Giftmord Wer ist Viktor K.?

Drei Tage nach dem qualvollen Tod des Kremlkritikers Litwinenko jagen sich in London die Spekulationen: War es die Mafia? Ein eingeschnappter Milliardär? Präsident Putin? Nun wollen Agenten nach Moskau fliegen. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie fündig werden, ist gering.

Von Sebastian Borger, London


Seinem Abschiedsbrief auf dem Totenbett zufolge empfand Alexander Litwinenko seine britische Staatsbürgerschaft “als Ehre”. Doch bisher hat sich noch immer kein britisches Kabinettsmitglied zu dem grausamen Tod des früheren KGB-Oberstleutnants geäußert, der durch eine Vergiftung mit Polonium-210 ums Leben gekommen war. In der Downing Street heißt es offiziell, Premier Tony Blair könne sich wegen des laufenden Ermittlungsverfahrens der Kriminalpolizei nicht einmischen. Im Vordergrund steht offenbar die Sorge vor diplomatischen Verwicklungen. Denn viele Verdachtsmomente deuten darauf hin, dass der wütende Kritiker des russischen Präsidenten Wladimir Putin mit radioaktivem Material ermordet wurde, das aus einer russischen Atomanlage stammte.

Radioaktivitäts-Verdacht in Londoner Hotel: "In Großbritannien bisher nicht dagewesenes Ereignis"
DPA

Radioaktivitäts-Verdacht in Londoner Hotel: "In Großbritannien bisher nicht dagewesenes Ereignis"

Litwinenko selbst beschuldigte vor seinem Tod einen früheren Diplomaten an der russischen Botschaft in London, seine umfangreiche Überwachung organisiert zu haben. Die “Sunday Times” identifizierte den Mann als Viktor K.; ein Mann dieses Namens soll bis Oktober 2005 in London gearbeitet haben. Einem Bericht der “News of the World”, die ebenfalls im NewsCorp-Verlag des US-Verlegers Rupert Murdoch erscheint, handelt es sich bei Litwinenkos Mörder um einen früheren Angehörigen der russischen Spezialstreitkräfte Spetsnaz.

Als einziges Regierungsmitglied brachte der als wenig diplomatisch geltenden Unter-Staatssekretär im Außenministerium, Kim Howells, den Fall auf den Punkt: Man solle nicht vergessen, “dass es sich um einen eingebürgerten britischen Bürger handelte”. Die Regierung sei sehr alarmiert darüber, “wenn britische Staatsbürger auf britischem Boden von Ausländern ermordet werden”. Die Entdeckung des Poloniums-210 sowohl in Litwinenkos Körper als auch an jenen öffentlich zugänglichen Orten wie der Sushi-Bar und dem Hotel, an denen er sich kurz vor seiner Erkrankung aufgehalten hatte, hat das Londoner Regierungsviertel Whitehall aufgeschreckt – immerhin handelt es sich bei der radioaktiven Vergiftung um ein “in Großbritannien bisher nicht dagewesenes Ereignis”, wie die Chefin der nationalen Gesundheitsbehörde HPA bestätigte.

Korruptionsvorwürfe gegen russische Milliardäre

Bereits zweimal wurde der Fall im Kabinetts-Komitee Cobra beraten, dem unter Vorsitz des Innenministers hohe Polizeibeamte sowie die Leiter der Geheimdienste angehören. Am Freitagnachmittag bat ein Spitzenbeamter des Außenministeriums den russischen Botschafter in London um “jedwede Hilfe” für das Todesermittlungsverfahren der Londoner Polizei. Angeblich wurde Kooperation zugesagt; Fahnder von Scotland Yard könnten schon in den nächsten Tagen nach Moskau fliegen, um dort Beweise sicherzustellen und Zeugen zu verhören.

Litwinenko ist der russischen Führung ein Dorn im Auge, seit der damalige Geheimdienst-Offizier 1998 angebliche Anschlagspläne gegen den Milliardär Boris Beresowski öffentlich machte. Nach Gefängnis-Aufenthalten in der Heimat floh Litwinenko im Herbst 2000 über die Türkei nach Großbritannien. Mit Unterstützung Beresowskis ging Litwinenko dem Verdacht nach, der russische Inlandsgeheimdienst FSB habe 1999 mehrere Moskauer Wohnhäuser in die Luft gesprengt und tschetschenischen Rebellen in die Schuhe geschoben. In jüngster Zeit hatte Litwinenko aber auch Korruptionsvorwürfe gegen Roman Abramowitsch erhoben, den Besitzer des Londoner Fußball-Clubs FC Chelsea.

Abramowitsch ist der prominenteste von rund 300000 Russen, die im letzten Jahrzehnt das von ihnen so genannte ‘Moskau an der Themse’ zu ihrer neuen Heimat gemacht haben. Seit der Öl-Kaufmann und sibirische Provinz-Gouverneur im Sommer 2003 den Erstligisten FC Chelsea übernahm und Hunderte von Millionen für neue Spieler investierte, zuletzt für den Kapitän der deutschen Nationalelf, Michael Ballack, kommt Abramowitsch nicht aus den Schlagzeilen. Das Wirtschafts-Magazin Forbes schätzt sein Vermögen auf 18,2 Milliarden Dollar.

Hunderte müssen sich Labor-Tests unterziehen

Auch viele andere russische Neu-Londoner sind sehr reich. Außer Abramowitsch und seinem früheren Geschäftspartner Beresowski gehören weitere zehn zum exklusiven Zirkel der Super-Reichen, die mehr als eine Milliarde Euro ihr eigen nennen; rund 1000 besitzen versteuerbares Vermögen von mehr als sieben Millionen Euro. Immobilienmakler in den feinen Stadtvierteln Belgravia, Knightsbridge und Chelsea - von Spöttern bereits Chelski genannt – machten in den vergangenen Jahren gute Geschäfte mit den Neu-Ankömmlingen. “Die Russen haben die Rolle der wichtigsten Immobilien-Käufer übernommen, die früher Araber oder amerikanische Investmentbanker innehatten”, berichtet Charles Smith von Sotheby’s International Realty.

Für die Kriminalpolizei gilt das Haus der Familie Litwinenko im gutbürgerlichen Stadtteil Muswell Hill ebenso als Tatort wie das Sushi-Restaurant sowie Teile des Milleniums-Hotels in Mayfair, wo der Tote sich zuletzt aufgehalten hatte. Laut “Sunday Times” hat die Witwe des Vergifteten bereits Entwarnung bekommen. Hunderte von Ärzten, Pflegern und Krankenschwestern sowie mögliche Hotel-Besuchern müssen sich aber noch Labor-Tests unterziehen. Auch die Obduktion des Toten wurde mehrfach verschoben, um jede Gefährdung von Ärzten und Helfern auszuschließen.

Auf IRA-Bomben und muslimische Selbstmord-Attentäter hatten sich die Londoner zuletzt notgedrungen einstellen müssen. Jetzt ist der Terror in bisher nicht dagewesener Weise in die britische Hauptstadt zurückgekehrt. Spätestens am Montag wird die Regierung ihr Schweigen zu dem sinistren Fall brechen müssen: Die konservative Opposition hat einen Bericht im Unterhaus verlangt.



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