Gewandelter Wortführer "Die Neocons zogen die falschen Schlüsse"

Francis Fukuyama war einer der Wortführer der Neokonservativen - bis die Bush-Regierung ins Weiße Haus einzog. SPIEGEL ONLINE sprach mit Fukuyama über die Fehler im Irak, die in Misskredit geratenen Neocons und Europas gefährlichen Anti-Amerikanismus.


SPIEGEL ONLINE: In ihrem neuen Buch "Scheitert Amerika? - Supermacht am Scheideweg" verwerfen sie alle politischen Ansichten, die sie während ihrer akademischen Laufbahn vertreten haben. Sie sind kein Neokonservativer mehr. Was ist passiert?

Francis Fukuyama: Irak ist passiert. Schon vor vier Jahren habe ich angefangen, mich vom Neokonservatismus zu distanzieren. Ich hielt den Krieg für keine gute Idee. Das war 2002, als die Invasion des Iraks immer näher rückte.

SPIEGEL ONLINE: Warum? Immerhin ist der feste Glaube an die Demokratie und ihre Verbreitung einer der neokonservativen Grundsätze.

Francis Fukuyama: "Viele Europäer haben einen fast maßlosen Anti-Amerikanismus angenommen"
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Francis Fukuyama: "Viele Europäer haben einen fast maßlosen Anti-Amerikanismus angenommen"

Fukuyama: Ich war mir nicht sicher, ob die Vereinigten Staaten den Übergang zu einer demokratischen Regierung im Irak bewältigen könnten. Wenn ich auf den Verlauf der amerikanischen Einmärsche im 20. Jahrhundert zurückblicke, vor allem auf die in der Karibik und in Lateinamerika, dann hatten wir ständig das Problem, unser Demokratieverständnis nicht durchsetzten zu können. Vor dem Irak-Krieg war klar: Wenn wir das ordentlich machen wollen, müssen wir uns dort für mindestens fünf bis zehn Jahre verpflichten. Aber die Bush-Regierung hat die amerikanische Bevölkerung darauf nicht vorbereitet. Stattdessen war deutlich, dass die Leute um Bush den Irak einfach nur billig abhandeln wollten. Sie dachten, sie könnten in weniger als einem Jahr ein- und wieder abmarschieren.

SPIEGEL ONLINE: Woher kam dieser Glaube? War es Naivität, Anmaßung oder einfach nur Ignoranz?

Fukuyama: Viele der Neokonservativen haben aus dem Ende des Kalten Krieges und dem Zerfall des Kommunismus die falschen Schlüsse gezogen. Sie haben das verallgemeinert: Ihrer Meinung nach sind alle totalitären Regimes grundsätzlich hohl im Inneren, und wenn man ihnen einen kleinen Schubs von außen gibt, fallen sie in sich zusammen. Vor dem Fall der Berliner Mauer dachten die meisten Leute, dass der Kommunismus noch eine lange Zeit bestehen würde. Aber er verschwand 1989 innerhalb von sieben oder acht Monaten. Das verzerrte die Denkweise über die Natur von Diktaturen, und die Neokonservativen zogen den falschen Vergleich zwischen Osteuropa und dem Nahen Osten.

SPIEGEL ONLINE: Es gab mehrere Rechtfertigungen von der Bush-Regierung für die Irak-Invasion. Dazu zählt die Verbreitung von Demokratie, die Angst vor Massenvernichtungswaffen und Terrorismus. Übrig geblieben ist aber nur das Demokratie-Argument. Das scheint in den USA aber nicht viel zu zählen.

Fukuyama: Umfragen weisen darauf hin, dass das Demokratieprojekt nicht viel Sympathie bekommt, vor allen Dingen nicht von den republikanischen Wähler. Wenn Bush den Leuten im Land vor dem Krieg erzählt hätte, wie viele Billionen Dollar wir ausgeben würden und wie viele tausend Tote wir zuliebe der Demokratie opfern würden - im Weißen Haus hätte man ihn ausgelacht.    

SPIEGEL ONLINE: Wenn man sich den Irak heute anguckt, wäre diese Skepsis durchaus angebracht gewesen.

Fukuyama: Der Irak ist eine Aufzuchtstätte des Terrors geworden. Positive Effekte gibt es dort kaum. Gewalt und Instabilität werden anhalten. Eine Modelldemokratie wird im Irak nicht entstehen und ebenso wenig eine weitere Welle der Demokratisierung im Nahen Osten auslösen.

SPIEGEL ONLINE: Die letzten Ergebnisse von demokratischen oder quasi-demokratischen Wahlen in der Region waren nicht besonders vielversprechend. Es gibt die Hamas in den Palästinensischen Autonomiegebieten, Mahmud Ahmadinedschad in Iran, ausgedehnteren Einfluss der Muslimbrüderschaft in Ägypten und pro-iranische Schiiten, die mehr oder weniger das Sagen im Irak haben. Wie kann denn behauptet werden, dass Demokratie dieser Region gut tun würde?

Fukuyama: Das ist eine komplizierte Sache. Ich stimme mit Außenministerin Condoleezza Rice überein, dass es nicht möglich ist, die Kräfte zurückzuhalten, die derzeit auf einen sozialen Wandel im Land drängen, indem wir autoritäre Regime unterstützen. Unglücklicherweise gehören viele der führenden Stimmen zu islamistischen Gruppen. Auf lange Sicht wird ihre Meinung sowieso gehört werden - egal, was man macht. Unsere Aufgabe ist es, sie und ihre Politik in eine demokratische Form zu bekommen.

SPIEGEL ONLINE: Mit anderen Worten ist die derzeitige Radikalisierung also der erste Schritt in einer Debatte?

Fukuyama: Es ist der erste Schritt in einem sehr, sehr langen Prozess. Aber ich stimme nicht mit der Bush-Regierung überein, dass dies eine nötige Phase ist, um den Krieg gegen den Terrorismus zu gewinnen. Falls das so wäre, würden wir in 30 Jahren immer noch dagegen angehen. Aber es ist Teil einer breiteren Bewegung von politischen Veränderungen im Nahen Osten und ich glaube nicht, dass man das stoppen kann.

SPIEGEL ONLINE: Während seiner ersten Amtszeit hat Präsident Bush seine Doktrin präsentiert, die es den Vereinigten Staaten erlaubt, im Notfall präventiv anzugreifen. Warum haben die USA geglaubt, dass die Welt das akzeptieren würde?

Fukuyama: Wir glaubten, dass die Motive der Vereinigten Staaten besser sind als die von anderen Leuten und dass man uns diese Art von Macht anvertrauen kann. Die Neokonservativen haben gedacht, dass Amerika moralischer sei als andere Länder und dass andere Leute verstehen, dass unsere Hegemonie so viel wohlwollender ist als die von vergangenen Imperien. Das haben sie falsch eingeschätzt.

SPIEGEL ONLINE: Der Irak-Krieg hat eine Welle des Anti-Amerikanismus in Europa ausgelöst. Ist das vielleicht der größte Schaden, den er angerichtet hat?

Fukuyama: Der Irak-Krieg hat natürlich eine ganze Menge Schaden in allen möglichen Bereichen angerichtet. Es wird mindestens eine Generation dauern, um die vorherige Modellrolle Amerikas und den Respekt, den es genossen hat, in der Welt wieder herzustellen. Wenn wir jetzt von Demokratie sprechen, denken die Leute doch nur an Abu Ghureib und Guantanamo.

SPIEGEL ONLINE: Hat Europa es sich zu einfach gemacht, indem es sich einfach zurückgelehnt und die Vereinigten Staaten kritisiert, während es sich kaum um die Brennpunkte in der Welt gekümmert hat?

Fukuyama: Viele Europäer haben einen schon fast maßlosen Anti-Amerikanismus angenommen. Mehr als die meisten Amerikaner schätze ich viele der Kritikpunkte der Europäer. Aber es gibt auch diese krasse Übertreibung, die meiner Meinung nach irrational ist; diese Idee, dass Amerika die Quelle aller Ungerechtigkeiten in der Welt ist. Die Amerikaner sind auch für viele Gutes verantwortlich, wie zum  Beispiel auf dem Balkan in den neunziger Jahren. Die Europäer sollten vorsichtig sein. Es fühlt sich gut an, schön locker im Anti-Amerikanismus zu schwelgen, aber es ist nicht vernünftig und auch nicht fair. Auf lange Sicht wird es bei den Amerikaner dazu führen, dass sie sagen: "Zur Hölle mit Europa."

Das Interview führte Charles Hawley, aus dem Englischen übersetzt von Eva Lodde



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