Krawalle in Istanbul Türkeis Regierung bittet Aktivisten zum Gespräch

Nach den gewalttätigen Auseinandersetzungen in Istanbul harren noch immer Hunderte auf dem Taksim-Platz aus. Die türkische Regierung hat Kritikern eines Bauprojekts jetzt ein Gespräch angeboten. Der Parkprotest ist zur Generalbrechnung mit Premier Erdogan geworden.

Taksim-Platz am Sonntagvormittag: Tausend Festnahmen bei Protesten
REUTERS

Taksim-Platz am Sonntagvormittag: Tausend Festnahmen bei Protesten


Istanbul - Ein paar hundert harren am Sonntagvormittag noch aus, im Regen stehen sie auf dem Taksim-Platz in Istanbul und rufen Parolen gegen den türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan. Bei heftigen Demonstrationen gegen die islamisch-konservative Regierung am Freitag und Samstag seien 939 Menschen festgenommen worden, erklärte Innenminister Muammer Güler. In der Nacht hatte es weitere Zusammenstöße gegeben.

Nach zwei Tagen heftiger Proteste gegen seine autoritäre Politik lenkte Erdogan punktuell ein. Ein Berater ließ laut "Hürriyet" über Twitter wissen, dass der Bürgermeister von Istanbul am Sonntag mit Aktivisten und der Architektenkammer zu Gesprächen zusammenkommen will. Sie wollen eine gemeinsame Lösung für den Streit um die Überbauung des Gezi-Parks sondieren.

Zugleich sagte Erdogan aber, seine Regierung werde sich durch Straßenproteste nicht von ihrem Kurs abbringen lassen. "Der Einsatz von Pfeffergas durch die Sicherheitskräfte war ein Fehler. Nun gut. Ich habe das Innenministerium angeordnet, dies zu untersuchen", sagte Erdogan. Der Einsatz sei unangemessen hart gewesen. Die gewählte Regierung werde sich nicht einer Minderheit beugen. Staatspräsident Abdullah Gül rief alle Seiten zur Ruhe und zum Dialog auf.

Tränengas gegen Demonstranten

Die Polizei hatte am Freitag ein Protestlager am Gezi-Park gewaltsam geräumt. Danach kam es zu Demonstrationen in mehreren Städten, die sich nicht mehr gegen die Bebauung des Parks mit einem Einkaufszentrum richteten, sondern gegen den Regierungsstil und die Politik Erdogans. Die Polizei ging mit Wasserwerfern und Tränengas gegen die Proteste vor.

Fotostrecke

16  Bilder
Protest gegen Erdogan: Heftige Proteste erschüttern die Türkei
Zehntausende Gegner verschafften sich nach heftigen Protesten am Samstag Zugang zum Taksim-Platz, während sich die Polizei zurückzog. Am Abend habe es Zusammenstöße mit Demonstranten im Stadtteil Besiktas gegeben, berichteten Aktivisten. Die Polizei feuerte Tränengasgranaten ab. Auch türkische Medien berichteten über den Polizeieinsatz. Demonstranten hätten einen Polizeiwagen angezündet.

Am Sonntag begann die Stadtreinigung rund um dem Taksim-Platz damit, Trümmer und Barrikaden wegzuräumen. Die Polizei hielt weiter Abstand.

Solidaritätskundgebungen in Deutschland

Auch international gab es Kritik an dem Polizeieinsatz. Der Präsident des Europaparlaments, Martin Schulz, nannte das harte Vorgehen der Polizei "völlig unangemessen". "Ich appelliere dringend an alle zuständigen Stellen in der Türkei, sich um Deeskalation zu bemühen und mit den Demonstranten das Gespräch zu suchen", erklärte der SPD-Politiker.

In mehreren deutschen Städten kamen Tausende Demonstranten zu Solidaritätskundgebungen zusammen, darunter in Hamburg und Stuttgart. Die Alevitische Gemeinde in Deutschland protestierte gegen das harte Vorgehen der türkischen Polizei und forderte den Rücktritt der Regierung Erdogan. "Gesellschaftliches Engagement ist evidenter Teil der Meinungsfreiheit und Versammlungsfreiheit und darf nicht mit Gewalt bekämpft werden", erklärte die Dachorganisation AABF in Köln.

In Istanbul gingen Demonstranten und Beobachter davon aus, dass es angesichts der Härte des Einsatzes und der großen Zahl von Rettungswagen Hunderte Verletzte gegeben hat. Amnesty International teilte mit, es gebe Berichte über zwei Tote. Die Behörden bestätigten zunächst weder das eine noch das andere.

ore/dpa

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 34 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
hubertrudnick1 02.06.2013
1. Blider gleichen sich
Zitat von sysopREUTERSNach den gewalttätigen Auseinandersetzungen in Istanbul harren noch immer Hunderte auf dem Taksim-Platz aus. Die türkische Regierung hat Kritikern eines Bauprojekts jetzt ein Gespräch angeboten. Der Parkprotest ist zur Generlabrechnung mit Premier Erdogan geworden. http://www.spiegel.de/politik/ausland/gezi-park-protest-zwingt-tuerkische-regierung-zu-zugestaendnissen-a-903296.html
Wie sich doch die Bilder gleichen, ob vor dem Mauerfall, oder später in der freien Welt, wenn das Volk mit der Politik nicht mehr einverstanden ist und dafür auf die Straße geht, dann bekommt man die ganze Macht der Herrschenden zu spüren. Wer sich damals noch über den Ostblock aufgeregt hatte, der erlebt es aber auch nicht viel anders in seiner freien Welt. Die Herrschenden lassen eben das Volk immer nur am Rande stehen und wehe einer überschreitet mal die Linie. Die eigene Macht wird überall mit fast allen Mitteln verteidigt und das nicht nur im Ostblock. Das Volk was den Herrschenden zujubelt ist willkommen, aber nicht die anderen HR
Beobachter der Medien 02.06.2013
2. gesprächsbereitschaft Erdogans
Die bilder der butalen Vorgehensweise der Polizei in Istambul zeugen nicht gerade von der von Ihnen zitierten Gespächsbereitschaft Erdogans! Glauben Sie wiklich selbst was Sie weiterleiten? Die Demonstranten werden brutalst durch die Städte getrieben, weit weg vom Gezi Park. Was soll die Unterstützung der politischen Winkelzüge Erdogans liebe Spiegelredakteure?
matteocaruso 02.06.2013
3. Proteste im ganzen Land
Leider vergisst der Artikel zu vermelden, dass es im ganzen Land Unruhen und - zumeist friedliche - Proteste gibt. Ich war am Freitag in Izmir, wo Zehntausend auf die Straße gingen. Gestern waren es schon erheblich mehr. Am Abend erklang in den Wohnvierteln von Izmir ohrenbetäubender Lärm mit Kopftöpfen. Heute geht es weiter.. Die Medien in der Türkei berichten kaum. Auch Tellefonverkehr und Internet wird gestört. Für viele junge, regierungskritische Leute gilt: jetzt muss sich was verändern oder die Türkei wandt sich zu Iran-light. Darum auch die erhobenen Bierflaschen bei den Demonstrationen. Fatih Akin, der Regisseur, kritisierte die Medienstille. Echte Informationen gibt es eher auf Facebook dann in den inter-nationalen Medien. Gerade vom Spiegen würde man sich doch eine engagiertere Berichterstattung wünschen! Mit anderen Worten: bewegt euren .... und schreibt nicht nur Agenturmeldungen zusammen!
Beobachter der Medien 02.06.2013
4. gesprächsbereitschaft Erdogans
Die bilder der butalen Vorgehensweise der Polizei in Istambul zeugen nicht gerade von der von Ihnen zitierten Gespächsbereitschaft Erdogans! Glauben Sie wiklich selbst was Sie weiterleiten? Die Demonstranten werden brutalst durch die Städte getrieben, weit weg vom Gezi Park. Was soll die Unterstützung der politischen Winkelzüge Erdogans liebe Spiegelredakteure?
katzekaterkarlo 02.06.2013
5. Ich wünsche es dieser Regierung, ...
... dass die Bevölkerung ihr klar die Grenzen aufzeigt. In der religiösen ebenso wie in der politischen Entwicklung. Die Türkei ist zur Zeit kein demokratischer Staat.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.