Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Syrien-Krise: Experten halten C-Waffen-Überwachung für unrealistisch

Uno-Beobachter in Syrien: Riskante Mission, ungewisser Ausgang Zur Großansicht
AP /United media office of Arbeen

Uno-Beobachter in Syrien: Riskante Mission, ungewisser Ausgang

Was taugt das neue Vermittlungsangebot in der Syrien-Krise? Das Assad-Regime bietet an, seine Chemiewaffen offenzulegen und sogar teils zu zerstören. Doch Experten haben Bedenken: Zu riskant wäre die Mission für Beobachter, zu gut versteckt sind die Arsenale, zu komplex wäre deren Vernichtung.

Washington/Damaskus - Es klingt wie ein guter Deal, zumindest auf dem Papier. Syrien gewährt internationalen Beobachtern den Zugang zu seinen Chemiewaffenbeständen und vernichtet große Teile der Kampfstoffe. Im Gegenzug verzichtet der Westen, angeführt von den USA, vorerst auf ein militärisches Eingreifen in dem Bürgerkriegsland. Was sich einfach liest, dürfte laut Experten in der Umsetzung größte Probleme mit sich bringen.

Schon in Friedenszeiten ist das Aufspüren und die Sicherung von chemischen Waffen alles andere als eine leichte Aufgabe - das haben Beispiele in Iran, dem Irak oder in Nordkorea bewiesen. Doch Syrien befindet sich im dritten Jahr eines blutigen Bürgerkriegs. Der Einsatz von Inspektoren der Vereinten Nationen würde dadurch noch einmal deutlich komplizierter, riskanter und kostspieliger.

"Das Kleingedruckte in dieser Abmachung macht mir große Sorgen", sagte Amy E. Smithson der "New York Times". Die Wissenschaftlerin forscht am Monterey Institute of International Studies zum Thema Chemiewaffen. "Es ist eine gigantische Herausforderung für die Inspektoren. Sie müssten die Produktion stilllegen, Fabriken schließen und eine Liste der Kampfstoffe sowie der Trägerwaffen erstellen. Dann müsste eine große Menge der Waffen zerstört werden - mitten in einem Kriegsgebiet."

Die Probleme beginnen schon, bevor Inspektoren überhaupt Zugang zu möglichen Waffenfabriken und Lagerstätten bekommen. Denn vor einer Entsendung steht die Frage: Wie viele dieser Orte gibt es in Syrien, und wo liegen sie? Schätzungen gehen derzeit von bis zu 50 Lagerstätten aus. Zuletzt sollen die Regierungstruppen jedoch versucht haben, die Bestände an weniger Orten zu konzentrieren. Damit wären diese theoretisch besser vor einer Eroberung durch die Rebellen zu schützen.

Nach Erkenntnissen des Bundesnachrichtendienstes (BND) hat Assad in den vergangenen Jahren mindestens 1000 Tonnen Giftgas gehortet, allein 700 Tonnen dieses tödlichen Arsenals bestehen aus Sarin-Gas, daneben besitzt er mindestens jeweils noch mal 100 Tonnen Senf- und VX-Gas. Zwar haben die Dienste durch Spionage und Satellitenbilder in den vergangenen Jahren ein halbes Dutzend Zentral-Depots ausgemacht. Ob sie aber alle entdeckt haben, ist völlig unklar, niemand will sich da festlegen.

Zwar haben Assads Diplomaten im Angesicht eines möglichen US-Schlags eine Offenlegung der Lagerstätten versprochen. Ob diese Zusicherungen des notorisch unzuverlässigen Regimes viel wert sind, wird allerdings von vielen Beobachtern bezweifelt. Viele vermuten, dass das Motiv hinter der Offerte schlicht der Zeitgewinn für das Regime ist.

Zudem müsste erst in komplizierten Verhandlungen geklärt werden, welche Waffensysteme unter die Lupe genommen werden dürfen. Schließlich taugen viele Raketensysteme sowohl für den Abschuss konventioneller als auch chemischer Waffen. Welche Anlagen daher unter den Deal fallen, ist Auslegungssache und im Detail festzulegen.

Noch größere Bedenken weckt allerdings die katastrophale Sicherheitslage in Syrien. Ständig wechselnde Frontlinien, unsichere Bündnisstrukturen der Rebellen und die immer gegenwärtige Bedrohung durch al-Qaida machen eine Sicherung der Uno-Mission zur logistischen Herausforderung. Von einem "Alptraum" spricht ein namentlich nicht genannter Experte der Obama-Administration laut "New York Times". Beobachter bräuchten bei einem Einsatz im Kriegsgebiet bewaffnete Begleitkommandos, die stark genug wären, um einen Angriff aus einem der beiden Lager zu kontern.

Vernichtung der C-Waffen extrem aufwendig

Ein Beispiel ist die Anlage in Safira vor den Toren von Aleppo. Dort betreibt die Armee eine streng gesicherte Fabrik zur Produktion von Nervengas. Das Areal und die umliegenden Straßen wurden in der Vergangenheit wiederholt Ziel von Attacken durch die Rebellen. Ein Einsatz von Inspektoren wäre in der aktuellen Sicherheitslage nur unter größten Risiken und mit entsprechendem Schutzaufwand möglich.

Doch selbst wenn eine Erhebung und Sicherung der Bestände gelingen sollte, stünde eine gigantische Aufgabe noch bevor: die Vernichtung der C-Waffen des Assad-Regimes. Genaue Zahlen über die Bestände liegen nicht vor. Als wahrscheinlich gilt jedoch, dass der Diktator in den vergangenen Jahren nach den USA und Russland das drittgrößte Arsenal der gefährlichen Kampfstoffe angehäuft hat.

Um diese Waffen unschädlich zu machen, sind umfangreiche technische Vorbereitungen nötig. So müssen etwa bereits mit C-Waffen versehene Trägersysteme (zum Beispiel Bomben oder Raketen) zunächst zerlegt werden. Wegen der Gefahr durch die enthaltenen Kampfstoffe wird diese Aufgabe in den USA meist von Robotern übernommen.

"Abmachung ist mit Vorsicht zu genießen"

Danach müssen die enthaltenen Gifte bei extrem hohen Temperaturen verbrannt werden, um sie unschädlich zu machen. Für bestimmte Kampfstoffe ist auch eine chemische Vernichtung möglich. In jedem Fall würde eine Zerstörung des Assad-Arsenals in Kriegszeiten einen horrenden logistischen und sicherheitstechnischen Aufwand bedeuten.

"Die vollständige Abrüstung Syriens würde Jahre dauern und wohl erst in einer halbwegs stabilen Sicherheitslage in Angriff genommen werden können", sagt deshalb die deutsche Expertin Una Becker-Jacob, die beim Peace Research Institute in Frankfurt über Chemiewaffen forscht. Ihrer Meinung nach wäre ein solcher Prozess erst in "einer halbwegs stabilen Nachkriegssituation möglich" und sicherlich nicht während des laufenden Bürgerkriegs.

Diese Bedenken existieren offenbar auch auf Seiten der westlichen Regierungen. US-Präsident Obama sprach zwar von einer "potentiell positiven Entwicklung", hält jedoch auch den Druck auf das syrische Regime aufrecht, warnt vor einer Hinhaltetaktik.

Auch C-Waffen-Expertin Amy E. Smithson sieht keinen Anlass für zügellosen Optimismus: "Diese Abmachung klingt gefährlich verlockend. Sie ist mit Vorsicht zu genießen."

jok/mgb

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 229 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Diplomatischer Coup
kategorien 11.09.2013
Putin hat den Westen vorgeführt. Ein diplomatischer Coup für Russland -- mit Nachteilen für den Westen und die USA. So fühlt es sich an, wenn der Westen an Macht verliert. Dann wiegen wir uns mit Abkommen in Sicherheit, die de facto unrealistisch sind und selbst dann, wenn sich zeigt, dass sie unrealistisch sind (z.B., wenn Chemiewaffen übrig bleiben), sind wir und unsere Verbündeten die Verlierer.
2. Dann lieber kaputtbomben
makjti 11.09.2013
Und was ist die Alternative dazu? Ein Militärschlag wird sie mit Sicherheit nicht vernichten, sondern die chemischen Kampfstoffe freisetzen. Natürlich wird das Vernichten der Kampfstoffe kein Zuckerschlecken, der Spiegel ist aber wieder kräftig am Trommeln für den Militärschlag. Warum?
3. Alternativlos
ruediger 11.09.2013
Zitat von sysopAP /United media office of ArbeenWas taugt das neue Vermittlungsangebot in der Syrien-Krise? Das Assad-Regime bietet an, seine Chemiewaffen offenzulegen und sogar teils zu zerstören. Doch Experten haben Bedenken: Zu riskant wäre die Mission für Beobachter, zu gut versteckt sind die Arsenale, zu komplex wäre deren Vernichtung. http://www.spiegel.de/politik/ausland/experten-zerpfluecken-kompromiss-zu-syriens-chemiewaffen-a-921615.html
Die Sicherung und Vernichtung mag schwierig und riskant sein, aber sie ist "alternativlos". Denn nur so eine unkontrollierte Verbreitung in dem Bürgerkriegsland wirksam verhindert werden. Auch ein Militärschlag der USA würde das Problem ja nicht lösen (da die im ganzen Land verteilten C-Waffen aus der Luft wohl nicht einfach unschädlich gamacht werden können (ohne eine unkontrollierte Freisetzung zu riskieren)), sondern bestenfalls die Grundlage für die Vernichtung schaffen.
4. optional
peakperformance 11.09.2013
warum so kompliziert? Assad soll seine Chemie Waffen selbst vernichten unter Aufsicht bis zu einem festgelegten Zeitpunkt ohne wenn und aber! Wenn er es nicht macht, können Obama und Kollegen ja immer noch zuschlagen
5. Ein paar Bömbchen, sonst nix ...
LinkesBazillchen 11.09.2013
Zitat von sysopAP /United media office of ArbeenWas taugt das neue Vermittlungsangebot in der Syrien-Krise? Das Assad-Regime bietet an, seine Chemiewaffen offenzulegen und sogar teils zu zerstören. Doch Experten haben Bedenken: Zu riskant wäre die Mission für Beobachter, zu gut versteckt sind die Arsenale, zu komplex wäre deren Vernichtung. http://www.spiegel.de/politik/ausland/experten-zerpfluecken-kompromiss-zu-syriens-chemiewaffen-a-921615.html
Was soll denn dieses Geschwätz dieses Artikels? Reklame für Raketenbeschuss? Mission zu riskante Mission für die Beobachter? Zu komplex die Vernichtung? Was sollen diese Aussagen? Lösen Bomben die Probleme? Bestrafungsaktion? Wo bleiben eigentlich unsere Resozialisierungforderungen bezüglich Assad und den Mörderrebellen? Das ist doch unsere Hauptgedanke bei Klein- und Großkriminalität!
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Fläche: 185.180 km²

Bevölkerung: 22,265 Mio.

Hauptstadt: Damaskus

Staatsoberhaupt:
Baschar al-Assad

Regierungschef: Imad Khamis

Mehr auf der Themenseite | Wikipedia | Syrien-Reiseseite



Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: