Indizien für Giftgasangriff in Syrien Funksprüche, Videos und Assads grausamer Bruder

Für einen Militärschlag gegen Syrien brauchen die Nato-Mächte einen Nachweis, dass das Assad-Regime Giftgas eingesetzt hat. Bislang gibt es nur Indizien wie abgehörte Funksprüche und Videos - mehr Klarheit sollen die Uno-Inspektoren bringen.

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Ein Militärangriff der USA und ihrer Verbündeten gegen das Assad-Regime wird wohl nicht mehr diese Woche erfolgen. Briten und Amerikaner wollen zunächst den Bericht der Uno-Inspektoren abwarten, die derzeit Untersuchungen am Ort des Giftgasangriffs bei Damaskus durchführen. Laut Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon sollen die Chemiewaffenexperten Syrien am Samstagmorgen verlassen und ihm dann Bericht erstatten.

Auch Russland will erst über eine Uno-Resolution zu Syrien diskutieren, wenn die Inspektoren ihre Arbeit vor Ort abgeschlossen haben. Während Nato und Arabische Liga das Assad-Regime bereits als Schuldigen für den Tod Hunderter Zivilisten am 21. August ausgemacht haben, vermutet Moskau syrische Rebellen hinter dem Angriff. Ob die Uno-Experten die Schuldfrage klären können, ist höchst ungewiss. Ihr Mandat sieht lediglich vor, dass sie klären, ob ein Chemiewaffenangriff stattgefunden hat, aber nicht, wer ihn ausgeführt hat. Der Uno-Sondergesandte für Syrien, Lakhdar Brahimi, hat bereits erklärt, dass es Beweise für den Einsatz "einer Art von Substanz" gebe.

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Giftgasvorwürfe gegen Assad: Gerüchte und Indizien
Die USA haben angekündigt, ihre Beweise für die Schuld des Assad-Regimes der Öffentlichkeit vorzulegen. Derzeit gibt es lediglich eine Kette von Gerüchten und Indizien, die diese These stützen.

  • Funksprüche: Das Magazin "Foreign Policy" berichtet, dass US-Geheimdienste Stunden nach dem Angriff Funksprüche zwischen dem syrischen Verteidigungsministerium und dem Kommandeur einer Chemiewaffeneinheit abgefangen haben. Einzelheiten zum Inhalt des Gesprächs wurden nicht bekannt, der Beamte des Verteidigungsministeriums habe jedoch "panisch" gewirkt. Marie Harf, Sprecherin des US-Außenministeriums, räumte ein, dass die Vereinigten Staaten nicht wüssten, wer den Befehl zum Chemiewaffeneinsatz erteilte. Grundsätzlich müsse jedoch der Oberbefehlshaber - also Syriens Diktator Baschar al-Assad, die Konsequenzen für die Entscheidungen seiner Militärs tragen.

  • Alleingang des Bruders: Ein Uno-Beamter, der seit Jahren die Konflikte im Nahen Osten beobachtet, sagte der Nachrichtenagentur Bloomberg, er vermute Baschar al-Assads jüngeren Bruder Mahir als Befehlshaber für den Angriff. Er kommandiert die Republikanischen Garden und die Vierte Division der Syrischen Armee. Diese Eliteeinheit kam im syrischen Bürgerkrieg bereits bei mehreren wichtigen Gefechten zum Einsatz - unter anderem beim Kampf um Homs. Der Giftgaseinsatz könne ein Alleingang Mahirs gewesen sein und keine strategische Entscheidung des Präsidenten, so der namentlich nicht genannte Uno-Offizielle.

  • Videos: Die unabhängigen Waffenexperten Nic Jenzen-Jones und Eliot Higgins haben Videos analysiert, die zeigen sollen, dass die syrische Armee Raketen, wie sie in den Vororten von Damaskus einschlugen, bereits zuvor eingesetzt haben. Ein Video zeigt Männer in Zivil und Soldaten mit roten Baretten, die üblicherweise von der Republikanischen Garde getragen werden. Sie laden Raketen von einem Transporter und verfrachten sie auf einen Raketenwerfer, der auf einem Lastwagen montiert ist. Anschließend feuern sie die Geschosse ab. Das Video wurde von syrischen Aufständischen ins Netz gestellt und ist undatiert. Aufgenommen worden sei es nahe der Stadt Daraja, einem Vorort von Damaskus. Bei dem Raketenwerfer soll es sich laut Jenzen-Jones um ein iranisches Falak-2-Modell handeln. Bei den Geschützen, die zu sehen sind, soll es sich um Boden-Boden-Raketen handeln. Sie sollen mindestens 2800 Millimeter lang sein und einen Durchmesser von 330 Millimetern haben. Auf Videos ist zu sehen, wie Uno-Inspektoren in Syrien genau diese Art von Raketen am Ort des Giftgasangriffs untersuchen.

Damit scheint klar, dass die syrische Armee Raketen auf die Vororte von Damaskus abgefeuert hat. Es gibt bisher jedoch keine unwiderlegbaren Beweise dafür, dass diese auch mit chemischen Kampfstoffen gefüllt waren. Können die Uno-Inspektoren diese Gewissheit erbringen?

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