Proteste zum Gezi-Jahrestag Erdogan lässt riesige Sicherheitsarmee aufmarschieren

An die 25.000 Sicherheitskräfte, 50 Wasserwerfer, gepanzerte Fahrzeuge, Polizisten in Zivil: Der türkische Premier Erdogan scheint fest entschlossen zu sein, die Demonstrationen zum Jahrestag der Gezi-Proteste mit allen Mitteln zu verhindern.

Ministerpräsident Erdogan: 25.000 Sicherheitskräfte gegen "Vandalen"
AP

Ministerpräsident Erdogan: 25.000 Sicherheitskräfte gegen "Vandalen"


Istanbul - Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan lässt ein veritables Heer aufmarschieren, um ein Demonstrationsverbot auf dem symbolträchtigen zentralen Taksim-Platz durchzusetzen. Ein Jahr nach Beginn der Gezi-Proteste in der Türkei berichten türkischen Medien von einem Aufgebot von insgesamt 25.000 Sicherheitskräften. Zusätzlich fahren dort und auf der Einkaufsmeile Istiklal Caddesi gepanzerte Fahrzeuge und an die 50 Wasserwerfer auf, um den Platz abzuriegeln.

Wie die Nachrichtenagentur AFP schreibt, sind am Samstag neben Bereitschaftspolizisten zudem Beamte in Zivilkleidung unterwegs. Die Nachrichtenagentur Dogan meldete, am Nachmittag werde der Fährverkehr über den Bosporus von der asiatischen auf die europäische Seite Istanbuls ausgesetzt. Auf der europäischen Seite der Metropole liegt der Taksim-Platz. In der Umgebung des Platzes wurden auch Krankenwagen und Feuerwehrfahrzeuge in Stellung gebracht. Zuletzt hatten Randalierer Sicherheitskräfte bei Protesten in Istanbul auch mit Molotow-Cocktails angegriffen.

Erdogan hatte seine Landsleute vor dem Jahrestag aufgefordert, nicht zu den Demonstrationen zu gehen, auch in Ankara, Izmir und anderen Städten sind zum ersten Jahrestag Gezi-Park-Proteste neue Kundgebungen geplant. Verschiedene Leute, "darunter sogenannte Künstler", hätten wieder zu Demonstrationen aufgerufen, sagte Erdogan am Freitag in einer Rede vor tausend Jugendlichen in Istanbul. "Aber ihr, die türkische Jugend, werdet den Aufruf ignorieren", rief er der Menge zu. Er sprach von "Terrororganisationen", die die "moralisch und finanziell schwache Jugend" der Türkei manipuliert hätten, um die Einheit und die Wirtschaft des Landes in Gefahr zu bringen.

Tausende Verletzte

Ende Mai vergangenen Jahres waren türkische Sicherheitskräfte in Istanbul mit Gewalt gegen Umweltschützer vorgegangen, die im Gezi-Park gegen die geplante Abholzung von Bäumen protestierten. Die Demonstrationen waren am 31. Mai in landesweite Proteste gegen die islamisch-konservative Regierung umgeschlagen. Sie kosteten mindestens sieben Menschen das Leben, Tausende wurden verletzt.

Die Massendemonstrationen ebbten im Spätsommer ab. Immer wieder flammen aber seitdem Proteste auf, die die Polizei mit Wasserwerfern und Tränengas zerschlägt. Ministerpräsident Erdogan hatte die Demonstranten damals als Vandalen und Plünderer bezeichnet und die Polizei für ihr hartes Vorgehen gelobt. Politische Kundgebungen im Gezi-Park und auf dem angrenzenden Taksim-Platz sind seitdem verboten.

tdo/AFP/dpa



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insgesamt 146 Beiträge
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spon-facebook-10000041936 31.05.2014
1. noch ein lupenreiner Demokrat...
... lief bei den anderen auch so gut. http://www.der-postillon.com/2014/03/agyptischer-ex-prasident-mubarak.html
doris.decker 31.05.2014
2. Sicherheitsarmee?
Wieder ein Beispiel für Neusprech. Warum wird das Militär als "Sicherheitsarmee" bezeichnet? Bei uns ist zum Glück der Militäreinsatz im Inland noch verboten, auch wenn Konservative das ändern möchten.
karlsiegfried 31.05.2014
3. Krieg gegen das Volk ...
... und sogar rechtsstaatlich abgesichert. Würde in Europa auch passieren, wenn sich Hunderttausende gegen die scheindemokratischen Regeirungen durch Massendemos Gehör verschaffen wollten. Wo ist da der Unterschied zur Monarchie?
billy23 31.05.2014
4. Das ich nicht lache
Über den ersten Kommentar kann ich nicht mal lachen.... Letzte Woche waren wir mit über 50 tausend Menschen bei der Demo gegen Erdogan in Köln. Das waren Menschen mit den gleichen Anliegen wie in der Türkei. Warum ist dort nicht passiert??? keine einzige Scherbe ist zu Bruch gegangen... Der einzige der Gewalt übt ist Erdogan und sein Polizeistaat
cmann 31.05.2014
5. Mann hat der die Hosen voll!
Zitat von sysopAPAn die 25.000 Sicherheitskräfte, Wasserwerfer, gepanzerte Fahrzeuge, Polizisten in Zivil: Der türkische Premier Erdogan scheint fest entschlossen zu sein, die Demonstrationen zum Jahrestag der Gezi-Proteste mit allen Mitteln zu verhindern. http://www.spiegel.de/politik/ausland/gezi-jahrestag-erdogan-laesst-grosses-polizeiaufgebot-aufmarschieren-a-972635.html
Jeder halbwegs informierte Türke weiß inzwischen, trotz der unglaublichen Behauptungen Erdogans, wofür der Gezi-Platz steht. Wie armselig ist doch sein Verhalten! Nach meiner Ansicht hat Erdogan mit einem derartigen Vorgehen und Aufwand sein "Gesicht" in der Öffentlichkeit, insbesondere bei der türkischen Jugend verloren! Da kann er noch so viele bezahle Claqueure zu seinen Veranstaltungen heran karren. Die Realität in den türkischen Städten und insbesondere die Reaktion der Jugend wird ihn widerlegen!
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