Brexit-Streit um Gibraltar Furcht auf dem Felsen

Britische Coolness bei 25 Grad, Fish 'n' Chips an jeder Ecke, ManUnited in der Glotze: Bisher lebte es sich komfortabel in Gibraltar. Doch jetzt kommt der Brexit - und unter den Bewohnern geht die Angst um.

imago/ i Images

Aus Gibraltar berichten und  (Video)


Gegen 17 Uhr an der Grenze zwischen Gibraltar und Spanien beginnt es: Vor dem schmalen Durchgang, der die britische Halbinsel vom andalusischen Festland trennt, glühen Dutzende Autos in der heißen Nachmittagssonne, am Rand der Straße reihen sich die Menschen auf. Etwa 10.000 Arbeiter passieren den wenige Meter breiten Durchgang jeden Tag, die meisten von ihnen stammen aus dem andalusischen Umland. Doch die Kontrollen, um zurück auf das spanische Festland zu kommen, können sich am Morgen oder frühen Abend über Stunden hinziehen.

Reine Schikane?

Davon ist zumindest der Vize-Regierungschef des britischen Territoriums, Joseph Garcia, überzeugt. Die endlosen Kontrollen der spanischen Beamten seien eindeutig dem politischen Klima geschuldet, sagte er dem Fernsehsender GBC. "Absolut und total unakzeptabel", schimpft der Politiker.

Seit Jahrhunderten streiten Spanien und Großbritannien um die Vorherrschaft über die gerade einmal sechs Quadratkilometer Gibraltars. Doch derzeit ist die Stimmung geladen wie lange nicht: Die Europäische Union will Spanien in den Verhandlungen um den EU-Austritt des Vereinigten Königreichs ein zusätzliches Vetorecht für Gibraltar einräumen. Die Pläne, die am vorvergangenen Freitag bekannt wurden, sorgen in Gibraltar und Großbritannien für erhöhte Pulsraten. Dabei will den EU-Ausstieg hier ja eigentlich niemand.

96 Prozent der knapp 32.000 Anwohner stimmten gegen den Brexit, mitmachen müssen sie ihn als Teil des Vereinigten Königreichs nun trotzdem. "Man merkt jetzt schon, dass die Behörden länger brauchen", sagt Eva. Sie ist mit ihrem Partner Damian vor wenigen Monaten nach Gibraltar gezogen. Auch würden die Unternehmen vorsichtiger mit Investitionen, sagt Damian. Schließlich wüssten die noch nicht, welche Auswirkungen der Brexit haben würde. Vor allem aber könne der Grenzübergang zwischen Spanien und Großbritannien zum Problem werden.

Gibraltarer Damian und Eva
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Gibraltarer Damian und Eva

Vor dem Referendum der Briten hatten Politiker und Organisationen aller Ausrichtungen geschlossen vor einem EU-Austritt gewarnt: Nur die Zugehörigkeit zur Union könne die Halbinsel vor Willkürlichkeiten der Spanier an der gemeinsamen Grenze schützen. Würde die Reisefreiheit eingeschränkt, wären nicht nur die Arbeiter und Anwohner Gibraltars betroffen - auch könnte das Touristen abschrecken. Damit ist ein wichtiger Wirtschaftszweig der Insel bedroht.

Das ist die eine Seite.

Auf der anderen Seite steht die Zahl 99. Soviel Prozent der Anwohner hatten sich bei einem Referendum 2002 für den Souverän Großbritannien ausgesprochen - und damit eindeutig gegen eine geteilte Vorherrschaft mit Spanien. Dazu gibt es auch heute noch keine zwei Meinungen, wenn man die Menschen in den Pubs und Cafés der Halbinsel fragt. "Gibraltar steht zu Großbritannien, egal was passiert", sagt Simon Schischa. Seine beiden Freunde pflichten ihm bei. "Wir fühlen uns alle mit voller Überzeugung als Teil des Vereinigten Königreichs."

Simon Schischa
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Simon Schischa

Nicht nur kulturell ist das Gebiet in den vergangenen 300 Jahren britisch geprägt worden; die Restaurants verkaufen Fish 'n' Chips, es gibt einen Pub, in dem Fans von Manchester United unter sich sein können, und irgendjemand hat ein typisch englisches Telefonhäuschen in die Innenstadt gesetzt. Ein Stück Großbritannien bei über 20 Grad, im April.

Auch wirtschaftlich hängen Gibraltar und Großbritannien eng zusammen. Etwa 90 Prozent des Handels betreibt Gibraltar mit dem Vereinigten Königreich. Das lohnt sich vor allem für den kleinen Partner, der noch dazu als Steuerparadies gilt: Das Bruttoinlandsprodukt der Enklave legte zwischen 2011 und 2015 um 49 Prozent zu. Ob sich dieser Trend fortsetzen lässt, falls der große Partner durch den EU-Ausstieg ins Schlingern gerät, ist offen.

Dennoch: "Die Menschen hier sind sehr loyale Briten", sagt auch Edward Charles, der beruflich zwischen Großbritannien und Gibraltar pendelt. Er nennt das Beharren der Spanier auf Einmischung kindisch.

Edward Charles
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Edward Charles

Spanien liegt näher

"Wenn man die Abstimmung heute wiederholen würde, läge das Ergebnis wieder bei 99 Prozent - trotz Brexit", sagt Fabián Picardo, der die autonome Regierung leitet, und zeigt mit dem Finger hinter sich, auf ein Bild der britischen Königin. Sie stehe für ein ernstzunehmendes Land, in dem keine Korruption herrsche und Dinge vernünftig erledigt würden. Seine Großmutter habe immer zu ihm gesagt: "Vergiss nicht, es ist das Vereinigte Königreich, dem wir vertrauen - nicht Spanien."

Gibraltar habe die volle Rückendeckung der Regierung von Theresa May, fährt der Regierungschef fort. Dass sie die Halbinsel in den britischen Plänen zum EU-Austritt nicht erwähnte, sei so abgesprochen gewesen. Auch habe man mit Querschlägen aus spanischer Richtung gerechnet. Das alles führe aber dazu, dass sich die Bindung zwischen Gibraltar und Großbritannien weiter festige, sagt Picardo. Vor ihm liegt das britische Knallblatt "The Sun": "Hände weg von unserem Felsen", schreibt es in großen Lettern zu einem Bild von Gibraltar. Im Inneren: ein Poster zum Herausnehmen.

Fabián Picardo, Chef der autonomen Regierung
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Fabián Picardo, Chef der autonomen Regierung

Dass es zum Brexit gekommen ist, bedauert auch Lloyd DeVincenzi, der mit Freund Schischa im Café sitzt. An der Zugehörigkeit Gibraltars zu Großbritanniens ändere das aber nichts. Er sorgt sich dennoch um die Verbindungen zu Spanien, das den Menschen in Gibraltar zumindest geografisch sehr viel näher liegt. "Wir haben viele Verbindungen zu Menschen auf der anderen Seite, Freunde, auch Ehepartner. Wir kommen gut klar mit den Leuten." Man solle offen verhandeln, ohne die Frage der Souveränitätsrechte klären zu wollen. Letztlich fühlten sich die Menschen in Gibraltar eben nicht nur britisch - sondern vor allem europäisch.

Jobs in Gibraltar sind begehrt

Natürlich treiben auch die Spanier die verschärften Kontrollen an der Grenze um. In der andalusischen Region, die sich vor Gibraltar erstreckt, ist die Arbeitslosigkeit hoch. In der Stadt La Línea de la Concepción etwa liegt sie bei knapp 40 Prozent. Von den Häuserwänden dort blättert der Putz, an den Straßen stehen Billig-Supermärkte neben halbfertigen Bauruinen. Jobs auf der prosperierenden Halbinsel wenige Minuten entfernt sind entsprechend begehrt.

Der Bürgermeister von La Línea, José Juan Rodríguez, sorgt sich nun, dass ein Teil der Arbeitsplätze für die spanischen Beschäftigten auf Gibraltar durch den Brexit wegfallen könnte. Sie sind vor allem für weniger gut bezahlte Arbeiten angestellt, etwa in der Gastronomie. "Unser großes Problem ist die Grenze", sagt Rodriguez. "Jetzt sind es zehn Minuten auf die andere Seite." Wie lange es künftig dauern wird, ist noch nicht absehbar. Er hofft, dass die Regierung in Madrid für die Region einsteht und investiert, um sie von Gibraltar unabhängig zu machen. Von konkreten Zusagen spricht er noch nicht.

Stunden später quält sich die nächste Autokarawane über die Grenze.




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lanzelot72 11.04.2017
1.
Zitat: "Die Europäische Union will Spanien in den Verhandlungen um den EU-Austritt des Vereinigten Königreichs ein zusätzliches Vetorecht für Gibraltar einräumen." Falsch. Die EU hat lediglich deutlich darauf hingewiesen, daß Spanien (wie jedes andere EU-Mitglied auch) über ein faktisches Veto über ZUKÜNFTIGE Handelsabkommen zwischen der EU und dem UK verfügt. Mit den AUSTRITTS-Verhandlungen nach Artikel 50 hat das zunächst einmal gar nichts zu tun. Aber, wie wir alle wissen: Brexit means Brexit!
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