneidensten Erlebnisse für diese Kinder war. Fast alle mussten mit ansehen, wie ihr Vater – in der arabischen Familie eine unantastbare Figur der Stärke – von israelischen Soldaten, die halb so alt waren wie er, gedemütigt oder misshandelt wurden.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben die Kinder das verarbeitet?

Sarradsch: Gar nicht. Sie haben ihre Identifikationsfigur gewechselt, den israelischen Soldaten als Idol angenommen. Bei dem berühmten Kinderspiel Araber gegen Juden wollten plötzlich alle die Juden sein – weil die mächtig sind und das Sagen haben. Das hat sich erst vor fünf, sechs Jahren geändert. Während der zweiten Intifada ab 2000 war es dann verpönt, im Spiel die Rolle des Israelis zu übernehmen. Der Miliz-Kämpfer trat auf den Plan, mit Sturmmaske und Spielzeug-Kalaschnikow. Kinder in Gaza himmeln keine Pop-Stars oder Sportler an. Ihre Helden sind Kämpfer, Killer.

SPIEGEL ONLINE: Jahrzehntelang haben die Palästinenser gegen Israel gekämpft, nun wenden sie sich gegeneinander. Warum?

Sarradsch: Weil der gemeinsame Feind abhanden gekommen ist. Seit dem Rückzug der Israelis aus dem Gaza-Streifen vor knapp drei Jahren fehlt der soziale Kitt des gemeinsamen Feindes. Die Lage in Gaza ist seit dem Rückzug ganz klar schlechter geworden, keiner darf sich als Sieger fühlen, der Kampf kann also nicht vorbei sein. Ein neuer Feind muss her, und den fanden die verschiedenen Gruppen entlang des politischen Grabens, der die Gesellschaft spaltet. Die Fatah in der Hamas und umgekehrt.

SPIEGEL ONLINE: Was für Auswirkungen hat solch ein Bruderkrieg auf eine Gesellschaft?

Sarradsch: Solche Ereignisse sind extrem schmerzhaft, sie schaffen sehr viel Hass und Rachegelüste. Lang anhaltende Gewalt führt zu einem Phänomen, das wir Psychiater chronische soziale Vergiftung nennen. Die Menschen werden weniger sensibel und rational, dafür impulsiver und hemmungslos. Neue Gruppen außerhalb des Familiengefüges bilden sich, reißen Macht an sich und laufen aus dem Ruder. Sie werden zu unantastbaren Herren über Leben und Tod, das zieht viele an, die anderswo keine Chance haben.

SPIEGEL ONLINE: Das sind Prinzipien, die überall auf der Welt auf Gangs oder Mafia-Familien zutreffen. Funktionieren die islamistischen Gruppen im Gaza-Streifen genau so?

Sarradsch: Die islamistischen Gruppen im Gaza-Streifen sind einen Art Vater mit dem heiligen Buch in der Hand. Jeder kann Fatah-Mitglied werden, aber um der Hamas beizutreten, muss man ein neuer Mensch werden. Das ist ein Prozess, der Jahre dauert, mit Prüfungen und Initiationsriten, bis man einen neue Identität angenommen hat. Strikte Disziplin schafft endlose Loyalität. Das ist der erste Schritt dazu, ein Selbstmordattentäter zu werden.

SPIEGEL ONLINE: Anhaltendes Trauma schafft Gewaltbereitschaft. Lässt sich das auch auf Israel anwenden?

Sarradsch: Sicher. Israel gilt als das beste Beispiel dafür, dass sich ein Volk mit dem Aggressor identifiziert und dessen Machtposition einnehmen möchte. Der Effekt des Holocausts auf die jüdische Gesellschaft war unendlich dramatisch und wurde nie richtig aufgearbeitet. Daraus ist eine echte klinische Paranoia entstanden: "Töte deine Feinde bevor sie dich töten". Leider zahlen wir Palästinenser den Preis dafür.

SPIEGEL ONLINE: Die Bevölkerung im Gaza-Streifen ist schlimmes gewöhnt. Wird sie sich rasch von den jüngsten Kämpfen erholen?

Sarradsch: Ich fürchte Nein. Diese Zusammenstöße, die Brutalität, mit der sie sich gegenseitig abgeschlachtet haben, das hat ein länger anhaltendes Trauma geschaffen. Die Schäden an der geistigen Gesundheit der Menschen werden immer schlimmer, wir kommen nicht mehr dagegen an. Nehmen sie wieder die Kinder: Wenn die Israelis einen Mann töten oder ein Haus zerstören, kann man den Kindern das recht leicht erklären. Aber warum ein Nachbar den anderen umbringt, begreifen Kinder nicht. Das quält sie.

SPIEGEL ONLINE: Wie drückt sich diese Qual aus?

Sarradsch: Nach jedem blutigen Ereignis dauert es ein, zwei Wochen, dann erkennen die Leute, dass sie ein ernstes Problem haben und kommen zu uns in die Gesundheitszentren. Der große Ansturm steht uns also noch bevor. Aber es hat schon angefangen: Kinder entwickeln sich zurück, nässen wieder ins Bett. Derzeit haben viele Leute, Kinder wie Erwachsene eine Phobie davor, auf die Straße zu gehen. Sie leiden unter Panikattacken und Aggressionsschüben. Einige werden da nicht drüber hinweg kommen.

Das Interview führte Ulrike Putz

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