Gift-Affäre Litwinenko-Kontaktmann in Lebensgefahr

Der Informant des vergifteten russischen Ex-Spions Alexander Litwinenko ist mit einer möglicherweise tödlichen Dosis Polonium 210 belastet. Die Obduktion Litwinenkos ergab, dass die ihm verabreichte Dosis 100fach tödlich war - und einen Beschaffungspreis von rund 30 Millionen Euro hatte.


London - Die Ärzte gingen davon aus, dass die Überlebenschancen des Italieners "praktisch bei null" lägen, berichtete die Zeitung "Daily Mirror" unter Berufung auf Polizeikreise. Die Mediziner hielten es "für ein Wunder", sollte Scaramella überleben. Die Zeitung "The Sun" berichtete, Scaramella sei "schwer krank"; laut "Daily Mail" schwebte der Italiener "in Lebensgefahr".

Mario Scaramella: "Schwere Bedrohung seiner Gesundheit"
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Mario Scaramella: "Schwere Bedrohung seiner Gesundheit"

Die Menge Polonium 210 stelle "eine schwere Bedrohung seiner Gesundheit dar", zitierte der "Guardian" einen Sprecher der Gesundheitsbehörde. Scaramella habe "eine potenziell tödliche Strahlenvergiftung" erlitten, schrieb der "Guardian". Das Krankenhaus teilte mit, Scaramella werde am Wochenende weiter untersucht. Bislang zeige er keine Symptome einer Vergiftung.

Gestern hatte ein Sprecher des Londoner University College Hospital, in das Scaramella zuvor eingeliefert worden war, noch gesagt, dem Patienten gehe es gut; die bei Scaramella nachgewiesene Menge Polonium 210 sei "bedeutend" geringer als die bei Litwinenko gefundene. Scaramella war einer der letzten gewesen, die Litwinenko vor seiner schleichenden Vergiftung getroffen hatten.

Er hatte den russischen Ex-Spion am 1. November in einem Londoner Sushi-Restarant getroffen. Scaramella hatte bei dem Treffen in der Sushi-Bar nichts gegessen, sondern nur ein Glas Wasser getrunken. Experten rätseln, wie das Polonium in seinen Körper kommen konnte. Litwinenko starb am 23. November.

Die Substanz wurde auch bei der Ehefrau von Litwinenko festgestellt, wie britische Medien berichteten. Marina Litwinenko sei allerdings nur sehr leicht kontaminiert worden, was kein großes Gesundheitsrisiko darstelle, meldete die BBC. Litwinenkos Frau ist nicht im Krankenhaus. Der britische Innenminister John Reid sagte dem Sender Sky News: "Es handelt sich um einen Bruchteil der tödlichen Dosis, die Herr Litwinenko hatte."

In der russischen Zeitung "Kommersant" äußerte ein weiterer Kontaktmann Litwinenko die Vermutung, dieser sei möglicherweise schon zwei Wochen früher als bislang vermutet vergiftet worden. Der russische Geschäftsmann Andrej Lugowoi sagte, er selbst habe sich möglicherweise bei einem Treffen mit Litwinenko und anderen Geschäftspartnern am 17. Oktober in London mit Polonium 210 kontaminiert. Lugowoi sagte dies als mögliche Begründung, weshalb in einem Flugzeug der British Airways, das er am 25. Oktober bestiegen hatte, Spuren von Radioaktivität gefunden wurden.

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Die Obduktion des Leichnams von Litwinenko wurde unterdessen abgeschlossen. Nach Informationen des "Guardian" enthielt der Körper eine Polonium-Dosis, die ihn mehr als 100 Mal hätte töten können und einem Beschaffungspreis von 20 Millionen Pfund (29,7 Millionen Euro) entsprochen habe. Ein Kreml-Sprecher sagte, Russland produziere Polonium nur in einer für Ausländer gesperrten Stadt.

Jeden Monat exportiere Russland unter strenger Kontrolle acht Gramm an US-Unternehmen. Dass das Material gestohlen oder geschmuggelt werde, sei völlig ausgeschlossen.

Britische Ermittler vermuteten, die Täter seien wahrscheinlich frühere russische Geheimdienstbeamte oder Mitglieder einer Verbrecherbande, die mit ihnen zusammenarbeite. Nur eine "staatliche" Institution könne Zugang zu Polonium 210 haben, sagten Beamte nach Angaben des "Guardian".

jaf/AFP/dpa

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