Streit um Gibraltar: Die Alphatiere vom Affenfelsen

Aus Gibraltar berichtet Christoph Scheuermann

Gibraltar: Dauerstreit um den reichen Felsen Fotos
Getty Images

Die einen werfen Betonblöcke ins Wasser, die anderen blockieren die Grenze. Der Streit um Gibraltar wird von Spanien und Großbritannien mit Schikanen gezielt geschürt. An vorderster Front: zwei verfeindete Bürgermeister.

An der Bucht von Algeciras leben zwei Männer, die sich aus tiefer Überzeugung verachten. Der eine wohnt auf dem Felsen an der Ostseite der Bucht, der andere in der Stadt gegenüber. Beide schauen auf das Wasser, das zwischen ihnen liegt.

"Das ist unser Wasser", sagt Chief-Minister Fabian Picardo, "jedenfalls zur Hälfte." Er ist der Regierungschef des Felsens von Gibraltar, eines Teils des britischen Königreichs, auf dem knapp 30.000 Menschen und schätzungsweise 300 Berberaffen wohnen.

"Es ist unser Wasser", sagt José Ignacio Landaluce. Er ist der Bürgermeister von Algeciras, der spanischen Stadt gegenüber, 117.000 Einwohner, kaum Affen.

Die Provokationen nehmen seit Monaten zu. Landaluce gegen Picardo, Spanien gegen Großbritannien. Landaluce hat die Fischer von Algeciras und La Linea hinter sich, die in der Bucht bislang ungestört Makrelen und Muscheln aus ihren Netzen ziehen konnten. Picardo hat die Einwohner Gibraltars und die britische Marine hinter sich. Im Prinzip steht die Sache nicht schlecht für Picardo.

Trotzdem schaukelte sich der Streit in den vergangenen Wochen so weit hoch, dass sich die Regierungen in Madrid und London einschalteten. Obwohl Gibraltar seit 300 Jahren zum Vereinigten Königreich zählt, erhebt Spanien seither mehr oder minder subtil einen Anspruch darauf. Und auch wenn eine Kolonie in Europa ein Anachronismus ist, zählt Gibraltar für Großbritannien nach wie vor zum prestigeträchtigen Besitz, zumal die Gibraltarer in zwei Referenden mit großer Mehrheit ihre Zugehörigkeit zum Königreich bekundet haben.

Ablenkungsmanöver Gibraltar

Nun hat der spanische Außenminister José García-Margallo gedroht, 50 Euro für den Grenzübertritt in die Enklave zu erheben und den Luftraum nach Gibraltar zu sperren. Beide Seiten haben sich an die EU gewendet. Der britische Premier David Cameron sagte, er sei "ernsthaft besorgt" über die Lage.

Es sah daher nicht nach Deeskalation aus, als sich vergangene Woche zehn Schiffe der Royal Navy auf den Weg Richtung Süden machten. Der Verband nimmt an einer lange geplanten Übung im Mittelmeer teil und passiert deshalb Gibraltar. Doch Picardo kommen die Schiffe sehr gelegen. Auch wenn Großbritannien nicht plant, Spanien zu bombardieren, verleihen die Schiffe seinen Worten mehr Aufmerksamkeit.

Picardos Büro liegt in einem alten Palast auf der Westseite des Felsens. Draußen treibt der Levante schwüle Luft vom Mittelmeer durch die Straßen, drinnen hat Picardo trotzdem seine Krawatte so exakt und fest gebunden, als erwarte er die Queen zum Tee. Er ist 41 Jahre alt, hat in Oxford Jura studiert und kommt schnell zum Thema.

"Der Bürgermeister hat das vergangene Jahr vor allem damit verbracht, mich in den Medien zu beleidigen", sagt Picardo. "Dieser Mann ist ein Hitzkopf, nett formuliert." Es gehe nicht um die Fischer, sagt Picardo, vielmehr habe Madrid die Eskalation bewusst herbeigeführt, um von ihren Problemen abzulenken. Der Wirtschaft geht es schlecht, zudem kämpft Ministerpräsident Mariano Rajoy gegen Korruptionsvorwürfe. Gibraltar sei ein Ablenkungsmanöver.

David gegen Goliath

Die jüngste Auseinandersetzung begann Ende Juni, als ein Schnellboot der spanischen Guardia Civil in der Bucht einen britischen Jetski-Fahrer verfolgte. Ein Beamter soll mehrere Schüsse abgefeuert haben. Die Spanier seien in gibraltarische Gewässer eingedrungen und hätten einen britischen Staatsbürger verängstigt, klagt Picardo. "Der Mann wollte seinen Sonntag genießen." Mehrere YouTube-Videos zeigen den Vorfall.

Vier Wochen später, Ende Juli, ließ Picardo Betonblöcke in der Bucht versenken, unter anderem dort, wo spanische Fischer mit Netzen Muscheln fischten. Aus den Blöcken ragen lange Eisenstacheln. Picardo sagt, er habe bereits lange den Plan gehabt, ein künstliches Riff anzulegen, aus Umweltschutzgründen. Für die Spanier schmeckte das nach Rache.

"Picardo lügt", sagt José Ignacio Landaluce. "Die spanische Polizei hat nie auf irgendwen geschossen." Sein Büro liegt im ersten Stock des Rathauses von Algeciras, ein kleineres, dunkleres und wärmeres Zimmer als Picardos. Landaluce ist 54, Arzt und hat die oberen Hemdknöpfe gelockert. Es ist viel Brusthaar zu sehen.

Seiner Ansicht nach ist der Konflikt entstanden, weil sich Picardo auf dem verdammten Felsen wichtigmacht. "Weil er immer der Protagonist sein will", sagt Landaluce. Neben seinem Job als Bürgermeister ist er Parlamentsabgeordneter der konservativen Volkspartei, der auch Premier Rajoy angehört. Landaluce sagt, man könne gerne über eine geteilte Souveränität Gibraltars sprechen, halb Großbritannien, halb Spanien. Außerdem seien die 60 Fischerboote nicht das Hauptproblem.

Er nimmt ein Blatt Papier und malt mit einem Kugelschreiber ein großes und ein kleines Schiff. Das große ist ein Tanker, der im Hafen von Gibraltar liegt und dort Öl ablädt. Der Tanker sei gefährlich, sagt Landaluce, weil in Gibraltar die Sicherheitsbestimmungen zu locker seien oder nicht eingehalten würden. "Vor zwei Jahren gab es sogar eine Explosion deswegen." Das kleine Schiff auf dem Papier ist ein unschuldiges spanisches Fischerboot. So sieht der Bürgermeister die Verhältnisse in der Bucht. David gegen Goliath.

Der Konflikt köchelt

Auf der anderen Seite des Wassers lacht Picardo hell auf. "Es geht hier um das spanische Volk und die Regierung, die Druck ausüben auf eine Minderheit von 30.000 Menschen." Aus seiner Sicht ist Spanien der Goliath.

Aber hätte er mit dem Beton-Riff nicht trotzdem etwas warten können?

"Wozu? Die Blöcke liegen in unserem Wasser. Wenn ich beschließe, diesen Raum schwarz zu malen, bitte ich auch nicht Herrn Rajoy um Erlaubnis", sagt Picardo.

Die spanischen Behörden reagieren, indem sie den Grenzübergang zu Gibraltar immer wieder für Stunden abriegeln. Die Wartezeit betrug zum Teil fünf bis sieben Stunden. Darunter wiederum leiden gerade Spanier, die morgens zu Tausenden nach Gibraltar pendeln, um dort zur Arbeit zu gehen.

Noch köchelt der Konflikt, doch etliche Gibraltarer sind wütend über die Schikanen der spanischen Behörden. Das Leben fern des Buckingham Palace hat sie ähnlich wie die Bewohner der Falkland-Inseln zu entschiedeneren Patrioten werden lassen, zu besseren Briten. Vergangenes Jahr gründete sich der Verein "Verteidiger von Gibraltar", der das angebliche Mobbing durch die Spanier auf Facebook, Twitter, YouTube und einem Blog dokumentiert. "Wir sammeln Beweise", sagt Gareth Gingell, der Vorsitzende.

Gingell ist 26, auf Gibraltar geboren und dort aufgewachsen. Nach der Schule zog er nach England und diente sechs Jahre lang der Armee, unter anderem in Afghanistan. Seine Facebook-Gruppe hat 6000 Fans, zum harten Kern seines Vereins zählt er hundert Leute. Sich selbst nennt Gingell einen Pazifisten, seine Großmutter lebt in Spanien, seine Freundin auch. Picardo wurde aufmerksam, als er hörte, dass ein Ex-Soldat zum Sprecher der Ultra-Briten auf seinem kleinen Hoheitsgebiet wurde.

"Das Leben hier ist leicht"

Picardo ist seit Dezember 2011 im Amt. Er hat sich zum Ziel gesetzt, das Finanzzentrum Gibraltar auszubauen, in ein kleines Singapur. Es gibt hier keine Mehrwertsteuer; Einkommen- und Unternehmensteuer liegen bei jeweils zehn Prozent. Picardo wirbt damit, dass "hochrangige Führungskräfte" einen speziellen Status bekommen können und im Jahr nur maximal 30.000 Pfund Einkommensteuer zahlen. Ende Mai veranstaltete er im Londoner Bankenviertel eine Party, um noch mehr Hedgefonds-Manager nach Gibraltar zu locken. "Das Leben hier ist leicht", sagt er. "Das Wetter ist gut, die Menschen sind nett."

Dank der Wettbüros, Online-Casinos und Hedgefonds, die sich in Gibraltar angesiedelt haben, geht es der Wirtschaft am Felsen ausgezeichnet. Seit Ende der Achtziger ist die Landmasse durch Aufschüttungen um ein Drittel gewachsen, auch das erscheint dem Bürgermeister Landaluce suspekt. Gibraltars Arbeitslosenquote liegt bei ungefähr zwei Prozent, die Wirtschaft wächst. Landaluce dagegen fällt es schwer, in seiner Stadt jemanden zwischen 20 und 30 zu finden, der überhaupt einen Job hat. Der Reichtum Gibraltars muss in seinen Augen manchmal obszön wirken.

Während Picardo in Gibraltar seinen Amtsgeschäften nachgeht, verschränkt Landaluce gegenüber die Arme. Es ist Mittag, der Bürgermeister steht barfuß am Strand und trägt eine blaue Badehose. Neben ihm warten Hunderte Männer, Frauen, Rentner. Landaluce kneift die Augen zusammen. Wenn jetzt jemand das Wasser aus der Bucht pumpen würde, könnte er mit seiner kleinen Armee in Picardos Büro einmarschieren. Heute warten die Leute aber nur darauf, einer Statue der Heiligen Jungfrau Maria zu huldigen, die einmal im Jahr aus einer Felsengrotte in der Bucht an Land gezogen wird.

Zuletzt hat Picardo gesagt, er freue sich darauf, den Streit um Gibraltar vor dem Internationalen Seegerichtshof auszufechten. Vielleicht kommt es zum Prozess, aber Landaluce weiß, dass er dort keine allzu großen Chancen hat. Er watet in die Wellen, immer weiter, bis sein Hemd nass ist und er bis zum Bauch im Wasser steht.

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insgesamt 77 Beiträge
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1.
lkm67 19.08.2013
Zitat von sysopDie einen werfen Betonblöcke ins Wasser, die anderen blockieren die Grenze. Der Streit um Gibraltar wird von Spanien und Großbritannien mit Schikanen gezielt geschürt. An vorderster Front: zwei verfeindete Bürgermeister. Gibraltar: Streit um eine der letzten britischen Kronkolonien - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/gibraltar-streit-um-eine-der-letzten-britischen-kronkolonien-a-917307.html)
Wie auch immer die Rechtslage aussieht. Gibraltar gehört faktisch zu Spanien und Kolonien innerhalb Europas verbieten sich selbst. Dabei spielt es keine Rolle ob die spanische Regierung von irgend etwas ablenken will, oder nicht.
2. Onlinecasinos
nixus_minimax 19.08.2013
Zitat von sysopDie einen werfen Betonblöcke ins Wasser, die anderen blockieren die Grenze. Der Streit um Gibraltar wird von Spanien und Großbritannien mit Schikanen gezielt geschürt. An vorderster Front: zwei verfeindete Bürgermeister. Gibraltar: Streit um eine der letzten britischen Kronkolonien - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/gibraltar-streit-um-eine-der-letzten-britischen-kronkolonien-a-917307.html)
Na da ist doch Gibraltar in bester britischer Tradition, keine Steuern, Öltankstelle für die Schiffahrt, steuerfrei versteht sich. Umweltschutz? wozu Gibraltar hat ja kaum Küste. Mich würde interessieren wie das Referendum aussehen würde ohne die ganzen Steuergeschenke und Boni. wenn Gibraltar nicht eine weitere Britische Briefkastenfirma und Steueroase wäre sondern Steuersätze wie in England herrschen würden.
3. Ceuta
joshuaschneebaum 19.08.2013
Zitat von lkm67Wie auch immer die Rechtslage aussieht. Gibraltar gehört faktisch zu Spanien und Kolonien innerhalb Europas verbieten sich selbst. Dabei spielt es keine Rolle ob die spanische Regierung von irgend etwas ablenken will, oder nicht.
Spanien, die alten Kolonialisten sollten, sich nicht so weit aus dem Fenster hängen. Besonders nicht, wenn gleich gegenüber eine ihrer "Enklaven", nämlich CEUTA auf afrikanischen Boden liegt, was Europa übrigens mehr Probleme macht als dieser touristische Affenfelsen Gibralter.
4. Kleiner Einwand - Ceuta und Melitta!
analysatorveritas 19.08.2013
Zitat von lkm67Wie auch immer die Rechtslage aussieht. Gibraltar gehört faktisch zu Spanien und Kolonien innerhalb Europas verbieten sich selbst. Dabei spielt es keine Rolle ob die spanische Regierung von irgend etwas ablenken will, oder nicht.
Spanien besitzt an der afrikanischen Küste selbst zwei kleine Gebiete, Melitta und Ceuta. Diese verfügen über sehr starke Grenzbefestigungen und sind Anlaufstellen für Flüchtlinge, die in die EU möchten. Auch bezüglich dieser "kleinen spanischen Besitzungen" gibt es Auseinandersetzen mit Marokko, die diese ebenfalls für sich beansprucht und eine Rückgabe fordert. Bisher erfolglos.
5. ....
toledo 19.08.2013
Zitat von lkm67Wie auch immer die Rechtslage aussieht. Gibraltar gehört faktisch zu Spanien und Kolonien innerhalb Europas verbieten sich selbst. Dabei spielt es keine Rolle ob die spanische Regierung von irgend etwas ablenken will, oder nicht.
Eben die Rechtslage ist entscheidend. Nicht was Spanien möchte oder sich wünscht! Machen Sie sich mal schlau.. Gibraltar ist keine 'Kolonie' zund schon gar nicht 'faktisch' ein Teil Spaniens. Es steht seit 1704 unter der Souveränität des Vereinigten Königreichs Großbritannien und Nordirland und wurde 1713 von Spanien offiziell unter dem Frieden von Utrecht abgetreten. (Zitat Wikipedia). Was nun?
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