Giftmord an Litwinenko Tödlicher Drink im Fünf-Sterne-Hotel

Bei ihren Ermittlungen im Fall Litwinenko konzentriert sich Scotland Yard auf die Bar des Londoner Nobel-Hotels Millenium. Wahrscheinlich mischten die Mörder dem Ex-Agenten hier die tödliche Dosis Polonium in einen Drink. Jetzt sollen 200 Hotelgäste auf radioaktive Strahlung untersucht werden.


London/Moskau - Die Ermittler gehen britischen Zeitungsberichten zufolge davon aus, dass Alexander Litwinenko in der Hotelbar des Londoner Millennium Hotels vergiftet wurde. Der frühere Agent des russischen Geheimdienstes KGB und dessen Nachfolgeorganisation FSB hatte sich dort am 1. November, dem Tag seiner Erkrankung, mit drei russischen Geschäftsmännern getroffen: dem ehemaligen KGB-Agenten Andrej Lugowoi, dem früheren Geheimdienstleibwächter Dmitrij Kowtun und Wjatscheslaw Sokolenko. Sie betreiben gemeinsam eine Wach- und Sicherheitsfirma am Stadtrand von Moskau.

Millenium Hotel in London: Giftmischer im vierten Stock?
AFP

Millenium Hotel in London: Giftmischer im vierten Stock?

Gestern hatten die britischen Gesundheitsbehörden bekannt gegeben, dass bei sieben Hotelangestellten Spuren des radioaktiven Polonium-210 nachgewiesen worden seien. Pat Troop, Chef der Gesundheitsschutzbehörde, erklärte, für die Mitarbeiter bestünde keine kurzfristige Gesundheitsgefahr, er räumte jedoch gleichzeitig ein "sehr geringes" langfristiges Krebsrisiko ein.

Nun sollen auch mehr als 200 Gäste des Fünf-Sterne-Hotels am Grosvenor Square medizinisch untersucht werden. Es gehe um Gäste, die am 1. November die Bar des Millennium Hotels besucht hätten, teilten die Behörden mit. Die Pine Bar des Millennium wird vor allem von Geschäftsleuten und ausländischen Gästen frequentiert.

Die Gesundheitsexperten waren laut der Londoner "Times" überrascht, bei den Hotelangestellten einen ähnlichen Grad der Verstrahlung zu messen wie bei Litwinenkos Frau Marina. Es sei gut möglich, dass die Täter Litwinenko das Gift in der Bar in ein Getränk oder eine Zigarette mischten, hieß es aus der Gesundheitsschutzbehörde. Jeder, der sich in der Nähe des vergifteten Agenten aufhielt, hätte dann Polonium-Dämpfe eingeatmet. Am größten sei das Risiko für Litiwinenkos Begleiter und das Personal der Bar gewesen.

Die Ermittler vermuten, dass die Mörder den Giftcocktail in einem Hotelzimmer mixten. In einem Raum im vierten Stock hätten die Beamten "bedeutende Spuren" von Polonium festgestellt. In diesem habe ein russischer Besucher gewohnt. Ob es sich um einen der drei Russen handelte, die Litwinenko in der Bar traf, teilte Scotland Yard nicht mit.

Litwinenkos Freund Alexander Goldfarb sagte, Litwinenko habe nach eigenen Angaben in der Hotelbar lediglich Tee getrunken. Dmitri Kowtun, den russische und britische Ermittler bereits in Moskau befragten, erklärte jedoch, man habe auch eine Flasche Gin bestellt. Ob Litwinenko davon trank, daran will sich Kowtun nicht mehr erinnern. Wenn das Gift über eine Flüssigkeit in den Körper gelangt sei, "könnte es eine kleine Zauberkapsel gewesen sein - wie bei James Bond", spekulierte Michael Clarke von der Gesundheitsschutzbehörde.

Die Polizei geht davon aus, dass der Killer Litwinenko den ganzen Tag über in London verfolgte, um einen geeigneten Moment für die Vergiftung abzupassen. So könnte er bereits einen ersten Versuch in der Sushi-Bar "Itsu" unternommen haben. Dieser misslang, doch der Täter hinterließ schon hier deutliche Polonium-Spuren. Radioaktive Strahlung war auch an Litwinenkos italienischem Kontaktmann Mario Scaramella nachgewiesen worden, den der Ex-Spion im "Itsu" getroffen hatte, nicht jedoch bei Mitarbeitern des "Itsu". Genauso maßen die Ermittler Radioaktivität an jedem Ort, den Litwinenko nach seinem Drink in der Pine Bar des Millenium aufsuchte. Krank fühlte sich Litwinenko jedoch erst, als er wieder zu Hause war.

In Moskau hielt das Verwirrspiel um zwei der drei Kontaktleute aus der Hotelbar an. Gestern hieß es zunächst, Dmitrij Kowtun sei ebenfalls stark mit Polonium belastet, er zeige inzwischen die gleichen Symptome wie zuvor Litwinenko und sei in einem Moskauer Krankenhaus ins Koma gefallen. Der Anwalt Andrej Lugowois erklärte jedoch wenig später, der Gesundheitszustand Kowtuns habe sich in den vergangenen Tagen nicht verschlechtert. Die Generalstaatsanwaltschaft hatte nur die Erkrankung Kowtuns bestätigt und mitgeteilt, dass sie auch wegen versuchten Mordes an Kowtun ermittle.

Auch Lugowoi hatte sich in den vergangenen Tagen zur Behandlung in ein Krankenhaus begeben. Seine von britischen Ermittlern angestrebte Vernehmung hatte sich deswegen immer wieder verzögert. Heute erklärte Lugowois Anwalt einmal mehr, ein Treffen zwischen den Beamten und seinem Mandanten könne möglicherweise noch heute stattfinden.

Der am 23. November gestorbene Litwinenko war gestern in einem strahlensicheren Sarg auf einem Londoner Friedhof beigesetzt worden. Er hatte in einer posthum veröffentlichten Erklärung dem russischen Präsidenten Wladimir Putin die Schuld an seinem Tod gegeben.

phw/dpa/AP

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