Giftmord: Russen wittern Komplott des Westens

Für eine Verschwörung des Westens halten staatsnahe Medien in Russland den tödlichen Giftanschlag auf Alexander Litwinenko. Als Mörder wird sogar ein Kritiker von Präsident Wladimir Putin ins Spiel gebracht. Litwinenko hatte Putin auf dem Sterbebett beschuldigt, den Anschlag befohlen zu haben.

Moskau - "Wir reden vielleicht über eine gezielte Aktion gegen das moderne Russland", sagte der Leiter des außenpolitischen Ausschusses der Duma, Konstantin Kossatschew. Im staatlichen Rundfunk hieß es, die Vergiftung Litwinenkos gehe möglicherweise auf das Konto des im britischen Exil lebenden Milliardärs Boris Beresowski.

Litwinenko habe enge Beziehungen zu "gewissen Oligarchen", unterhalten, darunter Beresowski, argumentierte Kossatschew im Sender Kanal 1. Ein Mitglied des Sicherheitsausschusses, Waleri Djatlenko, betonte am Freitag, weder der Kreml noch der russische Geheimdienst habe ein Interesse an Litwinenkos Tod gehabt. Vielmehr sei dies "ein weiteres Spielchen" Beresowskis.

Beresowski kam nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 bei zweifelhaften Privatisierungsgeschäften zu einem Vermögen und war während der Zeit von Präsident Boris Jelzin eine der einflussreichsten Personen. Unter Putin fiel er dann in Ungnade und floh nach Großbritannien, um einer Anklage wegen Geldwäsche zu entgehen.

Zwischen Litwinenko und Beresowski habe es möglicherweise Streit gegeben, aus dem der Milliardär den größtmöglichen Profit ziehen wollte, sagte der Abgeordnete Nikolai Kowaljow. Und am meisten nütze Beresowski, wenn Moskau als Schuldiger des mutmaßlichen Giftanschlags gesehen werde.

Litwinenko hatte Putin auf dem Sterbebett beschuldigt, er habe den Anschlag auf ihn verüben lassen. Die britische Gesundheitsschutzbehörde teilte mit, in Litwinenkos Urin sei eine hohe Dosis des radioaktiven Isotops Polonium-210 gefunden worden.

Putin wies die Vorwürfe zurück und nannte den Tod des Exspions eine Tragödie. Bereits nach der Ermordung der regierungskritischen Journalistin Anna Politkowskaja hatte Putin offenbar mit Blick auf Beresowski erklärt, gewisse Leute, "die sich vor der russischen Strafverfolgung verstecken", wollten andere opfern, um eine antirussische Stimmung in der Welt zu schaffen.

Der finnische Außenminister Erkki Tuomioja forderte Putin am Samstag auf, die Ermittlungen zu Litwinenkos Tod zu unterstützen. Sollte die Tat nicht aufgeklärt werden, könnten darunter "die Demokratie und die Glaubwürdigkeit Russlands leiden", sagte Tuomioja dem Fernsehsender YLE.

Die britische Polizei weitete ihre Ermittlungen unterdessen aus. Unter anderem wurden Mitarbeiter eines Hotels und eines Restaurants befragt, wo sich Litwinenko vor seinem Tod aufgehalten hatte. Dort sowie in seinem Haus waren Spuren von Radioaktivität gefunden worden. Der britische Innenminister John Reid nannte den Tod des 43-Jährigen am Freitag einen "beispiellosen Vorgang".

Steve Gutterman, AP

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