Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Giftgasangriff in Syrien: Obama geht auf Kriegskurs

Von , Washington

Für das Weiße Haus ist es so gut wie erwiesen, dass Syriens Regime Chemiewaffen eingesetzt hat. Nach langem Zaudern erwägt US-Präsident Obama nun einen Militärschlag, womöglich unter Nato-Führung. Auf den Segen der Uno verzichtet er.

Es war ein idyllischer Sonntag. Statt der üblichen August-Hitze genoss Washington ausnahmsweise mal Sommerwetter wie aus dem Bilderbuch. US-Präsident Barack Obama nutzte die Gelegenheit und ließ sich nach Fort Belvoir hinausfahren, einen Militärstützpunkt südlich der Stadt, um mit drei guten Freunden Golf zu spielen - viereinhalb Stunden lang.

Hinter den Kulissen jedoch herrschte Hochspannung: Methodisch und - so scheint es - immer unaufhaltsamer rüstet sich das Weiße Haus für einen Militärschlag gegen Syrien.

Von Obamas Krisensitzung mit dem Nationalen Sicherheitsrat am Samstag war zunächst nur wenig durchgesickert. Am Sonntag aber lancierte ein hochrangiger Regierungsberater ein schriftliches Statement an die Medien, das nach monatelangem Zögern und Zaudern neue und vor allem schärfere Töne anschlug.

"Willkürlicher Einsatz von Chemiewaffen"

Die Erklärung bezog sich auf die Horrorberichte über Giftgasangriffe aus der Region um Damaskus: "Zu diesem Zeitpunkt herrschen kaum Zweifel mehr, dass das syrische Regime bei diesem Vorfall eine Chemiewaffe gegen Zivilisten einsetzte." Das Angebot des syrischen Machthabers Baschar al-Assad, den Uno-Inspekteuren endlich Zugang zu verschaffen, lehne man als viel "zu spät" ab: Die verfügbaren Beweise seien "vom Dauerbeschuss durch das Regime und andere bewusste Aktionen" beschädigt.

Mit anderen Worten: Die Uhr ist abgelaufen.

Zwar betonte das Weiße Haus, es prüfe weiter alle Optionen, wie auf "diesen willkürlichen Einsatz von Chemiewaffen" zu reagieren sei. Doch die Weichen sind längst gestellt: Faktisch, politisch und moralisch bleibt Obama keine Wahl mehr.

Vor allem militärisch deutet alles auf einen baldigen Einsatz hin. Das Pentagon hat unter anderem vier Zerstörer mit Marschflugkörpern im östlichen Mittelmeer in Position gebracht. Die Liste ihrer Ziele umfasst mobile Einheiten und Kommandozentren der syrischen Armee. Als "Blaupause", so berichtet es die "New York Times", dienten die Luftangriffe, mit denen die USA 1999 im Kosovo-Konflikt intervenierten - mangels Uno-Votum mit dem Segen der Nato.

Suche nach der internationalen Koalition

Auch in der aktuellen Krise spielen die Vereinten Nationen nur noch eine Nebenrolle. Die lange verzögerte "Fact-Finding-Mission" ihrer Experten ist viel zu beschränkt: Sie prüfen nur, ob Chemiewaffen zum Einsatz kamen - doch nicht, durch wen.

Schon am Freitag hatte Obama einen Weg ohne die Uno angedeutet. Um ein anderes Land "ohne Uno-Mandat und klare Beweise" anzugreifen, sagte er in einem CNN-Interview, müsste sich Washington auf das Völkerrecht stützen - und eine internationale Koalition.

Diese Koalition könnte, wie im Kosovo, die Nato bieten. Darauf deutet auch hin, dass Obama am Wochenende mit dem britischen Premier David Cameron und Frankreichs Präsident François Hollande telefonierte. Beide Gespräche vermeldete das Weiße Haus fast wortgleich, was den Wunsch nach einer gemeinsame Linie vermuten lässt: Der mutmaßliche Einsatz von Chemiewaffen wecke "schwerste Befürchtungen", auf die die internationale Gemeinschaft reagieren müsse.

"Nicht auf die Vereinten Nationen warten"

Doch zuerst müssten die Ziele eines solchen Einsatzes definiert werden: Was genau soll damit erreicht werden? Wie groß wird der Aufwand sein? Rechtfertigen die Kosten die Mittel?

Vor allem Obama pocht auf klare Vorgaben. Er ist Militäreinsätzen von Natur aus abgeneigt. Das Desaster im Irak hat er als abschreckendes Beispiel vor Augen. Anders als Vorgänger George W. Bush scheut er großspurig-geopolitische Ansprüche, überlässt lieber den Alliierten das Kommando, wie zuletzt in Libyen. Zugleich zwingt ihn der Massenmord durch Chemiewaffen aber moralisch zum Handeln - zumal er an die "rote Linie" gebunden ist, die er vor einem Jahr zog.

Den US-Kongress hat er auf seiner Seite. Politiker beider Parteien forderten jetzt "chirurgische" Schläge gegen Syrien, etwa mit Marschflugkörpern. "Auf jeden Fall können wir nicht auf die Vereinten Nationen warten", sagte Eliot Engel, der führende Demokrat im Außenausschuss des US-Repräsentantenhauses, auf Fox News. "Die Russen blockieren alles mit ihrem Veto."

Dabei dürfte es Obama auch relativ egal sein, dass Amerikas Öffentlichkeit ein militärisches Einschreiten in Syrien eher skeptisch sieht. Nach einer jüngsten Reuters-Umfrage sind rund 60 Prozent gegen eine Intervention und nur neun Prozent dafür. Selbst wenn sich der Chemiewaffeneinsatz bestätigte, würden nur 25 Prozent eine US-Aktion befürworten. Die letzten Kriege haben ihre Wunden hinterlassen.

Edward Luttwak, außenpolitischer Experte am Center for Strategic and International Studies, warnte in einem Essay für die "New York Times" auch jetzt vor einem Angriff: "Die Obama-Regierung sollte der Versuchung widerstehen." Denn auch ein Sieg der Rebellen wäre "extrem gefährlich", da er Extremisten und Qaida-Elemente an die Macht bringen könnte. Wünschenswerter für US-Interessen sei "ein andauerndes Patt".

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 823 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Lieferanten
bernd80b 26.08.2013
Zuerst lässt man das Zeug liefern, und wenn es eingesetzt wird, droht man mit Krieg. Warum bestraft man nicht die Lieferanten bzw. verbietet die Lieferung. Wir alle, nämlich alle Leute auf der Welt, werden von der Politik nur verarscht.
2. Die Flucht nach vorne
spon-facebook-10000069206 26.08.2013
Bis jetzt steht es ganz schlecht mit dem Kriegsbuendnis fuer Syrien.US+UK+FR,DE,Israel.Es droht eine militaire Niederlage und so allmaehlig verstehen die Buerger in Europa+NordAmerika welches schmutziges+gefaehrliches+teueres Spiel gespielt wird.Im Anfang hat man ueber die Geheimdienste noch versucht betruegeriche Informationen zu ventilieren,aber inzwischen haben mutige Journalisten ihr Leben auf dem Spiel gesetzt um die harte Wahrheit ans Licht zu bringen.Jetzt steht es ganz schlecht um das Image des NobelFriedensPreisTraegers Obama und seine Koalitionspartners und es muss mit politischen Folgen in den betreffenden Laendern gerechnet werden.Also jetzt eine Flucht nach vorne mit der Ausrede von Massenvernichtungswaffen die in den vorherigen Kriegen nur von USA benutzt wurden.Zugleich will man dabei die urspruenglichen Ziele verwirklichen wobei Israel,Tuerkei,SaudiArabien.EU+USA Vorteile gewinnen.Das man dabei mit Feuer spielt kann man sehen an den Reaktionen von wichtigen Laendern
3. ...
itsecuritydude 26.08.2013
Vielleicht kommt meine frage ja heute mal an der zensur vorbei: Assad: gewinnt gerade, warum sollte er jetzt alles riskiren? FSA: verlieren, würden massiv von einer Intervention profitieren und wurden schon beim giftgas import über die türkei erwischt. Rein intuitiv würde ich die gas attacke doch den rebellen zuschreiben, oder nicht? Warum wird dann eine militärschlag gegen Assad erwogen? Die Frage ist ernst gemeint, und ich würde mich über jeglich Antworten oder Denkanstösse freuen!
4. Na bravo
seine-et-marnais 26.08.2013
Zitat von sysopDPAFür das Weiße Haus ist es so gut wie erwiesen, dass Syriens Regime Chemiewaffen eingesetzt hat. Nach langem Zaudern erwägt US-Präsident Obama nun einen Militärschlag, womöglich unter Nato-Führung. Auf den Segen der Uno verzichtet er. http://www.spiegel.de/politik/ausland/giftgasangriff-in-syrien-usa-bereiten-militaerschlag-vor-a-918519.html
Das fehlt den leidenden Syrern gerade noch, Militärschläge. Mit dem Verzicht auf eine UN-Entscheidung begeht er einen Angriffskrieg, darüber sollten sich Cameron, Hollande und Merkel im klaren sein. Des weiteren ist das keine Lösung des syrischen Problemes. Will Obama die Al Kaida an die Macht bomben?
5. 'Wünschenswert'
addit 26.08.2013
für die USA scheint zu sein, dass sich alle gegenseitig vergasen...so ein anständiges Patt, ne!
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH





Fläche: 185.180 km²

Bevölkerung: 22,265 Mio.

Hauptstadt: Damaskus

Staatsoberhaupt:
Baschar al-Assad

Regierungschef: Wail al-Halki; Imad Khamis (designiert)

Mehr auf der Themenseite | Wikipedia | Syrien-Reiseseite

Karte

Chronologie: Der Aufstand gegen Assad

Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: