Giftanschlag in London Ärzte finden radioaktive Substanz im Körper des toten Ex-Spions

Alexander Litwinenko ist nach Erkenntnissen der britischen Gesundheitsbehörde mit radioaktivem Material vergiftet worden. Im Urin Litwinenkos wurden "hohe Konzentrationen" der Substanz Polonium entdeckt. Der russische Ex-Spion hatte in seinem Vermächtnis den Kreml für seinen Tod verantwortlich gemacht.


London - Der frühere russische Spion Alexander Litwinenko ist angeblich durch die hoch radioaktive und Krebs erregende Substanz Polonium vergiftet worden. Die unabhängige britische Behörde für Gesundheitsschutz teilte mit, dass Mediziner wenige Stunden vor dessen Tod im Urin Litwinenkos große Mengen der radioaktiven Substanz Polonium 210 festgestellt hätten. Behördenchef Pat Troop erklärte, die hohe Konzentration weise darauf hin, dass Litwinenko den Stoff gegessen, inhaliert oder über eine Wunde aufgenommen haben müsse.

Die Erkenntnisse geben dem Fall eine neue Wendung. Die Mediziner des University College Hospitals, in dem Litwinenko in den vergangenen Tagen behandelt worden war, wussten nach eigenen Angaben bis zuletzt nicht, welche Substanz für den rasanten körperlichen Verfall Litwinenkos gesorgt hatte. Erste Vermutungen, es handle sich um radioaktives Thallium, hatte das Ärzteteam später wieder revidiert.

Die Gesundheitsbehörde wies darauf hin, dass trotz der Entdeckung von radioaktivem Material bei Litwinenko keine Gefahr für die Öffentlichkeit bestehe. Polonium 210 sei nur für Menschen gefährlich, die es direkt in ihren Blutkreislauf aufgenommen hätten. Dies sei bei Litwinenko offenbar der Fall gewesen. Personen, die mit ihm Umgang hatten, seien jedoch nicht durch äußerliche Körperkontakte gefährdet.

Polonium 210 wirkt hochgiftig, wenn es in den Körper gelangt. Polonium ist ein radioaktives silberweiß glänzendes Metall, das Krebs auslösen kann. Es gehört zu den seltensten chemischen Elementen und ist in geringen Mengen in Uranerzen enthalten. Ein Teil der zahlreichen Polonium-Arten (Isotope) entsteht bei natürlichem radioaktivem Zerfall von Uran oder Thorium. Künstlich wird Polonium in Kernreaktoren erzeugt. Das Element wurde 1898 von der polnischen Chemikerin und späteren Nobelpreisträgerin Marie Curie entdeckt.

Radioaktive Strahlung in Sushi-Bar gemessen

Die Polizei stellte indes in dem Sushi-Restaurant, in dem Litwinenko kurz vor den ersten Vergiftungserscheinungen am 1. November zu Mittag gegessen hatte, erhöhte radioaktive Strahlung fest. Das sagte Gesundheitsbehördenchef Troop der BBC. "Wir messen nun den Grad der Strahlung und beurteilen die Gefahr, die davon möglicherweise für den Menschen ausgeht", sagte Troop.

Litwinenko hatte in der Sushi-Bar den italienischen Geheimdienstexperten Mario Scaramella getroffen. Zuvor war er in einer Hotelbar mit mindestens zwei Landsleuten zusammengekommen, einer von ihnen ein Fremder, der Litwinenko eigenen Angaben zufolge überredete, mit ihm eine Tasse Tee zu trinken.

In einer zwei Tage vor seinem Tod diktierten Erklärung, die Freunde und Familienangehörige heute verlasen, machte der Ex-Geheimdienstagent Russlands Präsidenten Wladimir Putin für den mutmaßlichen Giftanschlag verantwortlich. "Sie werden mich vielleicht erfolgreich zum Schweigen bringen, aber dieses Schweigen hat seinen Preis. Sie haben sich genau so barbarisch und unbarmherzig gezeigt, wie es Ihre schärfsten Kritiker behaupten", heißt es indem Vermächtnis Litwinenkos, der am 1. Oktober britischer Staatsbürger geworden war. "Aber ein weltweiter Aufschrei des Protests wird Ihr ganzes restliches Leben in Ihren Ohren widerhallen, Herr Putin. Möge Gott Ihnen vergeben für das, was Sie getan haben."

Putin bedauert Litwinenkos Tod

Am Rande des EU-Russland-Gipfels wies Putin die Vorwürfe zurück. "Solche Spekulationen sind unbegründet", sagte er in Helsinki und bedauerte zugleich den Tod seines Kritikers. Der Fall des 43-Jährigen spielte finnischen Angaben zufolge beim Gipfel keine Rolle.

"Der Tod eines Menschen ist immer eine Tragödie", sagte Putin. Den Freunden Litwinenkos warf er vor, politisches Kapital aus dem Tod des früheren Geheimagenten schlagen zu wollen. "Es ist sehr bedauerlich, dass ein tragisches Ereignis wie der Tod eines Menschen für politische Spekulationen missbraucht wird." Es gebe zudem eine Tendenz, auf Morde in Russland zu zeigen, solche Verbrechen in anderen Ländern aber zu ignorieren. "Schauen Sie auf europäische Länder, wo die Mafia systematisch Polizisten, Journalisten und Richter umbringt."

Bisher gebe es jedoch keinen Hinweis darauf, dass es sich überhaupt um ein Verbrechen handele, sagte Putin kurz vor Bekanntwerden der Erkenntnisse der britischen Ermittler über eine Vergiftung mit Polonium.

Das britische Außenministerium teilte am Nachmittag mit, es habe den Fall Litwinenko mit Vertretern der russischen Botschaft erörtert und erklärt, dass man diesen als "ernste Angelegenheit" betrachte. Sollten sich die Anschuldigungen Litwinenkos bestätigen, könnte das ernsthafte diplomatische Konsequenzen haben. Es wäre das erste Giftattentat im Westen seit dem Ende des Kalten Kriegs.

Litwinenko lebte seit 2000 in London im Exil. Vor kurzem hatte er die britische Staatsbürgerschaft bekommen. Er hatte zuerst 1998 Schlagzeilen gemacht, als er behauptete, vom FSB, dessen Chef damals Putin war, den Befehl zur Ermordung des russischen Milliardärs Boris Beresowski bekommen zu haben. Später behauptete er, es sei der FSB gewesen, der 1999 mehrere Bombenanschläge auf Wohnhäuser in Russland verübt habe, um einen Vorwand für den zweiten Tschetschenien-Krieg zu haben. Zuletzt beschäftigte sich Litwinenko mit Recherchen zur Ermordung der regimekritischen russischen Journalistin Anna Politkowskaja. Sie war am 7. Oktober in Moskau erschossen worden.

phw/AP/AFP/dpa/reuters



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