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Gewaltsame Proteste: Tote bei schweren Unruhen in Tunis

Aus Tunis berichtet

In Tunesien begannen die Aufstände im Nahen Osten, jetzt kehrt der gewaltsame Protest in das Land zurück: Schwere Unruhen erschüttern die Hauptstadt Tunis - bei Zusammenstößen zwischen Aufständischen und Sicherheitskräften hat es mehrere Tote gegeben.

Tunis: Die Gewalt ist zurück Fotos
SPIEGEL ONLINE

In Tunis ist das Chaos zurück. Der gesamte Hauptboulevard der tunesischen Hauptstadt ist am Samstagnachmittag mit Tränengas eingenebelt, am Eingang zur Altstadt sind von allen Seiten dumpfer Kampflärm, Schüsse und Gejohle zu hören. Auf der Straße brennen Feuer. Mit Schals vermummte Jugendliche wühlen in den Seitenstraßen im Müll - auf der Suche nach Wurfgeschossen. Geschäfte werden verwüstet und geplündert. Verletzte werden davongetragen. Es sind Szenen, die an die Tage vor dem 14. Januar erinnern, bevor der verhasste Diktator Ben Ali fliehen musste.

Am Ende nimmt die brutale Schlacht in den Straßen von Tunis einen tödlichen Ausgang: Drei Demonstranten kamen nach Angaben des Innenministeriums ums Leben, neun weitere seien schwer verletzt worden. Gerüchteweise ist in Tunis von noch mehr Toten die Rede.

Tausende Jugendliche waren am Samstag - wie schon in der Nacht davor - in der Innenstadt von Tunis in massive Straßenkämpfe mit Spezialkräften verwickelt. Die Protestierenden warfen große Steine und Flaschen in Richtung der Sicherheitskräfte vor dem Innenministerium, rannten in Gruppen vor und zurück. Die meisten Demonstranten waren nicht älter als 20, auch eine große Zahl junger Frauen war darunter. Dauernd stieg Tränengas auf und hüllt ganze Straßenzüge ein. Polizisten und Maskierte machten in den Straßen mit Schlagstöcken Jagd auf Demonstranten. Dennoch ließen sich die Jugendlichen nicht vertreiben.

Gegen Abend kam die Nationalgarde zum Einsatz. Fast ununterbrochen waren in der Innenstadt während mehr als einer Stunde die Feuersalven automatischer Waffen zu hören. Die Gardisten schossen in die Luft, aber nach Berichten von Augenzeugen am Ende offenbar auch auf Demonstranten. Am späteren Abend kehrte zwar Ruhe ein auf den Straßen, dafür beherrschten nun Plünderer die Innenstadt. Sie waren in Gruppen unterwegs und mit Stöcken bewaffnet, sie brachen Läden in den zentralen Einkaufsstraßen der Innenstadt auf und räumten sie aus - Sportgeschäfte, Mobilfunkläden, vor einem Elektronikgeschäft fuhren sie mit einem Lastwagen vor und ließen nichts zurück. Es war ein apokalyptischer Anblick. Polizei war kaum zu sehen. Die Behörden haben aber nun wieder eine nächtliche Ausgangssperre verhängt und Ansammlungen von mehr als drei Personen auf dem Boulevard Habib Bourguiba verboten. Mitten in der Hauptstadt formierten sich Bürgerwehren.

Es ist eine dramatische Wende. Nachdem Tunesien in den sechs Wochen seit der Revolution einigermaßen stabil erschienen war, ist die Zukunft des Landes jetzt mit einem Mal wieder ungewiss. Der plötzliche Ausbruch der Gewalt hat Tunis unerwartet heimgesucht. Zwar hatte es von Anfang an dauernd Demonstrationen gegen die Übergangsregierung von Premierminister Mohammed Ghannouchi gegeben, doch es waren fast immer ist friedliche, oft sogar ausgelassene Protestaktionen. Die Unzufriedenheit mit der Ghannouchi-Regierung ist weit verbreitet, denn der Premierminister hatte selbst elf Jahre lang unter Ben Ali gedient. Und er hat es bisher nicht geschafft, der Bevölkerung glaubhaft zu versichern, dass er wirkliche Reformen will.

Die Regierung wollte Wahlen veranstalten, aber frühestens im Juli, eine Kommission ist mit politischen Reformen beschäftigt, auch mit der Aufarbeitung der Vergangenheit ist zögerlich begonnen worden. Das ging vielen Bürgern nicht schnell genug. Sie sind der Ansicht, dass immer noch die gleiche Clique an der Macht sei - und sich für sie nicht viel geändert habe. Seit vergangenem Sonntag demonstrierten und campierten deswegen Tausende vor dem Sitz des Premierministers in der Kasbah von Tunis. Es ist ein sogenanntes Sit-in wie vor dem Abgang Ben Alis. Die Ziele der Protestierenden lauten:

  • Rücktritt der Regierung
  • eine neue Verfassung
  • sofortige Parlamentswahlen

Am Freitag nahmen bis zu 100.000 Menschen an dem friedlichen Protest teil. Doch danach kippte die Stimmung in Tunis. Tausende Jugendliche zogen vor das verhasste Innenministerium in der Avenue Habib Bourguiba. Dort versuchten sie sich gewaltsam Einlass zu verschaffen. Zu Beginn ging es noch karnevalesk zu. Doch dann entzündeten einige Demonstranten mit Hilfe brennbarer Flüssigkeiten große Feuer auf dem Boulevard.

SPIEGEL-Autor Mathieu von Rohr filmte die Feierlaune der Demonstranten auf der Avenue Habib Bourguiba in Tunis. Kurz danach schlug die gute Stimmung in Aggressivität um.


Die Armee begann, mit automatischen Waffen in die Luft zu feuern - zunächst vereinzelt, schließlich fast unterbrochen. Drei Stunden lang spielten sich in der Innenstadt Szenen ab fast wie im Krieg. Die Spezialkräfte der Polizei zogen durch Straßen, ihnen flogen Wurfgeschosse entgegen, das alles untermalt mit ständigem Schlachtgeheul der jugendlichen Demonstranten. Einige von ihnen begannen, die Auslagen von Geschäften und das Mobiliar von Cafés zu zerstören. Bei den Auseinandersetzungen wurde offenbar mindestens ein Demonstrant von einer Kugel verletzt.

Es ist eine unerwartete Entwicklung, und der Grund für die plötzliche Eskalation ist nicht eindeutig zu benennen. Es befinden sich wegen des Sit-ins beim Premierminister auch viele Jugendliche in der Stadt, die aus vernachlässigten Regionen wie Kasserine und Thala stammen. Auch aus Sidi Bouzid sind sie gekommen, wo die Rebellion am 17. Dezember ihren Anfang genommen hatte, nachdem der Gemüsehändler Mohammed Bouazizi sich aus Protest gegen Erniedrigung und Willkür selbst in Brand setzte.

In diesen Regionen war es schon in den vergangenen Wochen immer wieder zu schweren Zusammenstößen gekommen. Polizeiwachen wurden in Brand gesetzt. Offenbar aus Frust. Das bekommt man mit, wenn man mit Tunesiern aus diesen Gebieten spricht, die sich zur Zeit in Tunis aufhalten. Sie erzählen, dass sich in ihrer Heimat überhaupt nichts geändert habe: Noch immer seien die gleichen korrupten Geschäftsleute und Politiker an der Macht. Noch immer beuteten sie die Leute aus.

Es gibt aber auch ganz andere Stimmen. Manche Tunesier glauben, es stecke eine Verschwörung von Polizei und Geheimdienst dahinter. Sie dienten den alten Mächten und wollten die Entwicklung umkehren, indem sie Gewalt provozierten. Viele Bürger glauben, dass der gewalttätige Teil der Demonstranten von jemandem angestiftet wurde. "Das passiert nicht einfach so von heute auf morgen, dass die Jugendlichen gewalttätig werden und Geschäfte zerstören. Selbst wenn sie eine andere Regierung wollen. Ich bin mir sicher: Die haben von jemandem Geld bekommen", sagt ein Mann, der am Eingang zur Altstadt steht und fassungslos das Geschehen betrachtet.

Dann bringt er eine andere Theorie ins Spiel, die man auch oft hören kann seit Freitag: Es sei der Chef der Armee, General Rachid Ammar, der die Unruhe inszeniere und am Ende als Retter der Nation die Macht ergreifen wolle. "Dann wird er Präsident, und wir haben ein Militärregime, das härter regiert als alles zuvor."

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1. Chaos
spiegelmaus 26.02.2011
Die Proteste haben nicht die Erneuerung des Staates Tunesien, die Verbesserung der Infrastruktur, die Einführung demokratischerer Regeln zum Ziel, sondern sie werden genährt vom Ärger frustrierter Jugendlicher, die gerne den ganzen technischen Krimskrams und dieselben Klamotten wie wir hätten, weil sie im Internet detailgenau sehen, was es alles für schöne Sachen gibt, aber leider fehlt das Geld dafür. Ein Staat wie Tunesien könnte einen europäischen Standard aber nur erreichen, wenn es einen Plan gäbe, an dem viele Menschen uneigennützig mitwirkten, am besten von einer demokratischen Partei getragen, und dann müssten alle mit größter Disziplin 40 oder 50 Jahre lang Schritt für Schritt das Land aufbauen. Und während dieser Zeit müssten Ex- und vor allem Importe radikal beschränkt werden, damit man ein Maximum selbst produziert. So ein bisschen von Deutschland nach dem Krieg bräuchte das Land als Vorbild.
2. Armutsrevolte und keine "Sehnsucht" nach Demokratie
FryingPan 26.02.2011
Zu viele junge Männer und zu wenig Arbeit. Fehlende Perspektiven und anhaltende Armut werden diese, zu allem bereite Menschen dazu zwingen, sich auf den Weg ins vermeintlich “Gelobte Land” Europa zu machen. Jeder, der jetzt der Meinung ist, dass islamisch geprägte Länder sich in lupenreine Demokratien verwandeln werden, irrt. Nicht der Wunsch nach politischer Freiheit war der Auslöser der Volkserhebungen, sondern die Tatsache, dass die materiellen Verheißungen des Westens, die über den Weg des Internets auch in die letzten Dörfer Einzug gehalten haben, von den Herrschenden nicht befriedigt werden konnten.
3. ...
schopenstreichler 26.02.2011
Zitat von spiegelmausDie Proteste haben nicht die Erneuerung des Staates Tunesien, die Verbesserung der Infrastruktur, die Einführung demokratischerer Regeln zum Ziel, sondern sie werden genährt vom Ärger frustrierter Jugendlicher, die gerne den ganzen technischen Krimskrams und dieselben Klamotten wie wir hätten, weil sie im Internet detailgenau sehen, was es alles für schöne Sachen gibt, aber leider fehlt das Geld dafür. Ein Staat wie Tunesien könnte einen europäischen Standard aber nur erreichen, wenn es einen Plan gäbe, an dem viele Menschen uneigennützig mitwirkten, am besten von einer demokratischen Partei getragen, und dann müssten alle mit größter Disziplin 40 oder 50 Jahre lang Schritt für Schritt das Land aufbauen. Und während dieser Zeit müssten Ex- und vor allem Importe radikal beschränkt werden, damit man ein Maximum selbst produziert. So ein bisschen von Deutschland nach dem Krieg bräuchte das Land als Vorbild.
Ja, wir Deutsche haben 70 Jahre lang hart gearbeitet für den elektronischen Krimskrams den wir uns heute kaufen können. Wir sollten den jungen Ägyptern Mut machen, der Weg ist zwar steinig aber der Lohn (Unterhaltungselektronik, dicke Autos, Urlaubs-Fernreisen etc.) ist entsprechend! .
4. .
atomkraftwerk, 26.02.2011
Als ich das vor ein paar Wochen prophezeite, daß da unten so schnell keine Ruhe eintritt und die Gefahr von Bürgerkrieg und Chaos rasant wächst wurde ich von den Demokratische-Revolution-ist-gut-ohne-Rücksicht-auf-Verluste-Gutmenschen hier verlacht.
5. Es geht um Demokratie, nicht um Staatspräsidenten!
mardas 26.02.2011
Ehrlich gesagt stimmt es doch. In Tunesien hat sich seit fast einem Monat rein gar nichts mehr geändert. Man muss endlich mal wieder Druck machen, damit endlich Reformen losgetreten werden und nicht einfach nur der "Regierungssprecher" wechselt. Nichtsdestotrotz ist es gefährlich, wenn wieder Gewalt ins Spiel kommt. Eine extrem unübersichtliche Lage ist das. Und was mich am meisten stört: Während der Unruhen ist überall Berichterstattung. Nur gegenüber dem Ziel, nämlich Reformen und demokratische Erneuerung, interessieren sich die Medien nicht. Und da haben sie versagt, weil kaum jemand mitbekam, welche Reformen nun tatsächlich angetreten wurden. Dasselbe ist doch in Ägypten zu beobachten, die Menschen werden immer unzufriedener und nichts ändert sich. Es geht hier nicht um einen Wechsel des Staatsoberhaupts, doch genau das scheint bisher das Einzige gewesen zu sein, was passiert ist. Und wenn man nicht endlich mal mehr Druck auf die Regierungen ausübt, dass endlich mehr Reformen angestoßen werden, kann da nichts passieren.
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