Giftgas in Syrien Offenbar erträglich

In Syrien sterben Männer, Frauen und Kinder an Giftgas, und der Westen sieht zu, weil er sich nicht entscheiden kann und will zwischen dem Übel Assad und dem Übel Krieg gegen Assad.

Giftgas-Opfer in Chan Schaichun, Nordsyrien
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Giftgas-Opfer in Chan Schaichun, Nordsyrien

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Was in der syrischen Provinz Idlib geschehen ist, das wissen wir noch nicht genau. Hat die syrische Regierungsarmee wieder Chemiewaffen gegen die Zivilbevölkerung eingesetzt, womöglich das schreckliche Giftgas Sarin? So sagt es die syrische Exil-Opposition, so sehen es die USA, Frankreich und Großbritannien. Auch der deutsche Außenminister macht das syrische Regime verantwortlich. Oder war es doch anders? Haben Regierungstruppen unwissentlich das Chemiewaffendepot einer Rebellengruppe bombardiert und so, quasi aus Versehen, das tödliche Gas freigesetzt? So sagt es Russland. Diese Fragen müssen geklärt werden, will man die Verantwortlichen identifizieren und irgendwann für dieses abstoßende Kriegsverbrechen bestrafen. Aber letztlich spielt es keine große Rolle: Absicht oder Kollateralschaden, Sarin oder irgendein anderes Teufelszeug.

Denn was in der syrischen Provinz Idlib geschehen ist, darüber wissen wir doch das Wichtigste: Mindestens 72 Menschen, berichtet die Nachrichtenagentur AFP, sind hier am Dienstagmorgen in der nordsyrischen Stadt Chan Schaichun gestorben, darunter 17 Frauen und 20 Kinder. Viele der Opfer hatten stark verengte Pupillen, sie hatten Schaum vor dem Mund, ein AFP-Reporter sah leblose Körper auf der Straße liegen, sah Menschen mit Atemnot und Krämpfen. Und es gibt Fotos von Opfern, von toten Kindern, äußerlich unverletzt, ermordet auf heimtückische Weise: Sie hatten keine Möglichkeit, sich zu schützen, keine Chance, sich in Sicherheit zu bringen.

Rituelle Empörung ohne Folgen

Die Bilder der Opfer werden jetzt vielfach "unerträglich" genannt, aber falls damit das darauf abgebildete Leid gemeint sein sollte, dann handelt es sich hierbei um eine Fehleinschätzung. Denn ganz offensichtlich ist dieses Leid sehr erträglich für die wenig betroffenen Betrachter weit weg von Syrien, anders ist es nicht zu erklären, dass schon über 400.000 Menschen im syrischen Bürgerkrieg sterben mussten, ohne dass die sogenannte Internationale Gemeinschaft es verhindern konnte oder wollte.

Stattdessen erleben wir die erneute Aufführung eines seit sechs Jahren, so lange der Bürgerkrieg andauert, gut eingeübten öffentlichen Rituals: Jetzt gilt es wieder mal, für einige Tage betroffen zu sein und zu fordern, dass das Töten ein Ende haben muss. Die westlichen Regierungen verurteilen den schlimmen Diktator Baschar al-Assad, aber zu mehr als einer empörten Verbalnote können sie sich nicht entschließen. Besonders bezeichnend ist die Reaktion des US-Präsidenten Donald Trump, der sich zwar per Erklärung über das Verbrechen an den Menschen von Chan Schaichun empört, dann aber deutlich mehr Energie darauf verwendet, den wahren Schuldigen zu identifizieren: seinen Amtsvorgänger Barack Obama.

Jetzt könnte Trump sich nützlich machen

Und fast möchte man Trump dieses eine Mal zustimmen, denn tatsächlich hat sich der damalige US-Präsident schuldig gemacht mit seiner Ankündigung im August 2012, der Einsatz von Giftgas sei eine "rote Linie", die nicht überschritten werden dürfe. Denn auf diese starken Worte folgte - nichts. Die hohle Drohung wurde so zur Einladung für Baschar al-Assad, weiter jedes Mittel einzusetzen, das er im Kampf um die Macht in Syrien für angemessen hält. Mehr als Ermahnungen hat er seither aus dem Weißen Haus nicht zu fürchten, wenn er Fassbomben und Giftgas gegen die Zivilbevölkerung einsetzen lässt.

Obama hat im Syrienkonflikt versagt, mit dieser wenig originellen Erkenntnis hat Donald Trump mal recht. Aber Barack Obama ist seit Anfang Februar nicht mehr Präsident, und der neue darf sich nicht damit begnügen, den alten zu kritisieren. Es wäre jetzt Trumps Chance, sich einmal nützlich zu machen und seine womöglich guten Beziehungen zur russischen Regierung dahingehend zu nutzen, Wladimir Putin davon zu überzeugen, dass er die Unterstützung Assads aufgeben muss, weil mit diesem Mann keine friedliche Zukunft für Syrien denkbar ist.

Tatsächlich weisen die jüngeren Signale aus Washington eher in die entgegengesetzte Richtung. Man müsse Assad als "politische Realität" anerkennen, sprach erst vor fünf Tagen Trumps Sprecher Sean Spicer, denn wichtiger sei es, den IS zu bekämpfen. Das klang so, als sei Trump ganz auf die russische Linie eingeschwenkt. Wahrscheinlicher ist es aber, dass der US-Präsident, wie bei so vielen anderen außenpolitischen Themen, keinerlei Linie verfolgt, weil er sich schlicht nicht dafür interessiert, was mit Menschen jenseits seines Horizonts geschieht. Das Produkt Frieden in Syrien scheint dem CEO der USA offenbar nicht profitabel.

Wegschauen geht nicht, mitmachen auch nicht

Jetzt soll immerhin der Sicherheitsrat beschließen, dass untersucht werden möge, wer für den Giftgasangriff verantwortlich ist - wenn die Vetomacht Russland eine solche Untersuchung nicht verhindert. Die Toten haben so oder so nichts davon, und neue Tote wird eine solche Untersuchung auch nicht verhindern können.

Allerdings ist auch der Vorwurf der Untätigkeit an die westlichen Regierungen Teil des immer gleichen Rituals. Denn was sollen sie denn tun? Soll man tatsächlich eine Koalition schmieden und einmarschieren in Syrien, um Baschar al-Assad zu entmachten und das Land zu befrieden? Wenn es denn so einfach wäre. Sollen sich Europäer und Amerikaner wirklich in einen Krieg begeben, der jetzt schon so unübersichtlich ist, dass kaum noch zwischen Gut und Böse unterschieden werden kann? Sollen sie in eine offene Konfrontation mit Russland gehen, das auf der Seite Assads kämpft? Sollen sie sich auf ein brandgefährliches Abenteuer einlassen, dessen Ausgang völlig offen ist? Wie viele der westlichen Militärinterventionen der vergangenen Jahre haben den Menschen in den betroffenen Ländern Frieden und Sicherheit gebracht? Keine. Und aus dieser Erfahrung heraus soll man jetzt einen neuen Kriegseinsatz starten?

Auf der anderen Seite: Kann die westliche Wertegemeinschaft, sofern es sie noch gibt und sofern Menschlichkeit zu ihren Werten zählen sollte, immer weiter schulterzuckend zusehen dabei, wie Tausende und Tausende Menschen auf grausame Weise sterben, ohne ihre Werte zu verraten, ohne ihre Seele zu verlieren?

Es ist ein schreckliches, ein unerträgliches Dilemma. Wer sich aber nicht entscheiden möchte oder kann zwischen dem Übel Assad und dem Übel Krieg gegen Assad, der muss den schrecklichen Krieg in Syrien weiter ertragen. Der muss die Bilder von toten Kindern weiter ertragen. Und der muss vor allem jeden Syrer und jede Syrerin, die es schaffen, dieser Hölle zu entkommen, mit offenen Armen empfangen und ihnen Hilfe und Schutz bieten. Vielleicht können wir den Krieg in Syrien nicht stoppen. Aber wir können den Flüchtlingen aus Syrien helfen. Das ist das Mindeste, was wir tun können. Vielleicht das Einzige.

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Lamentierer 05.04.2017
1. Falsche Fragestellungen
Der Autor sollte vielleicht einaml fragen, was denn die muslimischen Glaubensbrüder, egalo ob Schiiten oder Sunniten dazu sagen. Assad ist Alawit. Zitat aus Wiki: Größeres politisches Gewicht gewannen die Alawiten erstmals 1963 durch die Machtübernahme der Baath-Partei, weil ein großer Teil der Führungskader im militärischen und zivilen Arm dieser Partei Alawiten waren. 1970 übernahm der aus Qardaha (südöstlich von Latakia) stammende alawitische Verteidigungsminister und Luftwaffenchef Hafiz al-Assad die Macht im Staat und wurde durch ein Referendum am 12. März 1971 als Staatspräsident bestätigt. Das Alawitengebiet profitierte von al-Assads Macht deutlich, vor allem die kleine Hafenstadt Latakia dehnte sich in einem Bauboom weit aus.[27] Zitatende Warum also soll der Westen wieder einmal Weltpolizist spielen. Damals im Irak als Hussein 5 000 Kurden durch einen Giftgaseinsatz grausam ermodete geschah auch nichts. Und das heutige Dilemma ist wesentlich auf das Engagement des Westen in Afghanistan beginnend zurückzuführen. Sollen sich doch die arabischen Nachbarstaaten einschl.. der Türkei um diese Probleme kümmern. Oder gibt es Verantwortungen aus der Kolonialzeit für Frankreich und England? Wir sollten uns zurückhalten, auch wenn dies schwer fällt. Im Übrigen ist die EU zerstritten und auschließlich England besitz die militärischen Mittel im Ansatz hier tätig zu werden, neben den Amerikanern. Und die, die haben die Nase voll. Trump hat vollkommen zurecht Bush jun. kritisiert wegen seines Krieges gegen den Irak. Dsa wird hier immer unterschlagen!
Rheinlandpragmatiker 05.04.2017
2. Treffen, wo es weh tut
Ich sehe keine Chance, militärisch einzugreifen, ohne die Gefahr eines 3. Weltkriegs einzugehen. Die wahre Schande sehe ich auch darin, Russland als Schutzmacht dieses barbarischen Diktators nicht zu ächten und dort zu treffen, wo man leider fast alle Menschen am ehesten treffen kann: beim Geld und der Wirtschaft. Menschliche Empörung zu heucheln und auf der anderen Seite weiter fröhlich Geschäfte machen, das ist meiner Meinung nach der eigentliche Skandal!
Knippi2006 05.04.2017
3. Warum, zum Teufel
hat man nicht schon vor Jahren den Palast dieses Schlächters in Schutt und Asche gelegt? Noch bevor die Russen involviert waren? Warum bombardiert man nicht grundsätzlich die Schlangenköpfe, anstelle der Fußtruppen mitsamt einkalkulierten Kollateralschäden? Sind oder waren die Geheimdienste derart unfähig, den genauen Aufenthaltsort von Assad, Gaddafi, Hussein zu einem bestimmten Zeitpunkt zu bestimmen?
götzvonberlichingen_2 05.04.2017
4. Postillion
Es wird seit Jahren hingenommen, dass In Syrien Menschen im großen Stil getötet werden. Mit den Worten des Postillion gefragt: "Menschen ermorden offenbar immer dann nicht mehr ok, wenn Giftgas involviert ist"
specialsymbol 05.04.2017
5. Der Westen sieht zu..
..weil es keine einfache Lösung gibt. Und weil Russland anfängt seine Interessen auf die gleiche Weise wie die USA zu vertreten - und vor dem, was daraus entstehen kann, haben alle Angst.
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