Gewaltexzess in Kairo: Christen und Muslime gehen aufeinander los

Ägyptens Diktator ist gestürzt, doch religiöse Konflikte arten erneut in Gewalt aus. In der Nacht zum Sonntag sind in Kairo Muslime und Christen aufeinander losgegangen, es fielen Schüsse, eine Kirche geriet in Brand. Inzwischen stieg die Zahl der Opfer auf zehn.

Gewalt in Ägypten: Christen gegen Muslime Fotos
DPA

Kairo - Intoleranz, religiöser Fanatismus, gepaart mit Überheblichkeit und Gewaltbereitschaft - diese Melange nährt die Spannungen zwischen Christen und Muslimen in Ägypten schon seit langem. Doch seit dem Sturz des langjährigen Präsidenten Husni Mubarak nehmen die handfesten Auseinandersetzungen immer mehr zu. Manchmal genügt schon ein Gerücht, um die Gewalt zu entfachen.

Am Samstag trieb die Menschen die Nachricht auf die Straße, dass eine koptische Christin einen Muslim geheiratet habe und nun gegen ihren Willen in Sankt Mina im Arbeiterviertel Imbaba im Nordosten der ägyptischen Hauptstadt festgehalten würde. Augenzeugenberichten zufolge strömten deshalb Hunderte Muslime vor die Kirche und forderten die Freilassung der Frau.

Das Gotteshaus wurde von einer Menge Kopten geschützt. Es fielen Schüsse. Den Berichten zufolge soll auch von Hausdächern aus geschossen worden sein. Islamisten warfen Brandbomben auf die Kirche, deren Fassade in Brand geriet. Die Gewalt griff auch auf umliegende Straßen über, Wohnhäuser in der Nähe der Kirche gerieten laut Augenzeugen ebenfalls in Brand. Die Menge rief Parolen wie "Mit unseren Seelen und unserem Blut verteidigen wir dich, Islam".

Gegenseitige Beschuldigungen

Nur mit Mühe konnten Streitkräfte und Polizei der Gewalt Einhalt gebieten. Soldaten blockierten mit gepanzerten Fahrzeugen den Zugang zur Kirche und schossen in die Luft, um die beiden Parteien auseinanderzuhalten, wie ein Reporter der Nachrichtenagentur AFP berichtete. Die beiden Gruppen warfen Steine aufeinander. Christen beschuldigten die Soldaten, sie nicht ausreichend zu beschützen. Später gingen Sondereinsatzkräfte vor der Kirche in Stellung. Berichten zufolge sollen mindestens neun Menschen ums Leben gekommen sein. Am Sonntagnachmittag später korrigierte der staatliche Rundfunk die Zahl der Opfer auf zehn nach oben. 186 weitere seien verletzt worden.

Pater Hermina, ein Vertreter der Gemeinde von Sankt Mina, sagte der AFP, fünf der Toten seien Kopten, die von "Schlägern und Salafisten" erschossen worden seien. In der Kirche war eine von einem Tuch bedeckte Leiche aufgebahrt, auf dem Boden waren Blutflecken zu sehen. Die Verletzten seien mit Brüchen und Schusswunden in vier Krankenhäuser eingeliefert worden, erklärten die Rettungskräfte. Angaben zu der Konfession der Opfer machten sie nicht.

Nach Angaben der Sicherheitskräfte griffen Schläger am Abend auch die ebenfalls in dem Viertel gelegene Kirche der Jungfrau Maria an und setzten diese in Brand. An einer der Absperrungen machten Muslime die Christen für die Gewalteskalation verantwortlich. "Sie eröffneten das Feuer auf uns, wir waren friedlich", sagte ein Muslim.

Armeegeneral warnt Gewalttäter

Der ägyptische Mufti Ali Gomaa verurteilte die Zusammenstöße. Sie könnten nicht von "gläubigen Menschen, die ihre Religion verstehen, ob Muslime oder Christen" verursacht worden sein, sagte der vom Staat ernannte oberste Geistliche des Landes der Nachrichtenagentur Mena. Ein General sagte im Fernsehsender ON-TV, die Armee werde nicht zulassen, dass eine Gruppe ihre Hegemonie in Ägypten durchsetze. Jeder am Ort der Zusammenstöße könne verhaftet werden, warnte er.

Die Kopten sind mit sechs bis zehn Prozent der 80 Millionen Ägypter die größte religiöse Minderheit in dem nordafrikanischen Land. Ehen zwischen Angehörigen der muslimischen Mehrheit und der koptischen Minderheit sind tabu. Heiratet eine Christin einen Muslim, wird sie aus der Kirche ausgeschlossen. Eine Muslimin darf laut Gesetz keinen Christen heiraten. Weil Ehescheidungen in der Koptischen Kirche weitgehend verboten sind, versuchen manche trennungswilligen Frauen, als Ausweg aus ihrer Ehe zu konvertieren. Seit Monaten sorgen Gerüchte über konversionswillige Kopten für Spannungen zwischen den Religionsgemeinschaften. Besonders Berichte über die Ehefrauen von zwei koptischen Priestern, die angeblich gegen ihren Willen festgehalten wurden, weil sie zum Islam übertreten wollten, sorgten für Streit.

Zwischen Muslimen und Christen ist es in Ägypten in den vergangenen Monaten immer wieder zu Gewalttaten gekommen. In der Silvesternacht kostete ein Bombenanschlag auf eine koptische Kirche in Alexandria mehr als 20 Menschen das Leben. Viele Kopten fühlen sich von der muslimischen Bevölkerungsmehrheit benachteiligt.

mik/AFP/dapd

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insgesamt 208 Beiträge
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1. Versteh ich nicht...
p.adomat 08.05.2011
"Am Samstag trieb die Menschen die Nachricht auf die Straße, dass eine koptische Christin einen Muslim geheiratet habe und nun gegen ihren Willen in Sankt Mina im Arbeiterviertel Imbaba im Nordosten der ägyptischen Hauptstadt festgehalten würde. Augenzeugenberichten zufolge strömten deshalb Hunderte Muslime vor die Kirche und forderten die Freilassung der Frau." ==> Ich finde es überraschend, dass die Muslime die Freilassung der Frau fordern. Ist doch eine hilfsbereite Geste könnte man meinen. Sollte es aber ein Formulierungsfehler sein a la: Muslimin wird von einem koptischen Christen geheiratet und festgehalten, dann sieht das ja schon wieder "verständlich" aus. Quasi wird ein Ex-Muslim festgehalten, muss Wiener-Schweinewürstchen essen und ein Kreuz um den Hals tragen. FAZIT: Leute, Leute, über was kann man sich alles aufregen??? Wie im Mittelalter!!!
2. Nicht ganz
kundennummer 08.05.2011
Zitat von sysopÄgyptens*Diktator ist gestürzt, doch religiöse Konflikte arten erneut in Gewalt aus. In der Nacht zum Sonntag sind in Kairo Muslime und Christen*aufeinander losgegangen, es fielen Schüsse, eine Kirche geriet in Brand. Neun Menschen kamen ums Leben. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,761284,00.html
Wäre der SPON bereit ENDLICH zur Kenntnis zu nehmen daß in Ägypten "die Diktatur" nicht gestürzt ist sondern fester im Sattel sitzt als vorher? Es hat sich NICHTS zum besseren gewandelt sondern zum schlechteren, genausowenig fand eine Neubesetzung der Schaltstellen der Macht statt. Es regiert der Geheimdienstchef Mubaraks, der Mann welcher für dessen Regime die DRECKSARBEIT erledigt hat und jetzt auf eigene Rechnung handelt.
3. Daumen drücken für die jungen gemässigten Kräfte
mehrlicht 08.05.2011
Eine interessante Einschätzung fand ich auf der christlichen Menschenrechtsorganisation CSI. "Die ägyptischen Kopten gehören zu den ältesten Christengemeinden der Welt. Der Apostel Markus gründete 10 Jahre nach Christi Auferstehung eine Kirche in Alexandria. Heute aber ziehen viele ägyptische Christen in Erwägung, das Land zu verlassen. Sie fürchten, dass radikale Islamisten die demokratische Revolution für ihre Zwecke nützen wollen. Der Sturz von Präsident Hosni Mubarak erweckte in den lang unterdrückten Menschen Hoffnung. Kopten protestierten gemeinsam mit Muslimen auf dem Tahrir-Platz, aber die erträumte Freiheit hat sich für sie noch nicht bewahrheitet, im Gegenteil, seit dem Abgang Mubaraks haben sich Angriffe auf Kopten vermehrt. Obwohl Kopten mehr als 1000 Jahre lang in Ägypten die Bevölkerungsmehrheit bildeten, fühlen sie sich nicht gleichbehandelt. Heute machen Christen nur 13 Prozent der Bevölkerung aus, während 86 der Ägypter muslimisch sind. Christen erhalten nur selten die Bewilligung der Regierung zum Bau neuer Kirchen. Ein Mitglied der Kirchengemeinde in Gizeh erzählte einem Reporter, dass ihnen erst nach einem 10-jährigen Kampf die Erlaubnis erteilt wurde. Als die Kirche dann halb fertig war, wurde sie von der Polizei belagert, und es gab zwei Tote und 20 Verletzte. Die Moslembruderschaft, derzeit stärkste politische Gruppe in Ägypten, plant als Basis für die ägyptische Gesellschaft das islamische Scharia-Gesetz. Sie stellt sich auch gegen demokratische Veränderungen der Verfassung, die für Gleichberechtigung sorgen und christlichen wie auch muslimischen Frauen ein Anrecht auf die Präsidentschaft geben würden. Der ägyptische Menschenrechtsaktivist Monir Bishara verbringt viel Zeit auf Facebook und tauscht sich mit jungen Leuten aus. Er fand heraus, dass viele Ägypter religiös sind, aber ein theokratisches Regime wie im Iran nicht unterstützen werden. „Die Moslembruderschaft spricht über Demokratie, aber innerhalb….wenn sie die Macht übernehmen, werden es die letzten freien Wahlen sein und eine neue Diktatur beginnen“, erklärte Bishara. Paul Marshall vom bekannten U.S. Hudson Institute bezeichnet die Vereinten Nationen und das U.S. Außenministerium als naiv und übermäßig optimistisch. „Sie sagen, dass die junge Generation der Bruderschaft viel offener sein wird“, sagte er. „Das ist sicher wahr, aber die 23-Jährigen haben in der Bruderschaft eben keine Führungsposition. Quelle CSI Deutschland
4. Ist doch normal das Kirchen brennen
VorwaertsImmer 08.05.2011
Überall auf der Welt gibt es Christenverfolgung und Kirchen brennen regelmässig. Was wird darüber schon berichtet? So etwas darf in Deutschland nicht diskutiert werden. Wohl aber wird darüber diskutiert, ob es richtig oder falsch ist sich über den Tod eine Top-Terroristen zu freuen....
5. Verkehrte Welt
joels 08.05.2011
Zitat von sysopÄgyptens*Diktator ist gestürzt, doch religiöse Konflikte arten erneut in Gewalt aus. In der Nacht zum Sonntag sind in Kairo Muslime und Christen*aufeinander losgegangen, es fielen Schüsse, eine Kirche geriet in Brand. Neun Menschen kamen ums Leben. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,761284,00.html
So wie es im Artikel beschrieben ist, muessten die "Belagerer" eigentlich die "Verteidiger" sein, und umgekehrt. Aber auch die beschriebene Konstellation wuerde mich nicht mehr wundern. Wer heiratet erst eine andersglaeubige Frau, und sperrt sie dann in ihrer "eigenen" Kirche ein ?
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Ägyptens Opposition
Muslimbruderschaft
Die konservative Bewegung wird von einem Kollektiv aus Gelehrten angeführt. Neben anderen tritt der 66-jährige Mohammed Badie häufig als Sprecher auf. Die Muslimbruderschaft ist die größte Oppositionsgruppe. Um Repressalien der Regierung zu vermeiden, hält sich die Bruderschaft in der Öffentlichkeit mit politischen Forderungen zurück. Die Regierung hat die Bewegung zwar offiziell verboten, erlaubt ihr aber begrenzte Aktivitäten.
Mohamed ElBaradei
Der frühere Chef der Uno-Atombehörde IAEA steht an der Spitze einer "Nationalen Koalition für den Wandel", der sich auch kleinere Gruppen angeschlossen haben. Der 68-jährige Jurist fordert ein Ende des autoritären Mubarak-Regimes. Der Friedensnobelpreisträger von 2005 bietet sich für eine Übergangsregierung an. Viele Oppositionelle kritisieren, dass ElBaradei die vergangenen Monate zu großen Teilen im Ausland verbracht hat.
Wafd-Partei
Die Partei gilt traditionell als Bastion der liberalen Demokraten im Land. Doch ihr wird vorgeworfen, in den vergangenen Jahren mit Mubaraks Regierung gemeinsame Sache gemacht zu haben. Wafd heißt übersetzt "Delegation". Zu ihren Anhängern zählen vor allem die koptischen Christen.

Tagammu-Partei
Tagammu heißt übersetzt "Sammlung". Die linksgerichtete Partei spielt eine ähnliche Rolle wie die Wafd-Partei. Sozialisten, Kommunisten und Nasseristen - Anhänger des arabischen Volkshelden Gamal Abdelnasser, der in den fünfziger und fechziger Jahren eine Art arabischen Sozialismus propagierte - sie alle finden sich in der Tagammu-Partei. Die verschiedenen Strömungen galten als zerstritten.
Bewegung 6. April
Diese Gruppe gilt als Sammelbecken der aufständischen Jugend. (Quelle: Reuters)
Kefaja
Die Kefaja-Bewegung wurde 2004 von Gewerkschaftschef George Ischak gegründet. Sie spricht insbesondere Geschäftsleute der Mittelklasse an und trat im Jahr 2005 bei Protesten gegen Mubaraks Herrschaft in Erscheinung.
Al-Ghad-Partei
Fast bedeutungslos ist die liberale Bewegung Al-Ghad-Partei (übersetzt: Morgengrauen) des Rechtsanwalts Aymar Nour. Er hatte Präsident Husni Mubarak 2005 medienwirksam herausgefordert und wanderte dafür anschließend für vier Jahre ins Gefängnis.

Fläche: 1.002.000 km²

Bevölkerung: 81,121 Mio.

Hauptstadt: Kairo

Staatsoberhaupt:
Adli Mansur (interimistisch)

Regierungschef: Ibrahim Mahlab

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