Gewaltwelle Mehr als 200 Tote bei Anschlagsserie und Kämpfen im Irak

Mindestens 200 Tote, genauso viele 200 Verletzte - das ist die blutige Bilanz der verheerendsten Anschlagsserie im Irak seit Monaten. Attentäter zündeten nahezu zeitgleich vier Autobomben in einem Wohngebiet der Stadt Kahatanija. Bei weiteren Anschlägen und Kämpfen starben Dutzende Menschen.


Bagdad/Washington - Beim bislang schwersten Anschlag dieses Jahres im Irak sind mindestens 200 Angehörige einer religiösen Minderheit getötet worden. Der Nachrichtensender Al-Arabija berichtete heute, nachdem am Vorabend zunächst 175 Tote gezählt worden waren, seien noch rund 25 Menschen ihren schweren Verletzungen erlegen. Vier Selbstmordattentäter richteten mit der nahezu gleichzeitigen Explosion von Autobomben ein Blutbad in den Siedlungen der Jasidis westlich von Mossul an.

Anschlag bei Kirkuk: Ein Selbstmordattentäter zündete eine Autobombe
REUTERS

Anschlag bei Kirkuk: Ein Selbstmordattentäter zündete eine Autobombe

Die Jasidis bilden eine Religionsgemeinschaft, deren Wurzeln in die vorislamische Zeit zurückreichen. Ihre Mitglieder sind zumeist Kurden. Die extremistische Organisation Islamischer Staat im Irak hat die Bewohner der Region vor einer Woche auf Flugblättern vor einem Anschlag gewarnt und die Jasidis als anti-islamisch bezeichnet. Auf irakischen Webseiten wurde außerdem ein Video verbreitet, das die Steinigung einer 18-Jährigen im April zeigen soll, die zum Islam übergetreten war. Sunnitische Rebellen drohten den Jasidis daraufhin mit Rache.

Die vier Bomben explodierten gestern Abend in Wohnsiedlungen bei Kahatanija, 120 Kilometer westlich von Mossul. Mindestens 30 Häuser wurden zerstört, wie der höchste Regierungsvertreter in dieser Region, Abdul Rahman al-Schimiri, mitteilte.

Der Bürgermeister von Dindschar, Dhakil Kassim, machte die Terrororganisation al-Qaida im Irak für die Anschläge verantwortlich. "Die angegriffenen Leute sind arme Jasidis, die mit dem bewaffneten Konflikt nichts zu tun haben", sagte Kassim. Dindschar liegt in der Nähe der attackierten Siedlungen.

Der Terrorakt war der schwerste seit dem 23. November vergangenen Jahres. Damals wurden bei der Explosion von fünf Autobomben 215 Bewohner von Sadr City getötet, einem schiitischen Stadtteil von Bagdad.

Die USA haben die Bombenserie im Nordirak als barbarischen Angriff auf unschuldige Zivilisten verurteilt. "Die Extremisten zeigen weiter, wie weit sie gehen, um den Irak davon abzuhalten, ein stabiles und sicheres Land zu werden", teilte das Präsidialamt in Washington in einer Stellungnahme mit. Die USA würden ihre gemeinsamen Anstrengungen mit der irakischen Regierung und deren Sicherheitskräften für die Stabilisierung des Landes und einen Sieg über die Extremisten fortsetzen.

Auch nahe der irakischen Hauptstadt ereignete sich erneut ein schwerer Anschlag. Bei der Explosion eines mit Sprengstoff beladenen Tankwagens in Tadschi bei Bagdad starben zehn Menschen, eine wichtige Brücke wurde zerstört. Bei Schießereien in Bagdad starben zudem mindestens elf Menschen.

In Bagdad wurde gestern der stellvertretende irakische Ölminister entführt. Unbekannte bewaffnete Männer hätten den Minister Dschaber al-Wagaa aus einem Bürogebäude verschleppt, teilte die Polizei mit. Wagaa werde an einem unbekannten Ort festgehalten, hieß es weiter. Wer hinter der Entführung steht, ist noch unklar.

Das US-Militärkommando in Bagdad teilte mit, Aufständische hätten am Montag und Dienstag im Irak fünf amerikanische Soldaten getötet. In Bagdads Schiiten-Vorstadt Sadr-City töteten die US-Truppen gestern nach eigenen Angaben vier mutmaßliche Angehörige der Miliz des radikalen Predigers Muktada al-Sadr.

phw/AP/dpa/Reuters

Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.